Rainers Horen
Sonntag, den 08.10.2006 [23:56]
Das Wochenende ist über uns gekommen und plötzlich wirkt die innere Verpflichtung, was Innovatives für das Netz zu bauen. Letzte Woche war es der Psychofarbentest und heute soll es die Akkordiondarstellung der Phonetikvorlesung sein

Also ab in ein nettes Café im Grindelviertel und die Seele baumeln und die Finger auf der Tastatur tanzen lassen…

Es geht wieder einmal um das Buzzwort Web2.0: Das soll wohl die müden Geister aufwecken und neuen Schwung bringen. Tatsächlich wären diese Dinge schon lange möglich gewesen. Nun gibt es plötzliche fertige Module und schon rennt es los.

Einfach mal auf die blauen Balken klicken – und schon kann man in der Vorlesung von Prof. Elmar Ternes an der hiesigen Uni blättern.
Leider ist das verwendete ¬openrico-Framework fast überhaupt nicht dokumentiert – noch nicht einmal der Quelltext. Da ist Sportsgeist gefragt.

Das ganze Web-Kunstwerk wurde gerade im ¬Mathilde, einem netten Bistro mit offenem WLAN-Port vollendet.
Das Café ist direkt gegenüber dem linguistischen Institut in der Bogenstrasse gelegen und wird ganz ambitioniert betrieben. Leider wird sehr viel (wie man oben sieht - sehr genussvoll) geraucht. Die Erfahrung der irischen Kneipen über die Zunahme des Umsatzes seit der Einführung des Rauchverbotes hat sich offenbar noch nicht rumgesprochen. Klar, die ersten Wochen gäbe es Irritationen – immerhin sind zur Zeit fast nur Raucher und vor allem Raucherinnen in Kneipen. Nichtgenießer trauen sich schon fast nicht mehr in diese Rauchhöllen und es sieht so aus, als ob unsere großkoalierenden Regierung das nicht ändern will.

In Russland ist heute eine kritische Journalistin (???? ?????????? ????????????) ermordet worden. Sie war gerade am Schreiben eines Artikels über den Tschetschenien-Krieg. Ist schon brutal, wie „einfach“ ihre Probleme lösen. Komisch die Vorurteile über die Russen werden fatalerweise immer wieder bestätigt.
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Freitag, den 06.10.2006 [23:07]
Immer wieder nachgefragt, was macht wohl ein Netzkybernetiker den ganzen Tag, gibt es heute eine erschöpfende Antwort.

Im nebigen (Zeitraffer-)Kurzfilm sind zwei Stunden aus dem Leben eines Digitalnomaden im Isecafé abgelichtet.
Wie ersichtlich kommt es zu Kaubewegungen, häufigen Eigenkörperberührungen und zu Telefonanrufen. Mehr ist eigentlich nicht. Sieht recht unspektakulär aus. Obwohl – man sieht es nicht – es werden globale Probleme der Menschheit (und darüber hinaus) gelöst.

Eines der wohl größten Probleme sind die deutschen Umlaute. Die Orthographie-„Reform“ war wohl doch etwas zu halbherzig. Es ließe sich sicher ausrechnen, wie viele Millionen, wenn nicht sogar Milliarden von Euros man in Deutschland sparen würde, wenn man auf die Tüttelchen verzichten könnten. Sicherlich brauchte man dann keine Atomkraftwerke mehr. Apropos AKW: überneulich waren wir zu Gast bei einer deutschen Beamtin und die störte die rote Standby-LED an ihrem CD-Spieler, die aufleuchtete, wenn man das Gerät abschaltete. Sofort kam die Mär von der bösen AKW, die man nur betreiben muss, um den Standby-Betrieb von Millionen von CD-Player, Fernsehern und Faxgeräten zu speisen. Der beherzte Einsatz eines
kreuzgeschlitzten Schraubenziehers und eines scharfen Schnittes mit dem Taschenmesser (letztes Zeichen deutschen Wehrhaftigkeit), der den kleinen Bösewicht auf der Leiterplatte von der Stromversorgung (ca. 1mA) trennte, brachte dogmatische Erleichterung. Jetzt sah frau nicht mehr die Verschwendung…
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Dienstag, den 03.10.2006 [15:31]
/Hurra, Germania! /Wie kühn mit vorgebeugtem Leib/ Am Rheine stehst du da!/ Im vollen Brand der Juliglut,/ Wie ziehst du frisch dein Schwert!/ Wie trittst du zornig frohgemut/ Zum Schutz vor deinen Herd! / Hurra, hurra, hurra! / Hurra, Germania!

Wer so dichtet, scheint nicht ganz bei Sinnen. Ferdinand Freiligrath ist der Erzeuger dieser Zeilen, geschrieben kurz nach Kriegsbeginn 1870. Der Sieg über Frankreich brachte deutsche Poeten dann vollends um den Verstand: Rund zehntausend Gedichte sind zur Feier der Reichsgründung erschienen.

