Rainers Horen
Sonntag, den 01.10.2006 [15:59]
Der gestrige Farbpsychotest hat etwas Wellen geschlagen. Deshalb noch einige Bemerkungen dazu.

Die faszinierende Technik mit der man so einfach Elemente verschieben kann, ist inspiriert von ¬scriptaculous, einer netten Sammlung von pfiffigen Javascript/Ajax-Werkzeugen. Das hat aber nicht die Wellen verursacht, sondern offenbar der Test an sich. Solche Tests kamen in den Sechsziger auf, wurden aber rasch als nicht so stimmig erkannt. Das Modell ist eben doch zu einfach. Heute ist die Theorie neben der Graphologie nur noch Randerscheinung in der ernshaften Psychologie.

Auch wenn die Theorie unbrauchbar im Hinblick auf die Beurteilung von Menschen ist, hat sie doch methodische Vorteile: psychologische Laien können nach dem Schablonenprinzip arbeiten. Das ist ähnlich der Astrologie: Leute, denen abiturgesponserte Grunderkenntnisse fehlen , können dennoch schlau daherreden. Es ist also ähnlich dem SPIEGEL ein Vehikel zur Selbstdarstellung. Aber aufgepasst! Der Farbtest wird immer mehr in Bewerbungssitiationen angewendet. Warum? Wir sprachen darüber ;-))

Das läuft so ab: dem Kandidaten werden eine Anzahl von Farbkarten hingelegt. Er soll sie sortieren. Die eigentlche Auswertung hängt weniger von der Farbreihenfolge ab (obwohl Lila als Lieblingsfarbe schon bedenklich wäre), sondern vom Folgegespräch. So etwa: „Was verbinden sie mit der Farbe Schwarz?“ Jetzt ist es an der Zeit über die Assoziation mit schwarzen Bilanzzahlen zu reden und auf keinen Fall über die Romantik einer dunklen Nacht. Blau ist auch nicht die Unendlichkeit des Meeres auf LaGomera, sondern …

Noch aufschlußreicher ist dann die Nachfrage, ob nicht doch vielleicht statt ROT das schöne GRÜN zuoberst stehen sollte. Jetzt sind wir in der entscheidenden Phase, die entscheidet, ob wir zu den ca. 40% der arbeitsfähigen Zeitgenossen gehören dürfen, die in einem altertümlichen, schwierig kündbaren Arbeitsverhältnis arbeiten werden.

Also der Bewerber darf nicht zu lange auf seiner Meinung beharren, darf aber auch nicht vorschnell umschwenken. Es ist eine Angelegenheit, die viel Fingerspitzengefühl bedarf und hängt wohl auch sehr von der angestrebten Position ab.

Rechts oben residieren zwei Lampenschirme. Der eine ist von IKEA („KÅLSTA“)und der andere ist eine persönliche Schöpfung einer Hamburger Künstlerin, die sich auf handillustrierte, hochwertige Leuchtmittel spezialisiert hat.
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Sonnabend, den 30.09.2006 [09:41]
Wie sagte schon immer Matthias in Ilmenau, man solle täglich das Unnütze mit dem Sinnlosen verbinden. So entstand gerade eben die Ajax-Version des Farbtestes. Es geht darum, in den zwei Farbgruppen die eigene Beliebtheit der Farben zu sortieren. Dabei soll amn nicht an Autos oder Damenkleider, sondern einfach nur an die Farbe an sich denken.

Also einfach die Lieblingsfarbe ganz nach oben schieben, dann die den zweiten Favoriten usw. Es ist einfacher, als man vermutet.

Ist das nicht wunderbar, wie einfach Psychologie sein kann?
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Donnerstag, den 28.09.2006 [19:48]
„Briefe an Freunde“ — so das Standardwerk, mit dem wir zu finsteren DDR-Zeiten dazu angehalten wurden, Briefkontakte mit Gleichaltrigen in der UdSSR zu gestalten.
Heute müsste es heißen „Briefe von Freunden“.
Exemplarisch hier ein Auszug:

