Rainers Horen
Sonntag, den 24.09.2006 [09:35]
Endlich mal ein Magazin, dass sich nicht liebedienerisch an ein Massenpublikum à la ¬Alster- oder ¬Isarbibel wendet, sondern ganz keck anders sein will und seine Leser vorsortiert. Bemerkenswert ist schon der Name ¬Gazette. Er suggeriert von der Begrifflichkeit ein Tagesblatt, ist aber ein Format mit größerem Abstand des Erstverkaufstages. Schon das qualifiziert und passt in das Konzept der „Entschleunigung“. Was ist das für eine Paternosterfahrt in anderen Redaktionen! Redakteure darf man auf dem Gang nicht ansprechen, da quasi immer Heftschluss ansteht und beim nächsten „Bescheid“ kommt es sicher noch ärger. Innenseitlinge aus dem Verlagshaus in der Nähe der MHH kennen das nur zu gut…

Gestern nun der von der aus Würzburg stammenden Brigitte Baetz gebaute ¬Beitrag im Deutschlandfunks „Markt und Medien“ — mehr geht nicht.

"…Der Schritt entstand auf der Terrasse hinter uns, wo wir als Online-Redaktion zusammen saßen und einer sagte: warum machen wir das eigentlich nicht im Papier. Wenn's gut geht, dann haben wir Freude daran gehabt und wenn's nicht geht, ist kein großer Schaden passiert. Ganz so einfach war es dann doch nicht.…

Als Geschenk zur Medienpräsenz wollen auch die Horen nicht zurückstehen und hier eine kleine, feine Volltextsuche im Archiv anbieten:

Es kommt zwar aus dem südlichen München, aber das muss nicht besagen, zumal es dort schon eine gewisse Tradition an anspruchsvollen Formaten gibt. Da wäre beispielsweise das Urgestein ¬te/epolis, ein reines Onlinemagazin, das vom Heiseverlag in Hannover gesponsert wird. Bisher hat es leider noch keine so schöne Volltextsuche ;-)). Gruß an Florian!

Und wie geht das alles so schnell und das noch über Bundesländergrenzen hinweg?
Ein kleines Script holt auf Aufforderung des Chefredakteurs alle verlinkten Artikel aus dem Archiv, zieht dort alle Texte raus und parkt sie in einer SQL-Datenbank. Der Rest ist pfiffige Programmiererbeschäftigung am Sonntagnachmittag im Monat September.

Flash wird benötigt!
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Sonnabend, den 23.09.2006 [00:35]
Putsch in Bangkok / Reeperbahnfestival auf dem Hamburger Kiez — was ist schlimmer? Der Putsch hat auch gute Seiten: Nugi ?? konnte den durch das Chaos verursachten arbeitsfreien Tag nutzen und sich eine langersehnte Mikrowelle kaufen. So hat die große Politik seine Auswirkung auf das Leben der kleinen Leute aus den Vorstädten. Und irgendwann erzählt dann vielleicht eine entfernte Thailänderin ihrer Enkeltochter bei Entrümpeln des Dachbodens die Geschichte vom Militärputsch, dem Schnäppchen beim Thaikarstadt, dem guten Freund aus Deutschland und von der guten alten Zeit, „als das Wünschen noch geholfen hat“.

Das war auch die wirre Zeit, in der die Obrigkeit des neuen Regimes erstmal vorhandenen Führerscheine aus finsteren DDR-Zeiten aufgebraucht hat und ganz ungeniert den Bundesadler auf ostzonales Papier plazierte.

Die aufmerksame Betrachterin wird das Fehlen des Geburtsdatums bemerkt haben. Das hat so wie auch das Bild datenschutzrechtliche Gründe. Oder will hier jemand unaufgefordert Spaßlieferungen aus dem Versandhandel haben?

