Rainers Horen
Sonntag, den 19.11.2006 [17:36]
Seit vielen Jahren hat sich in Jena die Veranstaltung 100 km um Jena. etabliert. Da kann jeder mal zeigen, was er kann.
Nun sind solche Gewaltaktionen nicht jedermanns Sache und so hat sich die Thrombosestrumpfwandergruppe die Strecke in kleinere Happen aufgeteilt und absolviert sie im Monatsabstand. Das gibt genügend Zeit, die Schwielen, Blasen und Muskelkater wieder auszukurieren.

Die gestrige Wanderung war Abschluss der Wander-Staffel. So trafen sich alle im Westviertel zu einem zünftigen Sektfrühstück und zum Start. Im Cospedaer Grund, in der Nähe der Pariermühle begann der Aufstieg zu den Sonnenbergen. Tja, wenn man es nicht mehr gewohnt ist und nur noch durch hanseatische Millionenstädte radelt…


Der wunderbare Ausblick auf die zweitwärmste Stadt Deutschlands entschädigt für alles Schwitzen und Asten. Klar, das war nur die Anwärmphase Es ging danach vorbei am neuen Landgrafenhaus, über die Schlachtfelder von 1806, vorbei an den Winterlingen, über den Jägerberg bis zur Zwätzener Endhaltestelle. Klingt jetzt sehr gerafft — zieht sich aber hin, zumal es öfters mal n?ff un mal nunger geht. Zwischendurch musste auch mal der Felgaufschwung am WaldReck getestet werde. Wer nun meinte, es ginge mit der Straßenbahn zurück in die Stadt, der hatte falsch gehofft und nicht die Rechnung mit dem Wanderleiter gemacht. Gegenüber vom weiland Forschungszentrum für Bodenfruchtbarkeit auf dem Parkplatz der ehemaligen Kaufhalle war ordentlicher Abschlußappell und das Amt verteilte Teilnehmerurkunden und Medaillen.

Nun kam das Zwecklaufen zur Partylokation am Windberge in Wenigenjena. Schön über Löbstedt, fast an Kunitz heranreichend und dann die Saale längst marschierend raubt der 12%ige Anstieg über den Burgweg die letzten Kräfte. Fünf Stunden straffster Gangart — da haben sich die Männer ein Wernesgrüner und die Frauenzimmer ein Kaffee verdient.

Die Thüringerinnen überraschen immer wieder mit kulinarischen Höhepunkten. Nachdem unser Heißhunger mit Lebkucken gestillt wurde, kam als erster Gang Häckerle (in Hamburg unter Labskaus oder etwas derber als Matrosenkotze bekannt) und schmackhafter Sülzesalat auf den Tisch. Unser Oberingenieur hatte anfänglich gewisse Hemmungen mit der grauen, fischigen Masse, deren Anblick tatsächlich gewöhnungsbedürftig ist. Aber nach diesem Kalorienverlust und mit dem dargereichten Weißbrot war auch diese Hemmung zu meistern. Der nächste warme Gang war auch etwas abseits der allgegenwärtigen Pizza- und Pastawelle. Sabine überraschte uns wahlweise mit einer Lauchsuppe oder ???? (Borschtsch). Die Männer durften sich auch noch hohe Rippe einlegen. Nicht jeder kennt diese russsiche-ukraïnische Spezialität: es ist eine Suppe, deren Hauptbestandteil rote Beete ist. Sofort entspann sich eine Diskussion über die Qualität des hiesigen Gemüseangebotes. Und: hört hört — vom Biobauern vom Markt ist‘s doch am Besten. Also hat‘s mit dem Marketing trotz der mitteldeutschen Skepsis doch geklappt. Im näcshten Gang gab es noch Irmasche Schinkenröllchen auf Gemüsereis. Leider war zu diesem Zeitpunkt der gesunde Hunger schon etwas im Schwinden, so dass wir die leckere Kreation einer Jungphysikerin nicht ausreichend guttieren konnten.

Der Nachtisch war eine Mischung aus göttlicher Überraschung und astringierender Säuerlichkeit. Der Gedanke, sich darauf zu erbrechen, und dann das grüne Zeug in der Nase zu haben, erschauert. Ein großes Konvolut dieser Masse residiert immer noch folienbedeckt im Slowikschen Kühlschrank. Wer da wohl dran glauben muß?