Hallo Ralf!
Ich bin sehr froh dass wir einander schreiben. Ich ebenso bin wahnsinnig froh, dass du meine deutsche Sprache verstehst. Bitte werden gekränkt auf mich nicht Sie, wenn ich etwas aus deinem Brief nicht verstehen werde. Du sollst verstehen, dass die deutsche Sprache meine zweite Sprache ist. Aber ich hoffe mich, dass als Ergebnis unserer Korrespondenz ich die deutsche Sprache besser lernen kann. Wenn ich wichtig für dich die Information ignorieren werde, so wiederhole bitte noch einmal. Gut?
Ich schreibe dir diesen Brief aus dem Haus heute. Aber ich werde den Brief später schicken. Ich werde dir diesen Brief von meiner Arbeit schicken, weil die Häuser ich das Internet nicht habe. Ich plane heute spater, dir diesen Brief zu schicken. Die Hauser mir ruhiger und bequemer zu schreiben. Möglich, im nächsten Jahr werden wir das häusliche Telefon und das Internet haben.
Ich war niemals frueher im Ausland. Ich war in Europa niemals. Aber ich hoffe mich, dass irgendwann ich Europa besuchen werde. Ich will alle Europaeischen Laender besuchen! Ich liebe sehr, zu reisen.
Heute will ich dir über meine Familie erzählen. Wie ich schon schrieb, wohne ich mit meinen von den Eltern. Meinen Vater heisst Wladimir. Meine Mutter heisstKristina. Sie sind die Rentner. Ich habe ein Bruder. Er heisst Iwan. Mein Vater arbeitete im Komitee der staatlichen Sicherheit früher, deshalb fährt jetzt er manchmal in Kazan nach der alten Arbeit. Bei ihm blieben dort viel Freunde. Meine Mutti war Koch im Kindergarten früher. Gerade hat meine Mutti mich gelehrt, die
Nahrung vorzubereiten. Ich liebe sehr vorzubereiten. Ich bereite die Nahrung aus der russischen Küche vor. Welche Gericht kennst du aus der russischen Küche???
Ralf, assest du irgendwann die russischen Pfannkuchen? Ich ebenso liebe, die Nahrung aus der italienischen Kueche vorzubereiten. Mir gefällt die Pizza sehr.
Gewöhnlich mache ich die Pizza mit dem Käse, den Tomaten, den Pilzen, den Gurken. Erzähle bitte ueber Ihre Kueche. Was du, Ralf, liebst, aus dem Essen zu essen? Ob du den Pfeffer liebst? Gewöhnlich in die Feiertage esse ich viel.
In die gewoehnlichen Tage bemühe ich mich, sich leicht und dem gesunden Essen zu ernaehren. Ich passe hinter seiner Figur auf. Ich liebe den Sport sehr. Ich beschäftige mich mit dem Volleyball, ich gehe in den sportlichen Saal und das Schwimmbecken. Mir gefallen zu Fuss die Wanderungen auf die Natur im Wald sehr.
Ralf, Welche Sportarten liebst du? Ob dir der Fussball gefaellt? Meinem Vater gefällt der Fussballklub Bayern München. Ich liebe sehr, zu lesen. Mir gefällt Lew Tolstoj, Alexander Pushkin, Mihail Dostoevskiy. Du lasest irgendwelchen des Produktes dieser Schriftsteller? Welche Bücher liest du? In die freie Zeit liebe ich, die Musik zu hören. Mir gefaellt die klassische Musik. Ich höre Mozart, Beethovens, Bizet. Mir gefällt der Komponist Enio Maricone sehr. Manchmal höre ich der russische Pfaffe die Musik. Tatu, Alsu, Pugacheva, Kirkorov, Kolya Baskov, Vitas. Du weisst jemanden aus diesen Vollziehern??? Das Mal die Natter habe ich entschieden, dir über Kunst und die Kultur zu schreiben, so will ich über die Filme erzählen, die ich sehe. Ich liebe am meisten viel Melodramen.
Meine geliebten Filme «Dewchata» und « die Königin der Tankstelle ». Es ist eine Klassik des sowjetischen Kinos. Ralf, sahst du diese Filme? Mir gefällt der Schauspieler Jean Reno. Welche Filme liebst du, zu sehen? Heute habe ich wenige Arbeit, danach habe ich entschieden, dir diesen Brief zu schreiben, aber ich bin heute erzwungen, lange zu arbeiten, weil der Direktor versprach, viel Dokumente für die Registrierung zu bringen. Mir gefällt meine Arbeit. Mein Direktor hat mir gesagt, dass drei ehemaliger meinen Kollegen in Graz jetzt arbeiten. Es bedeutet, dass wir die guten Spezialisten seiner Sache sind. Ich verdiene 4000 Rubeln fuer einen Monat. Es bildet 120 Euro zusammen. Dieses Gehalt wird gut für Gebiet Uljanovskaja angenommen. Ein Liter der Milch kostet 18 Rubeln, ein Kilogramm des Brotes kostet 12 Rubeln, 10 Eier kosten 26 Rubeln, Ein Kilogramm des Fleisches kostet 150 Rubeln. Ein Paar der Schuhe kostet 3000 Rubeln, Der sportliche Anzug kostet 2000 Rubeln. Eine Flasche des Wodkas kostet 70 Rubeln. 1 Liter des Benzines kostet 18 Rubeln. 1 Quadratmeter des Wohnraums kostet von 25000 Rubeln. 1 Quadratmeter kommerzieller Immobilien kostet von 32000 Rubeln. Ralf, Bitte, wenn es fuer dich nicht schwer ist, teile mir die Preise in Europa auf diese Produkte und Immobilien mit. Es ist mir sehr interessant. Jetzt muss ich meinen Brief beenden, weil in dieser Zeit der Direktor mir die Arbeit gebracht hat. Ich werde deinen Brief sehr warten.
Deine Freundin Swetlana.


