Rainers Horen
Sonnabend, den 21.10.2006 [00:33]
„He, schau mal, was die hier noch haben, sogar Verkehrserziehungsbücher!“ Es macht wirklich immer wieder Spaß, in den riesigen Beständen des ¬Bücherdorfes in Mühlbeck zu stöbern. Im alten Dorfkonsum hat man sich Myriam Gödicke auf Schulbücher spezialisiert. Da werden alte Zeiten wieder wach. Es gibt wirklich alles, und das noch in allen Jahrgängen und Erhaltungszuständen.

Gemäß der ¬Margot Honeckersche Vorgabe des polytechnischen Unterrichtes gab es eben auch so Fächer wie Schulgarten, Nadelarbeit, Technischen Zeichnen, ¬UTP (Unterrichtstag in der Produktion) und eben auch Verkehrserziehung. Es sollten doch allseits gebildete, sozialistische Persönlichkeiten herangezogen werden.

Erst sehen — dann gehen so der Titel des Lehrbuches für die Verkehrserziehung Klassen 2 bis 4, das sehr witzig von Rudolf Schulz-Dembromski illustriert wurde. Da der Zeichner nicht nur dieses sondern viele andere Schulbücher bebildert hat, kommt gleich so ein Nostalgiegefühl auf.

Bevor es aber zur eigentlichen Verkehsrerziehung der Acht- bis zehnjährigen inhaltlich kommt, muss erst mal präludiert werden. Gewissermaßen werden wir erst mal eingeschwungen und dann geht das so los: Tag für Tag vollbringen die Werktätigen in unserer Deutschen Demokratischen Republik große Leistungen. Alle Menschen arbeiten und lernen gemeinsam und bauen den Sozialismus auf. Es entstehen immer neue Werke, Wohnhäuser, Schulen, Erholungsstätten und vieles andere mehr. Dazu ist etwas sehr wichtig: das Verkehrswesen! Auf Autobahnen und Landstraßen bringen Lastkraftwagen Baustoffe, Geräte, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel heran. Viele Menschen fahren an ihre Arbeitsplätze und in die Schulen und wieder zurück. Dazu benutzen sie Autobusse, Eisenbahnen, Straßenbahnen oder auch eigene Fahrzeuge. In unserer Deutschen Demokratsichen Republik bauen die Werktätigen unter der Führung von Partei und Regierung den Sozialismus auf. Sie tun alles, damit unser Land noch reicher und stärker wird und damit Frieden, Glück und Wohlstand leben können. Dazu gehört neben vielem anderen, daß auf unseren Straßen niemand zu Schaden kommt, daß die Ordnung und Sicherheit herrscht …

Es ist überhaupt verwunderlich, dass es bei diesem vergleichsweise dünnen Straßenverkehr Verkehrserziehung nötig war. Waren das nicht traumhafte Zeiten für Radler? Keine parkende Autos am Straßenrand – leider aber auch keine Radwege.
So heißt es im Kapitel „Halte Dich rechts“: Das Fahrrad gehört zu den Fahrzeugen, die relativ langsam fahren … Fahre an der äußersten rechten Seite der Straße! Und zügiges Fahren bedeutet für dich: nicht unsinnig rasen, sondern gleichmäßig schnell fahren. Klar, mit Sinn darf man rasen – gut zu wissen. Zum Lehrplan gehört aber nicht nur die Vermittlung von Kenntnissen wie ich mich an Kreuzungen, Bahnübergängen und bei Dunkelheit verhalte. Nein, der Junge Pionier soll ja auch zu einem feinen Menschen erzogen werden. Und dazu gehört auch ethisches Verhalten. So heißt es im Abschnitt „Unsere Straßen sollen sauber sein!“: In unserer Republik sorgen die Menschen gemeinsam dafür, daß unsere Städte und Dörfer saubergehalten werden. Oft fahren Müllwagen schondurch die Straßen, wenn Du noch schläfst … In den Grünanlagen vor den Häusernharken und graben Erwachsene und Kinder aus den Hausgemeinschaften. Alles soll sauber und gepflegt aussehen.Die Menschen sollen sich freuen. Leider gibt es immer noch Kinder, die ihr Stullenpapier oder den abgefahrenen Fahrschein achtlos auf die Erde werfen. Bestimmt gehörst Du nicht dazu! Doch sprichst Du auch mit jenen, die nicht daran denken? Erklärst Du ihnen, warum sie falsch handeln. Werden hier nicht schon die kleinen besserwisserischen Aufpasser herangezüchtet? Naja, die gibt es ja immer und überall.