Auch Bahnreisen quer durch das thüringer Becken können kurzweilig sein. Gegenüber sitzt seit Weimar eine ältere Dame, die eine bisher nichtgehörte Mundart spricht. Sie hat Vokallautverschiebungen wie im Itzegründischen drauf, ist aber auffällig palatisiert und die Diphthonge klingen wie im Jiddischen. Und richtig: die Vermutung hat sich bestätigt, sie kommt aus Kasachstan und erzählt nun munter eine ganze Menge vom Leben im unwirtlichen, fernen Sowjetland. Es gibt da eine Menge zu berichten: die Umsiedlung von der Wolga in das fremde Kasachstan, die unbarmherzige Kälte und die lebenslange, schwere und eigentlich männliche Arbeit in der Zaunfabrik. Aber auch die innige Freundschaft zu einheimischen Nachbarn passt ins Bild. Sogar ein paar Brocken Kasachisch (ata = Vater) hat sie gelernt. Die Frage, ob das nun eine uralische, Turk- oder Alteisprache ist, konnte sie nicht einordnen. Es ist eine Turksprache. Das wäre eine eigene Sprache, ja das ist klar. Wie bekannt, kann Kasachisch mit kyrillischen Lettern, aber auch früher mit persischen Zeichen verschriftet wurde. Seltsam ist nur, dass beide Alphabete völlig verschiedene Lautsysteme abbilden. In der kyrillischen Variante gibt es neben dem Standardsatz zusätzlich ??, ??, ??, ??, ??, ??, ??, ?? und ??. Die stehen für die im Russischen unbekannten Laute [æ], [?], [q|, ]?], [ø], [?], [?], [h] und [?].

Ist mit Blick auf andere Verwendungen keine Seltenheit: Kroatisch mit seinen vielen Affrikaten wird lateinisch geschrieben und das semitische Maltesisch ebenso. Stalin stülpte vielfältigsten Sprachfamilien sein geliebtes Kyrillisch über. Was da für Sprachfamilien reinpassen mussten: das geht los mit dem romanischen Moldawisch, was ja identisch zum Rumänischen ist, geht über uralische, semitischen, Turk- und Alteisprachen. Im Mongolischen wurden beispielsweise die kyrillischen Zeichen völlig wahlfrei auf die Laute aufgestülpt. Das russische Hilfszeichen ?, das dort die Palatisierung andeutet, hat dort eine volle konsonantische Bedeutung.

Nach diesem kurzen Ausflug in die stalinistische Sprachenpolitik zurück zur kasachischen Bahnbekanntschaft. Ihrer weisen Meinung nach sind die Weiber an allem schuld. Wenn Männer zu anderen Frauen gehen, hätte das schon seinen Grund und überhaupt. Aber: sie kommen immer zurück, frau muß nur geduldig genug sein. Männer wüssten schon, wo es ihre Ordnung ist, wo es Essen und ein Dach gibt. Ist das nicht langersehnter Balsam für die geschundene, deutsche Männerseele? Nach einer angemessenen Weile ergab sich das Du und selbstgebackener Kuchen wurde verteilt. Und immer wieder schimpft sie auf das deutsche System. Früher gab es für die Kleinen Pionierferienlager und für die Großen Lager für Arbeit und Erholung, da waren die Kinder beschäftigt und heute lungern die nur in Spielhöllen rum, schlagen Fenster ein und/oder demolieren Tankstellen.