So ändern sich die Zeiten, also in unserer Schulzeit haben die russischen Pioniere und Komsomolzen nicht freimütig zugestande, dass ihre Väter für den KGB arbeiten und sich deswegen regelmäßig in Kasan treffen. Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Die Preise waren anders.
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Mittwoch, den 27.09.2006 [18:37]
Die Tage werden nun doch kühler – und das ist gut so. Wie im linken Zeitraffer-Film erkennbar, sitzen immer noch huttragende Männer in Straßencafés und studieren „ihren Spiegel“. Wie heisst es doch so schön: Spiegelleser wissen mehr (als Nichtspiegelleser).

Bei der gestrigen nochmaligen Qualitätskontrolle der Volltextsuche fiel auf, dass einige Suchworte, obwohl sie in den Texten stehen, zu keinem Suchergebnis führen. Eine Untersuchung des eigentlichen XML-Datenverkehrs bringt es zu Tage: es ist wieder so ein schönes Windowsdilemma, was seine Ursache im nichtstandardkonformen Zeichensatz-Kram aus Redmond hat

Wozu braucht man eigentich diese ganzen Überlegungen zu Zeichensätzen?

Text müssen abgespeichert oder über Datenleitungen transportiert werden. Beispielsweise muss beim Fernschreiben der Text irgendwie über die Telexleitung. Da werden nicht Buchstaben, sondern Zahlen übermittel. Also braucht man irgendwie eine Zuordnung, welchem Buchstaben welche Ziffer entspricht ('A'=1,'B'=2). Damals reichten 64 Zeichen aus. Das sind die Buchstaben, die Ziffern, Satz- und Sonderzeichen. Als dann die ersten Rechner kamen und man auch zwischen Groß- und Kleinbuchstaben unterscheiden wollte, kam man darauf, dass insgesamt 128 Zeichen reiche sollten. Das entspricht sieben Bit und das 8. ist dann für prüfzwecke frei. Dieses system heisst ASCI und ist heute noch als Teilmenge im Gebrauch. Es ist gewissermaßen der kleinste gemeiname Nenner. Plötzlich kamen die Deutschen mit ihren komischen Umlauten und dem Rucksack-S, die Franzosen konnten zwar die schöne Sprechübung: Un bon vin blanc aufschreiben, aber schon beim s'il vous plâit versagte das Amisystem.

Nun ist klar, dass man nicht alle Buchstaben dieser Welt auf 255 Stellen einer Tabelle unterbringt. Die Zwischenlösung: Jedes Dokument bekommt die Eigenschaft eines Zeichensatzes. Mit Kenntnis des Zeichensatzes kann der Rechner dann wissen, ob ein binäres 0x101111011 nun ein 'ä', ein '?' oder eben ein '?' sein soll. Prima Lösung – hat aber zwei Nachteile: Oftmals wird nicht ordnungsgemäß mitgeteilt, was das nun für ein Zeichensatz ist und dann entsteht Buchstabensalat und außerdem kann man im Dokument nicht umschalten. Man kann also beispielesweise keinen deutschen Text erstellen, in dem das Wort ???? (Schalom) vorkommt. Übrigens in anderen Koduierungssystemen wie Videotext ist eine Tabellenumschaltung im Text möglich.

Die Lösung ist Unicode. Das ist eine Art Weltzeichensprache, also eine Tabelle, die 64000 Fächer hat. Da geht schon Einiges. Um diese Fächer anzusprechen, braucht man zwei Bytes. Microsoft speichert generell alle Zeichen einfach in diesem „rohen“ Format. Das Format heisst UTF16 und lässt jedes Dokument sich von der Größe her verdoppeln, da jetzt pro Zeichen statt einem Byte zwei Bytes gebraucht werden. Die Hardwareindustrie freut sich!