Schulkinder waren damals nicht nur zu Fuß oder Rad unterwegs. Nein, sie ziehen zuweilen auch Leiterwagen hinter sich her. Im Kapitel „Wir sammeln Altstoffe“ heißt es: Die Mädchen und Jungen der 3b sammeln Altstoffe. Das Geld, das sie dafür erhalten, werden sie auf das Konto zur Unterstützung der vietnamesischen Befreiungskämpfer überweisen. Die 3b ist die beste Klasse der Schule. Das gilt nicht nur für ihre Leistungen, sondern auch für ihr Verhalten. Die Pioniere und Schüler dieser Klasse helfen stets einander. Was sie anpacken, das Überlegen sie gründlich. So ist das auch beim Altstoffsammeln. Sie teilen die Arbeiten vorher ein: „Wer geht in welche Häuser?“ — „Wer beschafft den Handwagen?“ — „Wer fährt mit zum Rumpelmännchen?“ Außerdem gehört dazu das Überprüfen des Handwagens, das richtige Beladen und das Fahren im Straßenverkehr. Dafür sind vor allem drei Pioniere verantwortlich. Sie kümmern sich darum, daß folgendes einzuhalten ist: Der Handwagen soll in gutem Zustand und ordungsgemäß ausgerüstet sein. Er darf nicht überladen werden, das heißt: die Ladung darf nicht zu schwer sein und auch nicht über die Seitenwände hinausragen oder herabfallen …

Nun hoffen wir mal, dass die Pioniere immer schön brav ihren Spruch aufgesagt haben: „Haben Sie Altpapier oder Flaschen im Keller?“, den Wagen sorgfältig gepackt und in der Annahmestelle 15? pro Kilo alte Zeitungen und 5? für Weinflaschen abgefasst und alles brav für den Befreiungskampf des Vietcong spendeten. Ich selber habe das sauer verdiente Geld immer behalten und dann verjuxt! Und der Vietcong hat auch ohne mich gesiegt.

Das ist eine Vorveröffentlich eines Beitrages in der ¬RadCity.
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Freitag, den 20.10.2006 [09:05]
Gestern kam es zu einem polnisch/deutschem Grenzzwischenfall mit Schußwechsel in der Bucht von ?winouj?cie. Es ist nicht ganz klar, was da los war. Jedenfalls flüchtete sich ein deutsches Ausflugsboot aus dem Hafen von Swinemünde nach Heringsdorf. Es ging wohl um unversteuerte polnische Zigaretten, die polnische Zivilfahnder auf dem Boot entdeckten. Es wird für den kapitän wohl noch ein Nachspiel haben.
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Mittwoch, den 18.10.2006 [14:07]
In Ergänzung vom wochenendlichen Getränkewarenkorbsystem, das Etiketten aus der Anfangszeit der DDR verwendet hier ein Fundstelle aus dem Reiseführer „Das obere Saaltal und der Frankenwald“ aus der Druck- und Verlagsanstalt Streitberg in Pößneck-Leipzig aus dem Jahre 1936.

Es ist schon verwunderlich, wie schnell sich die Einstellung ändert. Es ist nur 70 Jahre her, dass eine Brauerei mit der dem Spruch wirbt: Junge trinken sich zu Männern. Mit viel Phantasie und Toleranz ist vielleicht noch erklärlich, wie sich Konfirmanden/Jugendweihlinge erwachsen saufen. Das irgendwas mit Initiationsritus zu tun. Aber wie das Bier für Senioren als Jungbrunnen dienen kann, bleibt ein unerklärtes Geheimnis. Das hat vielleicht was mit den Vitamin-B-Dingen zu tun, die im Gerstensaft enthalten sein sollen. Hat Bierkonsum mit dem neuen Schlagwort Unterschicht zu tun? Wäre es nicht zielführender sich mit den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten des Prekariatproblems zu beschäftigen? Nein, da gehen die Medien voll in die Metaebene und denken laut über Reizwörter nach. Ist schon wieder typisch für Deutschlands Armutsdebatten: es geht um Reizworte, man skandalisiert längst bekannte Befunde, operiert mit falschen Zahlen (gibt es überhaupt richtige?) und wälzt eine Erregungswelle über die Betroffenen. Es ist nur fatal, dass es sich nicht um ein Hirngespinst à la Vogelgrippe handelt, sondern um ein tatsächlichen Skandal, nämlich das Wachsen und Verfestigen von sozialen Milieus. Klar, dass dann die MOPO gleich Zille-Zeichnungen aus dem alten Berlin zur Hand hat und Straßenmenschen befragen lässt, wie sie sich so fühlen – als Unterschichtler.

Schon Max Frisch lässt den Biedermann zu den Brandstiftern was von Klassenlosigkeit sagen, es gäbe nur tüchtige und weniger tüchtige Menschen. Diese dort ironisch gemeinte Sentenz ist ja gerade das Hauptargument für die Machterhaltung für das System, in dem wir gerade leben dürfen.

Menschen sind verschieden – Hinduisten wissen das und bauen darauf eine ganze Religion auf. Es gibt immer wieder Mitbürger, die darauf abzielen, andere für sich arbeiten zu lassen. Das ist auch recht einfach zu bewerkstelligen, da wiederum andere Menschen sehr gerne angeleitet werden. Für diese Gruppe ist es das größte Problem, Verantwortung zu übernehmen … Trotz dieser Anfangskonstellation kommt der Moment, wo der „Führer“ seinen Anspruch auf Unterwerfung und Arbeitsleistung der „Unterschicht” nachweisen muss. Schon deswegen, weil sich die Zeiten ändern oder schlichtweg Menschen nachwachsen.