Das also war der Ausflug in das andere Deutschland. Die ersten Eindrücke: Gemütlichkeit, Familiensinn und Ausländerfreiheit. Gemütlichkeit macht sich schon mal an den Wohnungseinrichtungen fest: während in Hamburg die Singles überwiegend in den „Möbelstücken“ ihrer Studentenzeit, ergänzt um einige Teile eines bekannten schwedischen Möbelhauses, wohnen, sind hier „alle“ aufs Feinste mit Schrankwand, moderner Küchenzeile und Flach-TV und -monitor eingerichtet. Es ist eben das schöne bürgerliche Glück. Jetzt aber nur kein Sozialneid!
Währenddessen in Hamburg das wahrgenommen Thema die Existenzsicherung ist, also wie man mit über 40 und vom System freigestellt irgendwie noch seine Sesshaftigkeit sichern kann, diskutiert man in beschaulichen Jena bei dekantiertem Rotwein über Studiengänge der Söhne und Töchter, über die Beschaffbarkeit von speziellen HiFi-Lautsprecherboxen und über nächste Fernreiseziele. Liegt das nun wirklich nur am unterschiedlichen sozialen Kontext – immerhin sind die meisten im Jenaer Kreis nach der Wende (manche, besonders konsequent-linke Kreise nennen es kapitalistische Konterrevolution) promoviert oder ist das tatsächlich ein hamburgisch/thüringisches-Gefälle?
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Sonnabend, den 18.11.2006 [11:39]
Neue Erkenntnisse zur Geschichte und zum Ursprung der hebräischen Sprache in Europa und in der Schweiz. Also: ein gesundes Selbstbewußtsein war immer schon hilfreich, um mit der Lebenswirklichkeit umzugehen. Aber was sich ¬Christoph Phister hier zusammendenkt, ist schon bemerkenswert. Das Alte Testament ist europäischen Ursprungs – auch so eine Behauptung, mit der er Aufmerksamkeit erheischen will. Nehmen wir das Beispiel Hirsch, das soll von ???? [ha ???] (=das Haupt, der Kopf) abstammen. Gibt es in den Mittelmeeranrainerstaaten Hirsche?
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Freitag, den 17.11.2006 [08:49]
Ein kleiner Tag für die Menschheit — einer großer Tag für den Schreiber. Heute endete eine zwanzigjährige Geschichte, die so liebevoll im Ilmenauer Rathaus begann. Schade, dass es gerade von solchen nachhaltigen Momenten keine Schnappschüsse gibt. Aber auch von Begräbnissen gibt üblicherweise keine Familienbilder.

Es gab da mal einen wundervollen US-amerikanischen Film, in dem der Protagonist (Robin Williams) in einem Supermarkt die Photoecke betreut. Er ist selber Junggeselle und muss nun täglich die Photos der heilen, bürgerlichen Familienwelt bearbeiten. Eines Tages schaut er zufällig hinter die Kulissen der Familie eines Stammkunden und die Geschichte nimmt seinen Lauf …

Das ganze Elend dieser Welt, deren Aufdeckung ja auch Bestandteil der Lehre Buddhas ist, hat eine einfache, menschliche Ursache. Aus pragmatischen Gründen panzert sich jeder und jede in seiner Außenkommunikation. Nach außen ist alles problemlos und heil. In der Selbstreflektion nehmen das die meisten völlig anders war und da muss man wohl in Melancholie verfallen. Das, was man wahrnimmt ist begreiflicherweise der Durchschnitt (so meint man) und dabei ist es sehr geschönt. Das Hirn weiß wohl von dieser „Manipulation“, wogegen das Herz das so-scheinen-Wollende wahrnimmt.



Das von Claudia Wurl geführte Café Immergrün in einem zauberhaften Jenaer Hinterhof ist wirklich eine paradiesische Oase in der quirligen gerademal Großstadt. Wie so oft kommen in derartigen uninahen Orten sehr viele nachdenkliche Frauen, die sich gegenseitig ihre Weltbetrachtungsmodelle darlegen. Am Nachbartisch präludiert (eine angehende Soziologin?) über Mißbrauchsszenarien und ihre Darstellung in den Medien (Medienschelte). Noch nie habe ich an solchen Nachbartischen gleichwertige Gesprächspartner erlebt. Es ist immer so: einer doziert, der andere hört geduldig zu. Erstere Rolle kann ich gut verstehen, nur was treibt Menschen dazu, sich solche Redeschwälle stundenlang anzuhören? Neugier – unglaubwürdig. Bewunderung? schon eher.

Sie hat ganz richtig erkannt, dass diese Monster unser „friedvollen“ Leben ermöglichen — es sei quasi eine emotionale Müllkippe. Schon Voltaire erkannte, wie wichtig das Elend des Einzelnen ist, da es letztlich das Wohl der Allgemeinheit befördert. Sollte man eine Kennzeichnungspflicht von Übertätern einführen? In den USA gibt es wohl so Prangerseiten. Diese Diskussion ist so alt wie die Menschheit. Schon Martin Luther thematisierte die Frage, ob denn Prostitution Mißbräuche befördert (Lust macht) oder Dampf abläßt und so Schlimmeres verhindert.

