Rainers Horen
Sonntag, den 13.08.2006 [08:15]
Meirur. Ein Wort, was nur Eingeweihte deuten können, die entweder in den Achtzigern bei [ Reclam]] einen Sammelband mit dem geheimnisvollen Titel Jenseits des Meirur gekauft haben, das Erzählungen des russischen Symbolismus aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung vereinigte.

Das war und ist eine Literaturrichtung, die durch ihre Sujets und ihre Sprache den Leser sehr emotional in seinen Bann zieht. Es ist nicht die Effekthascherei heutiger Gruselgeschichten, die auch gerne in US-amerikanischen Filmen transportiert wird, sondern der Stil geht viel tiefer. Er kann tatsächlich wunderbare süße Albträume generieren.

Stellvertretend Waleri Brjussows Erzählung ¬„Im Spiegel – Aus dem Archiv eines Psychaters”:

Ich liebte Spiegel schon seit meiner frühesten Kindheit. Als Kind weinte und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und, in seinen Abgrund blickend, mit jedem Schritt den Rand zu überschreiten und vor Schrecken und Schwindligkeit fast zu ersticken. Schon als Mädchen begann ich mein ganzes Zimmer mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig verzerrenden, klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, ineinander übergehenden, schwankenden, verschwindenden und aufs neue erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich mit diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen abgesonderrten Welten, die unsere durchqueren und, im Widerspruch zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und im gleichen Raum existieren. Diese umgestülpte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelfläche getrennt und dem Tatvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer wieder an und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.

Im weiteren Text bemerkt die Protagonistin ganz richtig, dass sie in jedem Spiegel anders aussieht und später beginnt ein Zweikampf zwischen ihr
und einem der vielen Spiegelbilder eben erst gekauften Spiegel in ihrem Boudoir:

Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner Gegnerin. Doch sie tat dasselbe, und so begannen wir, voreinanderstehend, gleich Schlangen einander mit Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarb, und mein Kopf begann sich vor diesem starren Blick zu drehen. Durch eine Willensanstrengung riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann und das Bildnis meiner Gegnerin kläglich auf und ab wippte, und verließ das Zimmer.
Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nähern; ich war mit meinem Mann im Theater, lachte übermäßig und schien sehr lustig zu sein. Am anderen Tag, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im selben Augenblick trat auch jene, die andere, durch die Tür, kam mir entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenüber. Unsere Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf mich, sie in den meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der Augen, zwei unerbitterliche Blicke, die befehlend waren, drohend hypnotisierend. Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu besiegen, ihren Widerstand zu brechen und sie ihren Wünschen untertan zu machen. Welch einen furchtbaren Anblick hätte das geben müssen, zwei Frauen zu sehen, die einander regungslos gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der Blicke gefesselt und vor psychischer Anspannung fast das Bewußtsein verlierend … Plötzlich rief man mich. Der Zauber verschwand. Ich stand auf und ging hinaus.Nun wiederholte sich unse Zweikämpfe jeden Tag. Ich begriff, daß diese Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu verderben und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch ich war bereits zu schwach, diesen Kampf zu entsagen. In dieser Rivalität lag für mich eine geheime Trunkenheit, denn schon in der Möglichkeit einer Niederlage barg sich eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich ganze Tage lang, nicht an den Trumeau heranzutreten, befaßte mich mit anderen Dingen und zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb immer da Bild meiner Gegnerin, die meine Rückkehr zu ihr geduldig und siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin, noch triumphierender als vorher, sie durchbohrte mich mit ihrem Blick und nagelte mich an meinen Platz vor ihr.