Seit es Menschen gibt wabern diese Rechtfertigungstheorien durch den Raum: die primitivste Form ist die Androhung von körperlicher Gewalt. Auf jedem deutschen Schulhof und auch schon im Kindergarten ist diese Primitivform der Fremdbestimmung zu beobachten. Leider verlieren Rädelsführer auch mal ihre körperliche Kraft und deswegen der nun erforderliche Überbau.

In der Sklavenhaltergesellschaft des alten Romes hat es noch gereicht zu sagen, das sei nun mal so, musste in der Feudalgesellschaft Gottes Willens und Ratschlags die weltliche Ordnung bemänteln. Der erwachende Kapitalismus führte nun den Paradigmenwechsel ein, der den eigenen Willen, den Fleiß und die Beharrlichkeit als Entscheidungsfaktor für die eigene Stellung in der Gesellschaft darstellt. Es gibt quasi keine Ungerechtigkeit, es ist alles nur die Frage eines Coachings. Irgendjemand führte dann auch noch das Mem in die Welt von der nur 10%igen Auslastung des Hirns ein …

Seit 1912, als der große Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, die Ausbeutung durch den Menschen endgültig abzuschaffen drohte, wissen wir, dass es im Sozialismus und erst gar im Kommunismus gar keine Ausbeutung und Ungerechtigkeit geben kann, da alle Menschen gleich sind. Damit ist jedweden Unruhestiftern und Zweiflern von vornherein der Wind aus den Segeln genommen. Besser geht‘s nicht!

Was ist nun heute los? Was soll die Unterschichtendiskussion? Die geografische und politische Nähe des ersten (und letzten?) Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschen Boden und das Jahr 1968 haben wohl zu einer besonders geschickten Ideologie geführt, die tatsächlich in der Mehrheit geglaubt wurde — nämlich die, dass wir hier auch in einer schichten- und klassenlosen Gesellschaft leben. Jetzt zeigt sich allmählich (nicht zu langsam und nicht zu schnell) die wahre Struktur unserer Gesellschaft. Und viele staunen und wundern sich.
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Dienstag, den 17.10.2006 [17:57]
Es gibt nun bedauerungswürdige Menschen (darf man das noch sagen?), die können weder hören und noch sehen – gemeiniglich werden die Taubblinde genannnt. Jeder Seher und/oder Hörer fragt sich,: wie kann man in dieser Lage kommunizieren? Das kleine Zauberwort heisst Lormen. Dabei berühren sich die beiden Kommunikanten bei den Händen und nesteln da rum.

Jetzt sollen Taubblinde auch die Vorzüge des tollen, bunten Internets nutzen können und vielleicht auch diesen Text lesen können. Und dafür gibt es nebige, patentierte Vorrichtung. Wie zu erkennen, nestelt jetzt ein Prozessor in einem Handshuh an der Hand des Taubblinden. Für uns als Wissende ist bemerkenswert, wie die Steuerung dargestellt ist. Da gibt es CPU,I/O und RAM. Offenbar hat hier jemand falsch kopiert. Solche Anordnungen waren in den Achtzigern üblich, nur damals wäre der Aufwand viel zu groß. Man denke sich nur einen Microcombi als Kunstnestler! Übrigens hat dort RAM (Massenspeicher) nichts zu suchen.

Heute im Postfach. Man fragt sich 1. wie blöd die Deutschen gehalten werden und 2. warum die Gangster so ein schlechtes Deutsch verwenden.

„Sehr geehrte Kunde der Sparkassen Netbankings,
Im Jahr 2006 war die Sparkasse wie viele andere Banken weltweit mit illegalen Transaktionen betrugerischen Art uberflutet.
Immer ofter wird die vertrauliche Information unserer Kunden zum Gegenstand der Interessen von Betruger. …… Sie wurden zufallig zum Teilnehmer am Schlusstest dieses Systems ausgewahlt.
Nun schlagen wir Ihnen vor, zum Link ¬http://www.sparkasse.de/ zu ubergehen und das neue Sicherheitssystem durch ublichen Zugriff im Internetbanking zu aktivieren.
Heutzutage konnen Ihnen im Laufe der Arbeit einige Mangel auffallen.
Wir wissen daruber und bitten Sie die entstandenen Schwierigkeiten zusatzlich nicht zu beschreiben, wir werden sie selbststandig nachbessern.

Mit freundlichen Grussen,
Sicherheitsteam der Sparkasse“
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Montag, den 16.10.2006 [15:53]
Offenbar waren schon 1907 die Jungfern wunderlich. In dem dicken Buch „Das Weib in der Karrikatur Frankreichs“ fand sich nebiges Bild. Ist die nicht nett gegen alles gewappnet? Prinzipiell recht schon das Gesicht aus, um jederman abzuschrecken – die spitzen Brustaufsätze, das Vorhängeschloß im Schrittbereich sind absoluter Bonus. Nicht ganz geklärt ist das Auge im Nachnabel. Dieses Bild muss eine Bedeutung haben, die sich nicht gleich erschließt.
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