Wenn man die Schläue, Klarheit und Weitsichtigkeit der nachwachsenden Jugend so sieht (Generationenschelte), dann drängt sich doch die Frage auf, warum die Welt nicht Stück für Stück besser wird. Nunja, jetzt gibt es den iPod und geschmacksfreie Tomaten und jeder in dieser Welt, der genug Dollars oder Euros hat, kann diesen Text problemlos lesen, aber im Grunde genommen … Es muß also einen Mechanismus geben, der die wohlwollenden Gutmenschen wieder geradezieht. Es ist der Prozess des Erwachsenwerdens. Jemand sagte mal, die Jugend ist dann reif, wenn sie freiwillig rechtzeitig am Abend ins Bett geht. Schon mal ein schlauer Gedanke und geht auch wohl in die problemlöserische Richtung.

Es sind die Mühen in unserer Ebene. die schon in den Siebzigern Erich Loest so schön in seinem ähnlichklingendem Roman beschrieb. Es geht da um das ganz gewöhnliche, kleinbürgerliche Familienhöllenleben im sozialistischen Plattenbau, um Elternnöte und um die kleinen Abweichungen im Eheleben, die kurtzeitig glückliche Momente schaffen.

Die schönste Szene ist die, als in der Schule die Lehrer vor einer angeblichen Demonstation am Leuschnerplatz warnen, wo eine Sympathiekundgebung für eine „verbotene Rockgruppe“ von subversiven Elementen angedacht wurde. „ Geht da nur nicht hin!“ Alle waren dort und Loest beschreibt sehr detailreich den Kampf zwischen neugierigen Schülern und der Volkspolizei. Das ist wohl einmalig in der DDR-Literatur.

Ein anderer Knackpunkt ist die Szene im Schwimmbad, wo ein offenbar sadistischer schwimmlrehrer den Sohn des Protagonisten anschreit und der beiwohnende Vater durchdreht und dem Lehrer lauthals faschistoide Züge unterstellt. Das ist deswegen sehr bewerkenswert, weil nach DDR-Lesart Faschismus eine politische Kategorie darstellte und keinesfalls ein soziologische. Das ging damals gar nicht. In dem Roman hat das natürlich ein Riesennachspiel. Eine Entschuldigung wird gefordert usw. Wie der Disput zwischen sozialistischer Alltagsrealität und sozialistischen Anspruch ausgeht — vergessen. Es gab wohl eine salomonische Lösung.

Im Alten Regime war das Erwachsensein klar markiert: der Armeedienst. Also, wer das nicht schon in der Schule mitbekam, wie verlogen das System ist, der bekam bei der NVA oder den Grenztruppen den letzten Schliff. Die Arme war quasi das Destillat des Regimes in seiner klarsten Form. Obwohl: einige blieben selbst nach diesem Bad resistent.

Ausnahmen gibt es immer wieder. In Ilmenau gab es so einen Musterstudenten, fachlich brilliant und damals nicht sehr schmeichlerisch Breitmaulfrosch genannt. Der war so drauf, nahm es tatsächlich für ernst und beschwerte sich beispielsweise bei der Parteikreisleitung über die Machenschaften der unteren Organe; als das abgeblockt wurde, ging er bis zum Zentralrat der FDJ.

In seinem Zimmer wohnten auch ganz „normale“ Studenten. Einer war ganz Plietscher, hielt des Öfteren freche Reden und zog den Frosch (zu recht) öfters mal auf.

Als dann dieser Gegenspieler 1981 an der polnisch Grenze zur DDR verhaftet wurde, weil er auf einer Solidarno??-Versammlung etwas von der revolutionären Stimmung in Ilmenau berichtete und Postkarten zu Freunden schickte: „Habe jetzt revolutionäre Erfahrungen gesammelt. Jetzt geht es an der TH los.“, da hatte der Gehänselte seine Chance und lieferte ihn aus. Ja, er hätte mal einen Vorlesungsstreik organisiert, missachtete die Politik der Partei usw. In Wahrheit war es harmlos: Ein Teil der Seminargruppe hatte nur mal wieder nach einer durchzechten Nacht im D-Club einen schweren Kopf und da gähnte jemand: heute bleiben wir im Bett.