Zwischenzeitlich sorgte sich auch die Familie um die junge Dame, hielten sie für verrückt, aber sie konnte und wollte ihr Geheimnis nicht verraten. Dann erriet sie den Plan ihres Spiegelbildes: nämlich ihren Platz einzunehmen:

Doch als meine Hände beim Vorwärtsbewegen vor dem Spiegel ihre Hände berührten, erstarb ich förmlich vor Abscheu. Sie aber packte mich gewaltsam an den Händen und zog mich kraftvoll zu sich heran. Meine Hände versanken im Glas wie in flammend-abgekühlten Wasser. Die Kälte des Glases drang unter furchtbaren Schmerzen in meinen Körper, als ob alle Atome meines Wesens ihr Verhältnis zueinander veränderten. Und nach einem weiteren Augenblick berührte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die ihren ganz nah vor sich, und ich verschmolz mit ihr zu einem ungeheuerlichen Kuß. Alles verschwand vor diesem qualvollen Schmerz, dem nichts vergleichbar ist, doch als ich aus dieser Ohnmacht erwachte, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das ich aus dem Spiegel schaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und lachte. Und ich — o Grausamkeit! —, ich, die vor Qual und Erniedrigung erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, ich musste alle ihre Grimassen wiederholen, ihr triumphierendes und glückliches Lachen. Aber ehe ich meinen Zustand ganz zu erfassen vermocht hatte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, schritt zu Tür, verschwand vor meinen Augen, und ich sank jäh in die Erstarrung des Nichtseins. Danach begann mein Leben als Spiegelbild

Später gelingt es der Dame nach einem zähen Kampf ein zweiter (Rück-)Tausch und der Spiegel wird endgültig aus dem Boudoir entfernt. Sie landet in der Psychatrie und ihre letzten gedachten Sätze sind: ??? ??? ???????, ??? ? ??? ?????? ? ??????, ? ?????? ??? ??? ????????? ? ??? ?????!.. (Wo ist dieser Spiegel, wo kann ich ihn finden? Ich muß, ich muß noch einmal in seine Tiefe schauen!..)

Nun ist diese Geschichte genau 100 Jahre alt und hat (wie ich denke) nicht von seiner mystischen Spannung und seiner schockierenden Sicht auf menschliche Abgründe eingebüßt. Zwei Gedanken kommen beim Lesen: zum einen die Selbstreflektion und Angst, wie nahe und alltäglich doch der Wahnsinn sein kann. Letztlich hat man solche oder ähnliche Gedanken schon mal in ferner Kindheit gedacht – eben nur nicht in dieser Konsequenz.
Zum anderen bewiest die kleine Geschichte, die Johannes von Guenther trotz der starken Poesie im russischen Original doch ganz treffend ins Deutsche übertragen hat, dass unser Gehirn (wie schon früher hier erwähnt) zu akrobatischen Leistungen fähig ist.

Man begegnet ja nicht selten Zeitgenossen, die sehr fest an solche Hirngespinnste oder noch verrücktere Ideen glauben. Oftmals nur aus Dummheit oder mangelnder Erfahrung glauben die dann beispielsweise an die Waschzettel, die PR-Firmen über „Künstler” verbreiten. Nicht umsonst gibt es im Lhasatibetanischen zwei Verbformen: einmal, wenn ich die Tatsache, über die ich jemandem was mitteile, selbst wahrgenommen habe und zum anderen eine Verbform, falls ich nur vom Hörensagen davon was weiß, besser gesagt daran glaube. Nun gibt es junge Menschen, die die elterliche (komisches Wort, müsste konsequenterweise „mütterliche” heißen) Wohnung eigentlich nie verlassen und ihre gesamten Erfahrungen über unsere Welt über die vierzig Fernsehkanäle beziehen. Da werden als Beweis irgendeines PR-Quatsches Aussagen aus gerader dieser Buntkiste zitiert. Ist das nicht zutiefst religiös? Schon im Buch „Wie diskutiere ich mit einem Fundamentalisten ohne den Verstand zu verlieren – Anleitung zum subversiven Denken” wird die Unmöglichkeit beschrieben, auf dieser Ebene eine echte Diskussion zu führen. Müsste ich doch in die Überebene gehen und die Erntshaftigkeit des Informationsspenders in Frage stellen. Aber genau das wäre ja ein Saltomortale im Kopf. Das geht ja soweit, dass Inhalte von MusicVideos als Dokumentation wahrgenommen werden… Das erscheint in meinem Gehirn so absurd – da bleibt die Spucke weg und im Kopf kämpfen zwei Impulse: sofortiges Gesprächsende, um dann wieder als unempathischer, arroganter Depp dazustehen oder eben zu intervenieren, was wie oben dargestellt systembedingt aussichtslos ist.

