Rainers Horen
Sonntag, den 04.06.2006 [21:33]
Präsenile Bettflucht trieb uns kurz nach sieben in den anhäusigen Garten mit Blick auf das Ortenauer Ried. Der Schwarzwald im Rücken ist dunkel und schwer. Es riecht förmlich nach Regen. Die Stadt schläft an diesem Pfingstmorgen noch. Nur ganz unentwegte Herrchen und Frauchen bahnen sich den Weg mit ihren kleinen und großen Rackern durch den frischen Tag. Also gleich ohne Hund, mit Mikro raus in den Weinberg.
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Sonnabend, den 03.06.2006 [23:27]
Nach kurzweiliger ICE-Fahrt, deren zeitliche Länge wir mit Christopf Schlingensiefs ¬„Deutschem Kettensägenmassaker” aus dem iBook verkürzten, sind wir endlich im sonnigen Süden angekommen. Leider fängt es jetzt auch hier das Draschen an und aus dem Ausflug nach Taubergießen wird es wohl nichts. Auch hier gab es wieder das Internetproblem. Ein Win98SE-Rechner soll ins Netz. Nun gut. Der Treiber für die Netzkarte war schnell gefunden. Plötzlich kam die bekannte Meldung: „Legen Sie die Original-CD ein.” Nur wo ist sie? Nur gut, dass der Mac sofort im Netz war und eine schwarze Version des SP2 fand. Plötzlich ging alles.
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Freitag, den 02.06.2006 [18:25]
Auch in der Linguistik wird das Tor zu den neuen Medien aufgeschlagen. Seit gestern abend läuft die ¬Kulturemdatenbank. Wir können sie auch liebevoll Kudaba nennen.
In allen Sprachen gibt es Standardformulierungen, die das miteinander der Menschen regeln. Eine Hamburger Linguistin prägte dafür den Begriff Kulturem. In dem Seminar „Kontrastive Linguistk” werden die nun für die verschiedensten Sprachen aufgesammelt. Jeder Sudent ist für „seine” Sprache zuständig – ich selber für Ivrit und Arabisch.
Mittlerweile kann man schon entsprechende Sprechproben hochladen. Das wird doch richtig gut!
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Donnerstag, den 01.06.2006 [09:12]
Da knallte gestern in der Fabrik die Luft. Fast nur Russen warteten geduldig in Ottensen auf den Start. Stilgerecht wurden vorgelötet und gleichmal die Bänke vor der Fabrik mit ? Bierflaschen verziert. In Hamburg leben über 10000 registrierte Russen und ein winzig kleiner Teil füllte ab neun die Ottenser Industriebrache. Zum Einheizen gab es keine Vorband. Dafür lief neben russischen Punk- und Ganovenmusik ein tolles Video.
Also irgendwann ware es voll, die Stimmung gut und dann startete das fulminante Konzert. Fünfzehn Musiker können schon was hinlegen, da bedarf es keiner Bühnenshow mehr! Als einzige „Showmoment” fungierte ein Dreizentnermann, der links vorne an der Bühne saß und Grimassen machte. Da musste kein Licht flackern, kein Video die Sinne betäuben, die Musiker liefen nicht über die Bühne und niemand von den Bläsern macht Verrenkungen oder deutete Fickbewegungen an. Einfach nur Musik! Vom ersten Titel an gab es eine tobende Menge, die ausgelassen auf und nieder hüpfte und sich selig der Musik hingab. Noch nie soviel Körperkontakt mit Russen gehabt! Irgendwann hatten die meisten eine freien Oberkörper und präsentierten ihr „Gewerkschaftshemd”. Leider waren vorne nur Männer, die hübschen Frauen bildeten den äußeren Ring… Nach den ganzen Zugaben ging das Konzert nahtlos in eine Russendisko über. Der Schreiber dieser Zeilen verwandelte sich in einen Tanzbär und genoss die Aufmerksamkeit der tanzenden Russinnen…
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Mittwoch, den 31.05.2006 [19:19]
Heute abend kommt die russische Ska-Punk-Band Leningrad in die Fabrik.
Da sie vor Jahren von der Moskauer Administration verboten wurde, ist sie quasi heiliggesprochen. Wenn die ¬Band in Sankt Petersburg auftritt, herrscht Ausnahmezustand. Dann ist Feiertag für die russische Jugend, und die Behörden treffen Sicherheitsvorkehrungen, wie sie das sonst nur zu 300-Jahr-Feiern ihrer Stadt tun. Und dieses Ereignis kommt in die Stadt an Elbe und Alster. Die Hamburger Jugend hat deswegen nun keinen Feiertag. Dafür kommt heute mal die Sonne raus und verwöhnt uns zumindest optisch. Und das wolkenbricht es und plötzlich jagen Wasserwerfer in Richtung Innenstadt. Ist nun nicht wirklich effektivoll.
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Dienstag, den 30.05.2006 [18:19]
Pfeif- und Trommelsprachen gehören zu den Dingen, mit denen sich Menschen beschäftigen, die gerne unnütze Dinge in ihrem Kopf anhäufen. Also auch daraus kann man eine Wissenschaft machen. Der Nichtkundige könnte denken, dass hier gewissermaßen gemorst wird. Dem ist nicht so. Vielmehr wird die verbale Sprache vom Munde weg auf Trommeln und/oder Pfeifen gelenkt. Das bringt Reichweitengewinn – da kann der Pfeifer zwar seine Geliebte im zehn Kilometer entfernten Dorf kontaktieren, leider hört es jeder mit. Also ist das El Silbo doch kein preiswerter Ersatz für das Handy…
Es soll sogar eine eigene Schrift für diese ¬gomeranische Spezialität geben.