Deutschland feiert wiederum. Aber nicht den 135. Jahrestage der Reichsgründung, sondern die sogenannte „Wiedervereinigung“. Hunderttausende bis dahin geknechtete, in bitterer Unfreiheit lebende und vor allem dem Konsum vorenthaltene Ostler haben ’nübergemacht und leben heute unerkannt unter uns. Allerdings sind wohl nicht wenige nie im Westen angekommen, sondern an der Grenze verwurstet worden. So verfilmte es zumindest Christoph Schlingensief in seinem Deutschen Kettensägenmassaker.

Islamkonferenz, Rückname einer Mozartoper in Berlin – so geht Deutschland zur Zeit fatalerweise mit der kulturellen Globalisierung um. Es ist deswegen fatal, weil erst zum einem die Islamisten in ihren Politik der Angstmache bestätigt und was fast noch wichtiger ist, es ist zu offentsichtlich anbiederisch. Für Mittelmeeranrainer ist die Ehre ein hehrer Begriff und jemand, der so reagiert oder es mit sich machen lässt, steigt nicht in der Achtung – er wird zunehmend verachtet, obwohl oder gerade weil er kooperativ sich verhält.

Ein Deutscher, der im muselmanischen Ausland ein klitzekleines Kreuz auf der Brust tragen würde, muss eventuell um sein Leben fürchten — kopftuchtragende Frauen wollen in Deutschland verbeamtet werden… Es tut sich eine Asymmetrie auf, die Angst macht. spieltheoretisch nennt man das wohl ein Dilemma und es ist nicht klar, wohin es noch führen wird.

Ein Lichtblick kommt da aus der Hamburger Uhlenhorst: das ¬Ernst-Deutsch-Theater führt gerade eben den Lessingschen Nathan auf und da werden wohl auch andere Religionen thematisiert. Also Hut ab vor Frau Isabella Vértes-Schütterer für diese Zivilcourage.

Jetzt aber mal in Abwandlung der Fragestellung in der Versammlung der Befreiungsfront von Judäa im „Leben des Brian“: was hat es uns gebracht?
Hm, da muss ein Zeitzeuge nachdenken. Also erstmal ist es gut, nicht mehr die Kohlen schleppen zu müssen und zweimal jährlich nach Hause zu kommen und da liegen viele Zentner gepressten, sorbischer Muttererde vor dem Haus.

Die Lebensmittel sind bunter und aufwändiger verpackt. OK, das ist schon bemerkenswert. Achja und das wichtigste: alle vier Jahre wird der Wahlzettel nicht gefaltet, sondern sollte sorgfältig durchgelesen und bekreuzelt werden. Das waren nun die großen Dinge.

Wie steht es um das Zwischenmenschliche? Da fanden regelrechte Invertierungen statt. An zwei Beispielen ist es gut sichtbar. Als man früher bei Lügen erwischt wurde, schämte man sich. Heute schämt man sich, wenn man auf einen Lügner reingefallen ist. Es schämt sich also nicht mehr das Subjekt sondern das Objekt.
In alten Zeiten war man gesellschaftlich aufgewertet, wenn man was wusste und (handwerklich) konnte. Heute sollte man stolz darauf sein, dieses oder jenes nicht zu wissen oder zu können. Das schickt sich nicht – das muss ich nicht wissen oder können.
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Montag, den 02.10.2006 [22:12]
„Brückentag“ in Deutschland — jetzt wird im Einzelhandel wieder Umsatz generiert und am Vorabend des größten deutschen Tages werden Erinnerungen an eine bewegte Zeit wach. Leider ist nun von der damaligen Regierung unter Helmut Kohl dieser fiktive Tag eingeführt worden. Der Tag des Mauerfalls wäre sicherlich (besonders bei den Mitteldeutschen) emotional einprägsamer gewesen. Nun soll es der 3. Oktober sein – übrigens auch eine Freude für den grenznahen Einzelhandel im Elsaß, in Luxemburg usw.

Nun soll es aber nicht um den schnöden Handel, sondern um deutsche Themen gehen. Was haben wir erreicht – was sind die Ziele? Wir haben eine Bundeskanzlerin. Das ist toll. Wäre sie noch „behinderte&ldquo, Rollitante, dann wäre die Dreifaltigkeit perfekt.
Die blühenden Landschaften? Teilweise blüht es im Frühling sehr nett. Dann ziehen die Jenaer in Gruppen durch die Auenwälder bei Großschwabhausen, Cospeda oder Zwätzen und bestaunen die riesigen Teppiche von Winterlingen und anderen Frühblühern. Meinte das der Saumagenesser aus der Pfalz? Nein, der wollte nur noch einmal gewählt werden.

Gestern im Radio: „Es müssen im Osten Leuchttürme geschaffen werden. “ Klingt erstmal sehr wohlwollend. Ist es auch.
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