Nun, es scheint als ein Teil des Lebensglücks, wie wohl man sich auf dieser Welt wohl fühlt und in wieweit soziale Grundbedürfnisse befriedigt werden. Eric Berne postuliert in dem Zusammenhang drei Grundbedürfnisse der Menschen:

(1) Bedürfnis nach zeitlicher Struktur (Kampf der Langweile)
(2) Aufmerksamkeit und Achtung (manchem reicht da schon ein Hund)
(3) Erklärung der Welt (Zufall wird nicht zugelassen, „G*tt würfelt nicht”)

Jeder Mensch wird das wohl anders wichten, aber eines ist doch klar: Religionen erfüllen auf geniale Weise alle drei Wünsche auf einmal. Sie strukturieren die Zeit durch Gebete, Jahresfeste und Endzeiterwartung; sie geben Aufmerksamkeit, wobei die in einem selber stattfindet; und sie erklären die Welt, stellen Zusammenhänge her. Das scheint den großen Erfolg der Religionen, gleich welcher Coleur, zu begründen. Zugleich steckt darin aber auch die Gefahr: fällt die Gottgläubigkeit weg, dann entfällt ein großer Teil der Sinngebung. Im ¬heutigen 9:00-Uhr-Sonntagsgespräch im Deutschlandfunk mit dem Philosophen ¬Kurt Flasch war das Thema Religion, Dogmas und Kampf der Kulturen. Zum Schluß wurde der Philosoph gefragt, ob er Atheist sei. Seine Antwort: „Geht das überhaupt?” – das war nun wirklich sehr weise geantwortet. Überhaupt waren die Ausführungen sehr stimmig und weise.

Das war wieder eine der mythenmetzschen Abschweifungen. Ja, das Lebensglück? Eine Heransgehensweise wäre das Stöbern in Profilen von Singlebörsen. Da scheint sich ein Konzentrat von Wünschen zu versammeln. Zumindest erscheint dort eine großer Konsens über Glücksvorstellungen zu herrschen – wenn man einmal von psychopathischen Frustmuscheln und extravaganten Spinnern und Spinnerinnen absieht.
Trotzdem ist eine dortige Probennahme nicht zielführend. Ganz banal: es ist nicht der Durchschnitt unserer bundesdeutschen Gesellschaft. Und was noch schwerer wiegt: nirgends wird soviel geflunkert wie auf solchen Marktplätzen. Bestenfalls spiegeln solche Texte wieder, was sich die meisten Leute denken, was wohl gut ankommt. Obwohl genau das oft nicht beherzigt wird. Also von einem Herren unbedingte Treue zu erwarten ist schon wahnwitzig, zuckt wohl jeder Mann bei dem Gedanken von ausnahmsloser Monogamie zusammen, ist es doch gegen seine Natur.