Da kam doch mal eine „Internetbestellung“ an. Gut, die Verpackung war diskret, der Absender war nicht zuordenbar. Gut verpackt kam aus dem Päckchen ein reiner Funktionaldildo, also einer ohne Versuch, das männliche Geschlecht detailgetreu nachbilden zu wollen, mit der Marke BIG ONE rausgefallen. Das Nachspiel ist hier schon aufgezeichnet – Stichwort Leberwurst.

Da hat nun ein gewisser Gerhard Henschel sich dem Martyrium des täglichen BILD-„lesens“ unterzogen. Klar, wer das eigentliche Zielpublikum ist, das sind nicht die ¬Gazette-Leser. Die Schnittmenge zwischen beiden Formaten dürfte da nur aus berufsmäßig Wissensdurstigen bestehen. Nein, ihn interessierte, warum soviele Menschen des öffentlichen Lebens „Angst“ haben und letztlich kolaborieren. Der Kanzler Schmidt soll sich einmal in dem Sinne geäußert haben, dass wenn man es sich mit BILD verscherzt, eine politsiche Kariere beendet ist.

Bild ist nicht Pop, sondern Gosse. Bild ist das Sexualorgan, das Millionen impotente kleine Männer von der Straße als ihr eigenes empfinden, und sei es nur zur Befriedigung des Durstes nach Rache an den Reichen und Schönen, die sich durch Reichtum und Schönheit an den sittlichen Idealen eines immer noch kaufkräftigen Mobs versündigt haben.
[…]
Daß zwölf Millionen Schwachköpfe wissen möchten, wer nun wem »am drallen Allerwertesten« gefummelt habe, und daß es ein ehrloses Klatschblatt gibt, das solchen Wissensdurst stillt und die Ehekräche primitiver Schlagerfuzzis bekochlöffelt – damit könnte man leben. Aber daß eine Kulturnation bis hinauf in die höchsten Spitzen der Regierung, der Wirtschaft und der Erbverwalter Goethes mit diesem Zentralorgan der Unterhosenspionage paktiert, ist ein Skandal. In Bild gurgelt der Gully obszön vor sich hin. Wer in dieses Abflußrohr hinabsteigt, der hat seinen Geist aufgegeben. Wer Bild als Kolumnist oder als Interviewpartner dient, der ist ethisch gerichtet und hat seinen intellektuellen und moralischen Bankrott erklärt.


Nun sind solche wertenden Betrachtungen eine typisch christlich/jüdische Erscheinung. Ein Hindu mit seiner Grundeinstellung zur Differenziertheit der Menschen käme nicht auf die Idee, sich zu echauffieren. Es ist doch klar, dass Menschen verschieden sind, dann haben sie auch verschiedene Bedürfnisse an Information und Kommunikation.

Das Buch von Henschel steigt aber nicht in den Unisonochor der Medienschelter ein, sondern setzt neue Akzente. Ihm geht es um die Macht von BILD, die aus der Angst der Prominenten erwächst. Und genau diese Angst kommt aus der mentalen Gleichmacherei, was genauso ein westeuropäisches Wort wie Demokratie ist. Von er man eigentlich nicht viel halten kann, wenn ein großer Teil der Wähler BILD „liest“ und sich den ganzen Tag im Privatfernsehen suhlt.
Die Schelte gilt also nicht den Medien, sondern der Gesellschaft. Die Medien und besonders das Fernsehen sind ein mehr oder weniger exaktes Abbild der Gesellschaft. Das muss niemand lenken, das ist das Ergebnis eines perfekten kybernetischen Regelsystems. Wer schon mal Redaktionssitzungen beigewohnt hat, wovon hier geschrieben ist…

Ist schon erstaunlich, was uns der französische Aufklärer des 18. jahrhunderts François-Marie Arouet (genannt Voltaire) schon sagen könnten, wenn wir hinhören würden. In seinem Candide ou l'optimisme läßt er uns an der ganzen metaphysischen, theologischen Kosmolonigologie dieser Welt teilhaben. Einfach mal reinhören – der Spaß ist gewiss.