Uwe bekam 18 Monate Bautzen und wurde später freigekauft und heute ist Dominotag 2006 und die Deutschen applaudieren, wenn vier Millionen bunte Steinchen umfallen (Medienschelte).
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Donnerstag, den 16.11.2006 [08:54]


Es ist tatsächlich Kaisermanöverwetter und Veit hat den ¬Puck-Programmierwettbewerb gewonnen. Da freut sich doch jeder Vater – besonders wenn er selber in dem Gewerbe praktiziert. Ob man mit Puck einen Webserver betreiben kann?

Thüringen ist eben doch Dunkeldeutschland, auch wenn die Sonne scheint. So gewisse Vorurteile feiern Urstände und bei jedem Aufenthalt jenseits der ehemaligen Zonengrenze muss man sich diesen Schmarren als aufgeklärter Mensch anhören. Es sprudelt und sprudelt und man steht nur mit offenem Munde fassungslos daneben. Vielleicht ist aber gerade das der gewollte Kick. Von Monolog zu Monolog findet eine gewisse Inflation statt. Diesmal waren die Juden selber dran schuld, weil man ihnen ja nahegelegt hatte, wegzusiedeln und sie nicht hören wollten … Man denkt, gerade in einem Zeittunnel zu sein.

Ist das nicht sogar eine strafbare Handlung, wenn jemand die Vorgänge in O?wi?cim abstreitet? Na jedenfalls ist es mal nachdenkenswert, wie entscheidend die ersten neun Lebensjahre im Vergleich zu den dann folgenden 60 Jahren sind. Das das aus den Köpfen nicht mehr rausgeht. Offenbar muss sich das Problem biologisch lösen – und es wächst eben auch leider nach.
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Mittwoch, den 15.11.2006 [23:20]
Der Herbst hat bisher wettermäßig nicht enttäuscht. Erwartungsgemäß sind die Blätter von den Bäumen abgefallen und in der Öffentlichkeit wurde die Diskussion ob der Laubsauger entfacht. Wenn die Nöhler nur wüssten, was das für einen Spaß macht! Da hat man diese gewaltige Maschine auf der Schulter, alle Menschen schauen genervt und man ist Herr über den großen Rüssel, der alles bläst und saugt. Es kommt billiger als die Haltung eines feschen Kampfhundes, man tut nochetwas Gutes, aber leider geht das nicht das ganze Jahr. Der Industrie wird schon noch etwas einfallen.

Mittlerweile hat die Vorfreude auf das Weihnachtsfest eingesetzt und die Werbung für Versicherungsprodukte wirbt wie alljährlich mit magischen Fristen. Wir wissen doch: 20 Prozent auf alles - ausser Tiernahrung

Heute im Ferkelmarkt, wo es seit der neuesten Werbekampagne saubillig sein soll: da stehen nun die unüberschaubare Anzahl von modernen Riesenfernsehern. Eine Kundin: „Das ist aber unscharf!“ Das wird die Verkäufer freuen. Macht es doch Lust auf HDTV. Da muss die Kundin einen langen Atem haben. Als Walter Bruch 1962 das Farbsystem PAL auf die vorhandene Fernsehnorm aufsattelte, waren die fünf MHz Grautonauflösung allemal genug. Die Bildröhren waren vielleicht 30 cm breit, da war also die Granulierung weit unter der Wahrnehmbarkeitsschwelle. Das ist eine sehr gemächliche Technikentwicklung. Im Gegensatz zur Computertechnik, bei der man irgendwann mal von 640kByte maximal benötigtem Arbeitspeicher ausging.

Es gab da einmal eine eMail-Adresse und als täglich mehr als hundert fehlgeleitete Briefe ankamen, da vergaß jemand diese brav per POP3 abzuholen. Heute kam nun der absoloute Härtetest für den Donnervogel: auf dem Server lagen 40001 Mails mit insgesamt 333 Mbyte. Bisher scheint es zu klappen, der Vogel schüttelt sich zuweilen, aber er stürzt nicht ab. Darwin ist eben doch ein UNIX – hätte mich auch gewundert …

„Ein bullernder Ofen an einem frostklaren Morgen“ so umschleimt Rock Hudson den Naivling Doris Day, die sich im Film Bettgeflüster die Telefonnummer 22768 teilen müssen. Es gibt noch wunderschöne Dinge auf dieser Welt. Und gleich kommt wieder die Stelle, wenn sie merkt, dass er sie die ganze Zeit an der Nase rumführt. Göttlich!