Nein, was Lebensglück ausmacht lässt sich in Singlebörsen wohl nicht lernen.
Langsam steht die Großstadt auf.
Seit zwei Stunden auf der Liebesinsel im Stadtpark sitzend ist es ein großer Genuß für die Seele dieses Erwachen ganz bewußt in sich aufzunehmen. Heute früh war es noch ganz still – lediglich ein Schwimmer dreht (illegalerweise) seine Runden im Alsterwasser des Stadtparksees. Enten gahken rum, der Schwan schaut uns neugierig zu. Jetzt kommt plötzlich ein akustischer Tausendfüßler vorbei. Er kommt von hinten links, schwillt an und verschwindet in der Ferne. Ob das Geräusch von zig Nordicwalkingstöcken in zehn Jahren noch bekannt ist? Die Hunde werden gebadet, das plantschende Geräusch vermischt sich mit Kindergeschnatter: „Da brauchen wir ein Taschenmesser, Mutti, da brauchen wir ein Taschenmesser.” Das einmalige Geräusch des Wasserflugzeuges werden wir nun nie wieder hören, nachdem es eine dramatische Notlandung auf der Veddel hinsetzte.

Nun kommen auch wieder die drei älteren Herren mit ihren funkferngesteuerten Segelbooten, die sie wieder bis zum Aufbrauch der Servobatterien auf dem See kreuzen lassen.
So langsam kommt die Seele zur Ruhe. Es macht sich die berühmte (bayrische) Gemütlichkeit breit, die Gerhardt Polt so wunderschön und treffend beschrieben hat. Jetzt noch ein Bier?. Aber nein, dann kommt wieder der schwere Nischel und die Leichtigkeit des Tages ist dahin.
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Sonnabend, den 12.08.2006 [09:54]
„Obatzter” – ist das nicht das vegetarische, süddeutsche Pendant zum ¬Hamburger Labskaus? Es sieht jedenfalls optisch der Matrosenkotze ganz ähnlich. Überhaupt scheinen landestypische Spezialitäten keine gute Optik zu haben, sollen aber lecker schmecken. Bei Labskaus ist es noch nicht getestet…

Überneulich in Plobsheim im Elsass wollten die Kinder ihren Hunger stillen und im Golden Anker gab es vielerlei. Wie die Kids nunmal sind fiel die Wahl auf Würstchen, im Elsass Andouilette genannt. Böse Falle!.

Es sieht von außen wie eine leckere, etwas dickere Wiener aus – schneidet man sie aber an: ohweia – da ist dann wohl das gleiche wie in der deutschen Wurst drin, aber eben ungecuttert. Da purzeln einem Darmzotten, Aorten und Schlimmeres entgegen! In Südthüringen und speziell Sonneberg heißt das übrigens Saure Schnittla und hat ähnliche Bestandteil. Dieses Gemenge gab es regelmäßig in der Kantine des Saalfelder Zeiss-Betriebes (vielen Dank an Barbara K.).
Dort wird es zu Kartoffeln in einer süßsauren Blutsoße angerichtet…

Aber damals im Elsass: keiner wollte die Kostbarkeit essen. Auch ich (als Vorbild) nicht.

Der Dialog: „Sarah, das sieht ja wirklich lecker aus, lass Dich mal von der Ansicht nicht ablenken.”.„Papa, möchtest Du es vielleicht, wenn es so lecker ist?”. „Ach nein meine Liebe, ich will es Dir nicht wegnehmen.”.„Papa, jetzt glaube ich fast, Dich ekelt es auch!” „Du hast recht, besonders die weiße Mehlsoße, die da gerade drüber läuft.

Jedenfalls und als Ende vom Lied war die ganze Mischpoke danach noch im Bord du Rhine und hat sich den Bauch mit Cuis de grenouile avec sauce provençale vollgeschlagen. Hm, danach noch das Baguette in der Olivenoel/Knoblauch/Petersillen-Tunke ausdittschen, Das ist doch was Reeles!

Es ist doch immer das gleiche: Überneulich in einer toskanischen Kleinstadt, da bestellt jemand Trippa con Polenta. Schon der Name sollte abschrecken. Es sah aus wie (ost-)deutsches Raguhfeng und nachdem wir (oder ich?) die leckere Käsetarnung abaß – da lächeln uns so Darmzotten usw. entgegen. Kirsten (großen Dank!) aß es tapfer — man muss doch Vorbild sein – oder?
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Freitag, den 11.08.2006 [11:00]
Ist das Sammeln von Fahrradklingelklingeltönen schon ein Tic? Die Frage wurde heute schon gestellt. Jedenfalls kann man mal reinhören und sich an der Vielfalt der Warnsignale ergötzen.