Wer nach den 80 Minuten noch nicht satt ist, hier ist noch eine Bearbeitung unter dem Namen ¬Der Optimist von Noël Sanssouci

Weil es immer wieder Spaß macht was Neues zu lernen, kommt jetzt nach AJAX ¬Ruby on Rails.
Klingt erstmal spannend was da so geht.

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Donnerstag, den 21.09.2006 [22:51]
„Duldung trotz Missbilligung“ so heute Martin (und doch nicht „camerad de misère“) auf dem donnerstäglichen (oh welch eine schönes Wort) Goldbekmarkt am Demeterstand. Ähnlich dem Gopalam ist auch hier der ?-Faktor besonders groß. Aber ich glaube, es ist hier besonders die völkische Kornkomponente. Hier versammelt sich das Bodenständige. Und Martin war durchaus ein spannender Gesprächspartner. Wie schnell man doch aus Alltagsgespächen über das leidige Wetter oder dem dusseligen Papst zu wirklich wichtigen Thema wie Voltaires Candide oder zu Schlingensief kommt – und zum „DU“

Apropos: die Muslime sollten nicht deutsche Fahnen abfackeln. Es hat sich offenbar im Bewusstsein nicht durchgesetzt, daß der Papst nicht Deutscher, sondern in erster Linie Bayer ist. BILd sollte also nicht titeln „Wir sind Papst“ – sondern es sollte heißen „Mir san Papst“ Wenn das südlich des Mittelmeerres klar wäre, würden nicht die falschen Fahnen verbrannt. Überhaupt sollte das leichter von den Händen gehen – immerhin gibt es einschlägige Erfahrung mit dem Autodafé von blau-weißen Fahnen.

Was soll das Bildschirmbild rechts? Es ist das Ergebnis eines Schaffensrausches am Nachmittage. Hier können Theater ihre Spielpläne in eine Aufführungsdatenbank einhacken. Was haben die davon? Keine Ahnung – na jedenfalls sind die Daten strukturiert erfasst und aus dem Datenpool kann dann Mannigfaltigtes gebaut werden: Webseiten, Infos für das U-Bahn-Fernsehen (Stichwort: TrainInfoScreen) oder Rundbriefe.
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Mittwoch, den 20.09.2006 [22:55]
Unserer Volltextsuche klappt ja schon ganz flott, aber die sportliche Herausforderung besteht darin, sie auch unicodefähig zu machen. Leider findet sie zur Zeit nur europäische Texte. Schon russische Texte werden nicht gefunden. Da muss also eine Tiefenanalyse her.

Die ¬Köhntoppschen Gedanken zum Zeichensatzärger bringen schon mal die Klarheit, dass es offenbar an der Datenbank nicht liegt. Eine direkte Ansprache via SQL liefert stimmige Ergebnisse. Nun ist bei Ajax das Debugging nichttrivial. Das wunerbare Schnüffel-Werkzeug ¬Ethereal bringt es zu Tage: der Ajaxclient von ¬openrico verschickt XMLhttp-Anftagen in exotischer Codierung,

Das sieht so aus: die absendende Seite ist selbstverständlich in UTF-8, ASCII-Zeichen (A bis Z, Ziffern) werden als solche versendet. Das wäre noch konform. Zeichen, die im westeuropäischen Zeichensatz sind (äöüßéà...) werden in Latin-1 geschickt. Das heisst beispielsweise aus einem umgelauteten 'o' wird F6 und nicht wie zu erwarten C3B6. Hm. Noch schriller komt es jetzt: nach Eingabe eines kyrillischen ? sendet der Client die Sequenz '75303434 34' was nichts anderes als die Unicodedarstellung für das ?, nämlich '%u0445' darstellt.

Die Lösung: egal was kommt, es muss im reinsten UTF-8 vorliegen. Die UTF8-Class von ¬YACS ist Dein Freund. Durch geschickte Kombination von Methodenaufrufen wird aus dem Ajax-(Javascript?)-Codemix schönes UTF-8 und dann klappt es auch mit der Volltextsuche in Farsi oder Devanagari.
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Dienstag, den 19.09.2006 [08:37]
Der Staat braucht immer neue Einnahmequellen zur Finanzierung der Riesenlöcher Hartz IV und Libanonfriedensmaßnahme.