Außerhalb der schönen,bunten Windowswelt hat sich deswegen ein intelligenterer Standard entwickelt: UTF8. Bei dem werden alle westeuropäischen Zeichen (Latin1) wie gehabt in einem Byte abgespeichert und alles andere in längeren Sequenzen. Damit das System erkennen kann, wieviele Bytes zu einem Zeichen gehören, werden gewisse Bitkombinationen dazu verwendet. Das hat zur Folge, dass 32 Zeichen der 255 nicht belegt werden dürfen, damit die automatische Kennung funktionieren kann. Alle über 100 Zeichensätze halten sich an die Regel, nur eben ein großer Konzern aus Redmont nicht.

Tja, ist da nicht der Bereich in der Tabelle, der aus technischen Gründen freigelassen werden muß? Was machen also die Vasallen in Redmont? Sie denken sich einen Zeichsatz Windows aus, der umfasst Latin-1 und fügt einige wichtige Zeichen („“ ‚‘ ‰ Š š) verbotenerweise ein und schwupps sind wieder Millionen von Programmieren der ganzen Welt damit beschäftigt, diesen Fehler wieder auszubügeln und eine Umgehungsstrasse zu bauen, als ob das mit der Unkonformität des Explorers nicht schon genug Arbeit beschert.

Wie macht sich das bemerkbar? Nutzen die Leute ein CMS, um Inhalte in Webseiten einzupflegen, dann tippen die nicht dort die Texte ein, sondern kopieren das über die Maus in das Textfeld. Befinden sich im Ursprungstext solche Zeichen, dann taucht dann plötzlich so etwas wie “ auf. Da diese Stelle in der Tabelle unerlaubt ist, spürt das der XML-Interpreter und wirft das Handtuch. Also muss man eine kleine Übersetzungstabelle einbauen, die diese Windowszeichen in den erlaubten Bereich bewegt.
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Dienstag, den 26.09.2006 [07:11]
Die schönen Tagen scheinen nun doch zu Ende zu gehen. Trotzdem sprichts nichts gegen ein Bier auf dem Schulterblatt. Sonst nichts. Dort auf dem Boulevard hat das Internet hat drei Striche Feldstärke und so kann der Film sofort der Welt bekannt gemacht werden und was noch schöner ist: der Männerstammtisch wird nicht langweilig. Endlich können wir mal entspannt im Netz daddeln und über die Frauen in den diversen Börsen lästern.
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Montag, den 25.09.2006 [11:26]
„Rechnet sich auch Ihr Leben?“ – so teasert capital im aktuellen TV-Spot. Nachdem über die unausweichliche Klimakatastrophe mit prophezeiten Stürmen präludiert wurde, bekommt Prefa seinen Auftritt und faselt „Das Dach stark wie ein Stier – es widersteht stärksten Stürmen“. Danach bekommt ein (Gourmet-)Schlachter Gelegenheit, seine Arbeit vorzustellen. Natürlich unterscheidet er sich von allen anderen Fleischern. Schnell und gezielt wird vor der Kamera getötet. „Richtige Stelle treffen und dann ist es kurz und schmerzlos.“ so verkündet frohlockend der Metzger aus Sachsen. Das Ganze heisst dann N24-Wissen. Früher hieß das TausendTeleTipps und Ehemaligen nur allzu gut bekannt. Der Rest der Sendezeit am Abend wird mit der Vorstellung einer neuen Sportart „Speedgrillen“ aus Hamburg gefüllt. Amen!

Das waren nun zwanzig Minuten Ausschnitt aus dem täglichen Wahnsinn. Der GEZ gesagt – nicht im eigenen Heim konsumiert.

Das war das Nachspiel zum Chinaabend in der Handelskammer, einer Veranstaltung der ¬Hamburger Chinagesellschaft. Die beiden promovierten Herren Landmann und Prüfer referierten zum aktuellen Thema „Chinesische Denk- und Handlungsstrategien“. Sagen wir es mal so: Höhepunkt war das nachgeschaltete Häppchenessen, gesponsort vom örtlichen Chinesen.

Schon in den Achtzigern hat Fritz Rudolf Fries in seinem Roman Verlegung eines mittleren Reiches die Fiktion beschrieben, wie ein nicht näher bezeichnendes Land von den Chinesen besetzt wird. Das 1984 veröffentlichte Buch ist natürlich eine Parabel auf die russische Besetzung der DDR – denn wie heisst es so schön: „das Dorf auf der anderen Seite ist von der anderen Siegermacht besetzt und man hört, dort soll es den Leuten besser gehen.“ Jedenfalls ist im Roman wunderbar beschrieben, wie solche Machtübernahmen geschehen. Schon als die Chinesen einmarschieren, kommt ihnen ein kleiner Trupp eintgegen und der Anführer der Eskorte behauptet, im alten System immer schon angeeckt zu sein. Auch fange die Bewohner brav an auf ihre Fenster die neuen Zeichen zu malen – ohne daß sie wissen, was sie bedeuten.
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