Die Idee wurde nach einigen Flensen zum Ende RadCity-Redaktionssitzung geboren. Es wird also in Zukunft eine Runterladmöglichkeit für die Generation Download geschaffen, um echt stylisch sein Handy klingeln zu lassen.
Apropos „Runterladen”: was für Dateiformate muss man da anbieten – reicht da MP3? Eine kurze Recherche ergibt, dass Samsung mit seinem ¬SMAF aus der Reihe tanzt. Also das Konvertierungsprogramm von Yamaha geholt und mal getestet. Da leistet Yamaha offenbar Heldenhaftes: als Eingang nimmt der Konverter eine reine Sounddatei und daraus wird was midimäßiges gebastelt. Das ist, als ob man aus dem Gehackten (Mett) wieder das Schwein rekonstruieren möchte.

Die jungen Damen wurden heute am Hamburger Hauptbahnhof verabschiedet. Die Wohnung haben wir bisher nocht nicht wieder gesehen…
Flash wird benötigt!
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Donnerstag, den 10.08.2006 [14:29]
Es soll Menschen geben, die können nicht lieben. Als Christoph Schlingensief (Bild links, Klick darauf startet Film) als Jugendlicher einen von ihm gedrehten Film einem illustren Publikum vorführte, nahm ihn jemand (ein gewisser Gerit ) beiseite und erklärte: „Du wirst niemals einen Menschen lieben können.” Das hat Christoph wohl sehr erschüttert und er drehte gleich danach schuldbewußt einen schmalzigen Liebesfetzen Punkt, der wiederum in seinem wohlmeinenden Sarkasmus mündete – war wohl nichts mit Romantik…

Ist Liebe oder gar Romantik nicht das Gegenteil von Realismus – so wie Kuhlnis der Gegenspieler von Pragmatismus ist?

Auch ein Schlingesief greift sich ab und ruft neue Aktions-Künstler (Ups: Interventionskünstler) auf den Plan.
Der in Bayreuth geborene ¬Peter Kees nennt sich selber provokatorisch der bessere Schlingensief und betrachtet sein Leben als Ich-AG und stellt Rechnungen aus. Gute Idee, hat ihm sogar einen 10,- € Bahngutschein und einen ¬im Deutschlandradio eingebracht. Hat man es nicht geschafft, wenn man karrikiert oder anderweitig zitiert wird?

Was ist nun mit der Lieblosigkeit im Hier und Heute?

Je mehr die ¬Zeit im Sauseschritt vergeht, um so mehr scheint es so, als ob alles in dieser Welt meßbarer und eben auch prognostizierbarer wird. Das ist zum einen dem allgemeinen dem technische Fortschritt, aber besonders auch dem Internet geschuldet, das Erkenntnisse beschleunigt verbreitet. War es noch zu Goethes Zeiten nicht klar, wann und ob man überhaupt zum Zielpunkt seiner Reise ankam, besteht heute eine große Sicherheit, die Reise von Weimar nach Rom zu überstehen und der Zeitpunkt ist auch recht genau.
Es scheint, als ob diese zunehmende Regulierbarkeit und Berechenbarkeit des Lebens auch auf den Bereich der privaten Beziehungen zwischen den Menschen abfärbt. So gibt es seit Langem schon Internetbörsen, in denen Hoffnungen zwischen potentiell Liebenden geschürt werden und seit Kurzem wickeln zwei Hamburger Agenturen das Ende von Affairen ab. Falls es also mal nicht mehr quietscht und brummt, kann man sich für unter 50,- € den Stress abnehmen lassen. Und das auch noch professionell, das hat Schneid. Oder wie man heute gerade noch sagt „es ist cool”.