Seit einigen Jahren gibt es nun in der Medizin diese ¬bildgebenden Verfahren, mit denen selbst der Laie sieht, wo gedacht wird. Selbst der SPIEGEL titelte schon vor Jahre: „Gott gefunden”.

Um den Charakter der Spache zu untersuchen, also die Frage zu klären, ob das eine echte Sprache ist, hat man also Pfeifensprachenkundigen (offenbar Gomeranern) und Unkundigen (Preußen) Aufnahmen wie im Klangarchiv vorgespielt.
Und siehe da: dem Kundigen werden die gleichen Areale aktiviert, die auch beim Zuhören von „normaler” Sprache dem ¬Nichtpfeifer aktiviert werden. Prima, was die ¬Wissenschaft heutzutage schon leistet!


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Montag, den 29.05.2006 [23:57]
Im Märchen-TV genannt „MTV” wird gerade im Minutentakt das vorgeführt, was früher in wenigen, überschaubaren Volsmärchen abgehandelt wurde — das Prinzessinnenspiel.
Eine arrogante Königstochter stellt drei unlösbare Aufgaben, an denen sich hergelaufende Ritter und Prinzen die Zähne ausbeißen dürfen. Das Format heißt neXt und bringt die Jugend auf Flughöhe. Nun heute müssen nicht mehr Bedrohungen des Königreiches ausgeräumt oder verlorengegangene Reichskleinodien wieder vom Grunde des Meeres beschafft werden. Nein! Heute hat man als Mann hohe Kompetenz in verbaler Schlagfertigkeit und geschmeidigen, authentischen Tanzbewegungen vorzuweisen. Das Andere kommt dann alleine. Selbstverständlich muss er alle Beleidigungen und Schmähungen lächeln ertragen.
Bei Grimm gibt es ja für alles eine Mär. Die passende ist der König Drosselbart, der solch eine Zicke „erzieht”. Im Märchen kommt es nach kurzer Irritation auf dem Wochenmarkt dann doch zum heilsamen Ende. Schließlich ist eben doch ein tiefgestapelter Prinz. Das mag jetzt metaphorisch oder auch tatsächlich so gemeint sein.

Überhaupt sind die Grimmschen Märchen eine wahre Fundgrube von Beziehungskisten.
Die verzwickteste Konstellation hat wohl Aschenputtel. Bis auf sie (Cendrillon, Cinderella, Cenicienta, La Cenerentola, ???????, ???, ?????, ???????, Kopciuszek) selber, haben alle Beteiligten seltsame Rollen. Feministinnen haben selbst dazu noch eine ¬andere Meinung.

Gehen wir doch mal der Reihe nach durch: da ist der verwitwete Vater, der sowenig Menschenkenntnis hat, dass er gleich nach einem kalten Winter auf die Witwe und Stiefmutter reinfällt, die seine Tochter in der wohl patriachalischen Gesellschaft nicht achtet, sondern sie total unterbuttert. Offenbar hat er es schnell geschnallt und sich nach kurzer Zeit eine Liebhaberin zugelegt, mit der er an dem fraglichen Abend ein paar Stunden verbringen möchte. Also die drei Frauen gehen zur Party in den Palast – was der Vater vorhat, wird nicht erwähnt . Wir ahnen es und die Haustochter wird von der Liebhaberin des Vaters (im Märchern verschämt Fee genannt) ausstaffiert. Sie besorgt ein tolles Outfit und eine standesgemäße Kutsche, die irgendwie aus einem Kürbis und so gebastelt wird. Offenbar braucht sie an diesem Abend beides nicht… Dann trägt sie noch der weiblichen Unschuld und Haustochter auf, sie solle nicht nach Mitternacht nach Hause kommen. So stellt sie sicher, dass das Mädchen die Zeit voll ausnutzt und deswegen auch nicht eher zurückkommt. Wenn überhaupt, kommt sie als Erste.

Jetzt kommt der Prinz: er tanzt den ganzen Abend mit einer Schönheit, ohne sie zu kennen. Das spricht noch für ihn, da er sich damit Konventionen am Hofe widersetzt – ein Verhalten, das durchaus angebracht ist. Aber jetzt kommt es: nach Mitternacht zieht die Maid die Notbremse und rennt mit einem gläsernen Tanzschüchen davon. Er ist nicht Manns genug, sie einzuholen. Klingt unglaubwürdig. Statt, dass er nun selber nach seiner Favoritin sucht, schickt er einen Subalternen los, der alle Damen ausmisst. In der deutschen Variante hacken sich die Stieftöchter noch die Füße klein… Na, jedenfalls bekommen die beiden anderen Töchter noch Herren bei Hofe ab, die allerdings auch nicht gefragt werden, ob und wen sie wollen. Am meisten schweigt sich diese europäische Geschichte über den Vater aus. Muss er dann mit seinem überstürzten Fehlgriff den Rest seines Lebens zusammenleben? Das wäre doch im Grimmschen Sinne kein schönes Ende. In einigen Versionen wird die Schwieger für ihre Gefühlskälte bestraft – dann wäre der Weg für eine glückliche Beziehung mit der feenhaften Nachbarin frei…

Was sich Christen so denken. Heute auf einem Plakat der Nordelbischen Kirche: „…wir suchen die Wahrheit…”. Nicht schlecht – der Anspruch. Aber jetzt kommt es dicke: in barocken Kirchen gab und gibt es eine Demutsglocke. Hm. was macht die wohl? ist schon schlau eingefädelt: die Demutsglocke gibt unhörbaren Infraschall ab, erzeugt Unwohlsein und soll damit bei dem Gläubigen Demut erzeugen. Das ist unsere deutsche Leit(d)-Kultur.


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