Nun sperren sich manche Zeitgenossen vor der GEZ und behaupten weder Radio und Fernseher zu haben. Selbst der Besitz von internetfähigen PCs und Macs erfasst noch nicht alle Bevölkerungsschichten. Wäre es nicht ganz banal? Man richtet eine kostenlose Telefonnummer ein, deren Anruf das Programm beispielsweise der Deutschen Welle zu Gehör bringt. Nach dem Reichsrundfunkgesetz von 1935 („wer Gerät bereitstellt, welches grundsätzlich geignet ist… ) wäre dann jeder Inhaber eines Telefons (Festnetz oder Mobil) GEZ-pflichtig. Das wäre doch die sauberste Lösung, um auch noch die letzten Schwarzhörer aus ihren Schlupflöchern zu locken.
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Montag, den 18.09.2006 [11:53]
Und weil das Poem über den deutschen Barren, an dem sich Frauen emanzipieren sollten, so schön ist, ist es dem heutigen Klangarchiv angefügt. Der Sprecher kommt aus der Mitte von Thüringen und obwohl er schon viele Jahre in Hannover und Hamburg lebt und sogar eine Phonetikausbildung an der hiesigen Uni absolviert hat, ist die Mundart unüberhörbar.
Das ist natürlich nicht anatomisch bedingt. ;-)) Wenn dem so wäre, dann müssten ja Afrikaner, die in Hamburg geboren sind, die typische gutturale Aussprache drauf haben. Haben sie nicht. Nun gibt es in anderen Sprachen auch unüberhörbare Dialekte, wie das Südfranzösische oder das Französische, wie es im Elsass gesprochen wird – wir reden nicht vom Elsässischen, das dem Allemanischen ähnelt. Aber in Deutschland ist es durch die späte Reichsgründung 1871 bedingt doch sehr viel stärker ausgeprägt.

Es gibt wohl kaum einen deutschen Dialekt, der nicht negativ konotiert ist. Besonders fallen natürlich die hochdeutschen und mitteldeutschen Dialekte auf. Sächsisch hat sowas Prolliges, Berlinisch sowas Großschnauziges, Fränkisch was Niedliches und Schwäbisch/Badisch sowas Geschäftig/Putziges an sich. Wie man gleich merkt, haben die Assoziationen was mit Vorurteilen zu tun. Denn: auch der Sachse ist nicht nur gemütlich, sondern auch sehr weltmännnisch und fichelant. Hat doch ein Auswanderer aus Sachsen das bekannte Wort dieses Planeten geprägt: das O.K..

Also der Ottfried Ketscher aus Hohenstein-Ernsttal (wo auch Karl May herstammt) hatte einen Job in der Gütekontrolle und Verpackung einer großen Nähmaschinenfabrik an der Ostküste bekommen. Er prüfte also die Maschinen, nagelte die Holzkiste zu und brannte dann als „Gütestempel“ seine Initialien O.K. darauf. Da die Maschinen in ganz Amerika benutzt wurden, setzte sich das Wortbild durch und keiner (bis auf uns) weiss, wo das Kürzel herkommt..

Das ist eine nette Geschichte – stimmt aber so nicht. Gehört wohl in die Kategorie: Oft gehört und gern geglaubt. Was noch schlimmer ist, die Geschichte ist nicht selbst erfunden, sondern eine Story in Uwe Timms genialem Roman „Rot“, der komplett in Form einer Trauerrede eines atheïstischen Redners gehalten ist.

Nun aber die deutschen Mundarten: sie sind in unseren Gauen eben auch ein Soziolekt. Beispielsweise wird in Weimar im Norden (oder gar auf den Dörfern) heftiger Dialekt gesprochen als im Süden. Jetzt wird klar, warum entgegen aller aufmunternden Worten Mundart allgemein verpönt ist.

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