Es ist überhaupt eine nette Tendenz: da denken sich Existenzgründer Dienstleistungen aus, die man bisher in Eigenregie durchgezogen hat. Und plötzlich wird es zum Standard, wer es selbst macht, sit als Sparstrumpf und Dilettant detektiert. Wer will heute schon noch eine Familienfeier selber ausstatten oder eben auch einen Expartner auf den Mond schießen?

Und wieder haben heute unsere aufmerksamen europäischen Sicherheitskräfte einen Anschlag vereitelt und damit eine menschliche Tragödie vereitelt
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Mittwoch, den 09.08.2006 [23:45]
Das wäre also geblieben, wenn die bewaffneten Organe des ehemaligen Arbeiter- und Bauernparadieses nicht stets wachsam und gefechtsbereit mit der Waffe in der Hand (wie wir wissen erfolgreich), den antifaschistischen Schutzwall zur BRD und zum besonderen politischen Gebiet Westberlin vor den Hegemonieplänen der Bonner Ultras verteidigt hätten: eine Alu-Blechmarke, deren abgebrochen Hälfte den nächsten Angehörigen zugeschickt worden wäre.

Wie locker doch immer noch dieser stählerne Stil von der Feder fließt! Gelernt ist eben gelernt., oder wie der große Meister Frank Zappa (†1993) so treffend (nicht ganz stubenrein) bemerkte: „Playing guitar is like fucking – you never forget it. Although you're very stupid”.

Anfangs durfte der Horist nur täglich die Truppenstärke im Stab melden, die Verpflegung in der Kantine bestellen, die schmutzige Bett- und Unterwäsche in der städtischen Wäscherei abgeben/abholen und für dei Herren Offiziere Kaffee kochen und Bockwürste heiß machen. Das füllt natürlich nicht einen Tag in der Kaserne, so wurde bald das schriftstellerische Talent entdeckt und ich durfte die Restzeit am Tage damit verbringen, schwülstige Texte zu verfassen. Und was da nicht alles Not tut: da gab es die Zielstellung und Auswertung des Sozialistischen Wettbewerbes für die Kompanie, die Parteigruppe und für die FDJ. Das muss alles erstmal ausgedacht und aufgeschrieben sein. Da gab es keinen PC, nur eine Erika-Schreibmaschine aus Sömmerda. Die Lobeshymnen und kleinen Kritikchen mussten natürlich alle individuell formuliert sein. So gab es jeden Monat einen neuen Kampfauftrag. Eine echt stressige Zeit war immer kurz vor und nach Parteitagen. Da musste es besondern geistig sprudeln.

Eines Abends stand die Aufgabe an, eine Wandzeitung zum Thema des ersten Deutschen im Weltraum zu gestalten. Das war übrigens das einzige Mal, daß in der DDR-Sprachregelung das Wort Deutscher verwendet wurden durfte. Zum Verständnis der kleinen Episode muss der Leser noch was von der Regelung zum persönlichen Rundfunkempfang bei den bewaffneten Organen wissen. Dazu musste ein Antrag beim Politoffizier gestellt werden. Die Genehmigung für das Radio bekam man nur, wenn man ein Guter war und zusätzlich das Gerät „gekennzeichnet” hatte. Was hat das zu bedeuten? Die Stellen auf der Frequenzskala, auf denen Stationen des demokratischen Rundfunks der DDR lagen, mussten dauerhaft gekennzeichnet sein – beispielsweise mit Lack oder mit Heftpflasterstreifchen. So war gewährleistet, daß sich der Soldat nicht rausreden kann, er hätte nicht gewusst, daß er Kontakt mit dem Klassenfeind aufnimmt.