Unsere Werbeprofis werden im besser: es sprudelt nur so. Toll diese neuen Wortschöpfungen. Prof. Ternes hat da nicht ganz recht. Seiner Meinung nach besteht das Besondere der Linguistik in der Dualität der Einflußgrößen auf die Sprachentwicklung. Es sind zum einem wohlbekannte linguistische Gesetze als aber auch Vorgaben durch politische Gesetze. So werden oft Minderheitensprachen unterdrückt oder in selteneren Fällen auch mal gefördert. Wie heißt es so schön in der irischen Verfassung: „ Irisch ist die Nationalsprache. Englisch kann im öffentlichen Leben die gleiche Rolle einnehmen.“ Der deutsche Linguistikguru übersieht die Geilheit der Reklameprofis, die sich den ganzen Tag den Kopf martern, wie sie die Menschheit mit neuen, effekterheischenden Ideen beglücken können.



Bei den Wurstsorten gibt es In Deutschland die größte Sprachenvielfalt. Jeder, der mal aus einem deutschen Gau in einen andren zieht und alle Wurstsorten neu lernen muss, kennt das Problem. Auch der Beruf des Fleischverarbeiters hat viele Namen: es gibt Fleischer, Schlachter, Selcher, Metzger, Fleischhauer und Wurster. Beim Aldi taucht nun Metzgeria auf. Klar, das soll das klassische, bodenständige Wort Metzger mit dem italienischen Lebensgefühl verbinden. Die Botschaft ist klar, nur muss sie klarer lokalisiert werden. Wie heißt es so schön: LBS (local based services). Dann heißt es auch: Schlachteria, Fleischeria, Selcheria — und nun kommt es Fleischhaueria. Wir als Piefkles wolen doch unsere Freunde aus der Ostmark nicht von den Segnungen ausschließen. ;-))

Wenn wir gerade von Grenzfällen reden. Wie bekannt ist das Hirn zu akrobatischen Leistungen fähig. Wäre es nicht denkbar, dass sich Niederländer gerne an Deutschland anschließen möchten, um dann die Segnungen des deutschen Wesens zu genießen? Im Leben ergeben sich zuweilen Gelegenheiten, solche Meme zu testen. Unser derzeitige holländische Praktikant Eelco verstand die Frage wohl. Nur das sei tatsächlich nicht vorstellbar und eine absurder Gedanke – so seine Meinung. Warten wir es ab.
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Dienstag, den 14.11.2006 [23:08]
Andere Länder – andere Sitten. In der Ukraïne sind Türklinken gänzlich unbekannt, im Thüringer Wald werden Hunde gegessen, in den USA werden statt Bierfilzen zerschnitte Servietten unters Bierglas gelegt und hier in unserem schönen Deutschland gibt es keine verschenkten Schokobuchstaben zum Nikolaus. Wäre das nicht ein gewaltiger Umsatzschub? Würde nur jeder Deutscher jedem seiner guten Bekannten und Kollege „seinen“ Buchstaben schenken und würde der Buchstabe 135¢ kosten, wäre das bei Annahme von zehn „Beschenkten“ pro Bürger eine Steigerung des Einzelhandelumsatzes von 1,35*82000000*10 ? 1,1 Milliarden €!

Wenn wir gerade bei spektakulären Hochrecnnungen sind: Stanis?aw Lem hat in seinem genialen Roman Das absolute Vakuum den Kunstgriff unternommen, eine Sammlung von Buch-Rezensionen zu veröffentlichen. Er hatte also eine Hand voll guter Sujets, aber auch keine Lust sie alle auszuvormulieren und schuf sich mit dem Trick viel Raum zum Phantasieren. In seiner „Rezension“ Eine Minute der Menschheit fabuliert er zahlengigantomanisch beispielesweise über das Tagesejakulat dieses Planeten.

Gehen wir mal von einer durchschnittlichen, zweitäglichen Orgasmushäufigkeit aller geschlechtsreifen Menschenmänner aus, einer Ausschleudergeschwindigkeit von 3,2 m/s und einer mittlere Menge der Tagessuppe von ca. 7 ml, dann ergibt sie ein Geysir von 34 Meter Durchmesser, der Tag und Nacht in die Höhe sprudelt. Dabei werden ständig 14 Mio kcal/s  ? 79,6 Mio PS Energie ausgestoßen — ist schon imposant!

Um das zu reduzieren könnten die Versuche des Reich-Schülers ¬Loil Neidhöfer aus Hamburg beitragen, der aus wissenschaftlichen Gründen im letzten Jahrtausend einmal das Selbstexperiment Zölibat an sich durchführte und dann Tagebuch über seine fortschreitende Befindlichkeit (sprich steigende Aufladung) führte. Da hilft auch kein Orgonakkumulator mehr.

Irgendwann war Loil des Akkumulators müde und er verschenkte ihn samt des Orgonshooters an ¬Regula in Habichtswald. Durch den ganzen Elektro- und Lichtsmog einer Großstadt verwandelt sich das Orgon immer öfters in das gefährliche, teuflische ¬Dor. Und wenn das erstmal in der Welt ist, dann sieht es schlecht aus – selbst Lichtwesen haben da schlechte Karten.

Also irgendwann im Sommer 1998 kamen die beiden mit Stahl- und Schafswolle gefütterten Holzkisten aus Hamburg in dem beschaulichen Dorf bei Kassel an.
Die Frage war nun: wie könne diese hochwirksamen Heilkisten „gereinigt“ werden —müssen sie gechannelt werden?
Nun, erstmal wurden die digitalen Armbanduhren abgelegt, die Händies ausgeschaltet, dann wurden sie mit einem halbfeuchten Leinentuch ausgewischt und in eine sonniges Zimmer gestellt. Zur Verstärkung wurden vier Marienkristalle in die Ecken platziert. Nach drei Stunden waren wir ganz neugierig und wollten die Wirkung testen. Es lagen zwar momentan keine Probleme an, aber wir wollten mal schauen, was so geht.

Gerade der Orgonshooter hat es uns angetan. Er kann wegen seiner Kompaktheit ganz gezielt auf Problemzonen des Patienten gerichtet werden und dort sehr präzise seine Wirlung entfalten. Wie sieht der aus? ziemlich unspektakulär. Eine Holzkiste, deren Wandungen aus zehn alternierende Schichten aus Stahl- und Schafswolle bestehen, verbunden mit einem biegsamen Metallschlauch (einer Gänsegurgel aus dem Leichtbauwesen nicht unähnlich), endet in einem Trichter. Und gerade dort heraus strömt das Orgon. Richard also legt seine Hand hochkant auf den Boden und bewegt in angemessenem Abstand die Tute des Shooters wedelnd an der Hand vorbei. „Oh, ist das stark, was da so rauskommt!“, so entfuhr es ihm spontan. Das machte mich neugierig und ich setzte mich in den Akkumulator. Da sitze ich nun in einer dunklen, engen Holzkiste und warte auf — tja was eigentlich? Langsam breitet sich die Wirkung des Orgons aus, der Puls wird beschleunigt, das Blut beginnt vermehrt zu kreisen, eine Minierektion stellt sich ein …
Das ist pure Lebensenergie! Aber Quatsch ist es doch.

So nun wieder zu irdischen Gedanken. Heute doziert der noch nicht emeritierte Professor Ternes zum Einfluß des Keltischen auf andere europäischen Sprachen. Viele europäische Ortsnamen haben keltischen Ursprungs. Das gallische Wort D?n heißt soviel wie Burg und findet sich im Ortsnamen wie L?gud?num (Burg des Gottes L?gu), was heute Lyon heißt. Der Ort mit der schrecklichen Vergangenheit Verdun geht auf Virod?num (Burg des Viro) zurück. Im Englischen taucht es als Town, im Deutschen als Zaun und im Niederländischen als tuin [t?y??n] (Garten) auf.