An dem besagten Tag im August 1987, an dem Sigmund Jähn aus Morgenröthe-Rautenkranz in einem sowjetischen Raumschiff die Erde umkreiste, traf ich mich mit einem Berufsunteroffizier und einem Dreijahresfreiwilligen im Dienstzimmer
des Polits, um dem Trubel des abendlichen Stuben- und Revierreinigens zu entgehen und um angeblich was Sinnvolles zu tun. Das dortige Röhrenradio ¬Dominante vom stellvertr. Kompaniechef war natürlich nicht gekennzeichnet ;-))

Wir also das den Röhrensuperhet eingeschaltet und auf lockere Musik geschraubt. Kaum haben wir es uns gemütlich gemacht ging die Tür auf und der Offizier vom Dienst, irgend so ein Oberstleutnant vom Stab Grenztruppen, tritt polternd ein. Ich springe zum Radio und mache es leise. Er: „Genosse Gefreiter, machen Sie es nur laut!” Ich gehorche und plötzlich schalllt es: „Hier ist RIAS Berlin, die freie Stimme der freien Welt.”. Das war ein Kapitalverbrechen. Wir mußten sofort eine Stellungsnahme schreiben. Es ist tatsächlich nichts nachgefolgt, weil wir abgesprochen aufschrieben, wir hätten das Ding nur eingeschaltet und nur aus schierer Höflichkeit leise gedreht. So war der Ball wieder bei der Obrigkeit und gut ist.
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Dienstag, den 08.08.2006 [23:40]
So ungefähr wie die arme Seele im Kochtopf des Teufels rußiger Bruder fühlen wir uns, wenn wir einmal im Quartal die Sachen fürs Finanzamt fertig machen. Da tippt man alles fleißig ein und bucht und und tut und wenn man dann die Elster-Zusammenfassung aufruft, kommen einem unwirkliche Zahlen entgegen. Ist das nicht ein Drama?

Da hilft es nicht begnadeter Programmierer und Systemadmin zu sein – nur Nummern aufzuschreiben und einfache Zahlen addieren, das übersteigt dann den Intellekt. Das Finanzamt schaut zu wie man schwitzt, der Deckel ist nur wenig geöffnet, der Helfershelfer lupft nur zu seinem Ergötzen.

Im Märchen soll der Teufelshelfer in der Hölle immer nur schüren und nicht schauen, wer das geqält wird. Es ist also der Ausführende im Befehlsnotstand oder mit Kafka gesagt Herr K., der nichts von seiner schuldhaften Verstrickung weiß. Im Helfer siegt die Neugier und er schaut nach. Da entdeckt er im Topf ehemalige Vorgesetzte und legt nochmal Kohlen nach. Der zurückkommende Teufel kritisiert zwar den Regelverstoß, geht aber darüber hinweg, weil er unaufgefordert die Qual erhöht hat.
Ein kleines, von den Grimmbrüdern aufgeschriebenen Märchen enthält das große menschliche Problem von Schuld und Sühne, das letztes Semester auch Leitthema des Interreligiösen Dialog an der theologischen Fakultät der Hamburger Uni war und Anlaß zu viel Kurzweil an Mittwochnachmittagen war. Aber eines ist klar: nach christlicher Ansicht is der Mensch immer sündig, nach Schopenhauer wohl auch hängenswert, nach jüdischer Sicht gerade nicht.

Das zeigt sich schon in der Interpretation von Kafkas „Prozess”. Selbst im Nachwort der DDR-Gesamtausgabe (Oesterreichische Bibliothek) wurde voll die christliche Denke verbreitet. Es sei nämlich so, dass Herr K. selbstverständlich schuldig ist – er weß es nur nicht und wundert sich bis zu seinem abrupten Lebensende. Nach jüdischer Interpretation beschreibt der Roman den Fatalismus dieser Welt. Der Herr K. ist ein ganz normaler Mensch, der aus heiterem Himmel vom Schicksal gebeutelt wird. Sicherlich ist der Roman „nur” eine Ausgestaltung von ¬Der Schlag ans Hoftor.

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