Viele Kleidungsstücke sind gallische Erfindung, so beispielsweise ist die Hose gallischen Ursprungs und lebt noch im maritimen Ausdruck braie weiter, in der Alltagssprache hat es sich noch als Hosenstall oder -schlitz la braguette erhalten. Das Hemd heisst la chemise, im Bretonischen Hivis. Auch Bier ist keltischen Ursprungs. Im alten Frankreich hieß das Bier noch cervoise [???v???s?], das entspricht dem cerveza des Kastillischen. Später ist das deutsche Wort bière übernomnmen worden. Das Französiche hebt sich in Vielem von anderen romanischen Sprachen ab. Ursache ist wohl der gallische Einfluss. So gibt es das [y] nur im Französischen und in norditalienischen Dialekten wie im Piemontesisch oder dem Milanesischen. Das ist aber eigentlich zweifelhaft, da im Keltischen das Lautsystem mehr zu ungerundeten, hinteren als zu gerundeten, vorderen Vokalen neigt. So heist Kalb auf Irisch laogh, was so ausgesprochen wird: [l??:?]. Überhaupt ist der [?]-Laut, den es auch im Vietnamesischen (?), in altaïschen und jakutischen Spachen als ? und ansatzweise auch im Japanischen (vokalisch als ? oder beispielsweise in dem schönen Wort ?? = ???? gespr: [?ndo:]) gibt, sehr häufig.

Bis zur Christianisierung des Irischen wurde das Keltische mit ¬Ogham verschriftet. Bemerkenswert ist die Vokalzuordung. Hier die Reihenfolge der Selbstlaute: „?, ?, ?, ? und ?“. Das entpsricht: „a o u e i“. Für Europäer erscheint es ungewöhnlich, dass nun gerade das i das längste Zeichen ? und a ? nutzt.

Nun ist das mit den offensichtlichen Regeln so eine Sache. Im Lateinischen gibt es das [?] nicht, so dass alle Sprachen, die diesen postalveolar Frikativ aufweisen, vor einem orthografischen Problem stehen. Die meisten europäischen Sprachen verwenden Bi- bzw. Trigrapheme. Je nach Sprache wird es nun in zig Varianten dargestell: sj, sch, sh, ch …. Alle slawischen Sprachen mit ihrem Drange nach Monographemen (bis auf das abtrünnige Polnische und Kaschubische) verwenden š. Wenn man nun beobachtet, dass dieser Laut im Russischen ? geschrieben wird auch in exotischen Sprachen wie im Hebräisch ? oder im Arabischen ? so „lange“ Zeichen nutzt, kommt man leicht auf die Regel, dass [?] was Langes ist. Schon der Blick auf das Ungarische bezeugt das Gegenteil: dort steht s für [?] und sz für [s]!
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Montag, den 13.11.2006 [23:01]
Die Raucherdiskriminierung bekommt nun auch in Deutschland eine neue Eskalationsstufe verpasst. Am Ende der letzten Woche wurde in einem der großen Gremien (Reichstag?) was zum Thema Genuss im Gastrobereich beschlossen. Also zukünftig darf nur noch in Diskotheken und Bars geraucht werden – nicht aber in Restaurants und Cafés.

Deutschland wäre nicht Deutschland wenn es da keine DIN-Norm gäbe, die feinsäuberlich unterscheidet, was denn nun ein Café, eine Bar oder ein Restaurant ist. Oder geht die vielbeschworene Freiheit bis zur freien Entscheidung des Gastwirtes? Da die ja meist rauchen und selbstverständlich umsatzorientiert denken müssen, wird es fast nur noch Bars geben … Die Angst vor einem kurzfristigen Umsatzrückgang ist einfach zu groß.

Denkbar wären Definitionen wie: ein Restaurant hat eine warmes Speisenangebot, eine Bar schenkt Alkohol aus und in einer Diskothek darf getanzt werden. Ein Café? Hm. dort gibt es weder Alkohol, Tanz noch warmes Essen. Da zu einem Mittag- oder Abendessen hierzulande optional Wein oder Bier gehört, darf also in einem gewöhnlichen Restaurant geraucht werden, da es auch die Eigenschaft Bar aufweist. Blieben nur Cafés als rauchfreie Zonen übrig. Das kann nicht Intention des Gesetzgebers sein.

Andere Definition: In einer Disko kann man selten sitzen, die mittlere Lautigkeit nach DIN ist höher als 86 db(A), in einer Bar sitzt man auf einem Hocker, der eine Mindesthöhe von 66 cm aufweist, in einem Restaurant ist das Verhältnis Sitzplätze zu Tische größer als 4 und in einem Café sind die Tische mehr rund als eckig, die Gäste sind überwiegend Frauen, Tribaden und Urnige. Schon besser.

Sehr praktisch wäre ein kleiner Wizard, der automatisch nach Abfrage einige Parameter den Nichtrauchergrad© bestimmt. Hier ist er:
Also alle Fragen ehrlich beantworten und schon wird angezeigt, wie rauchig es sein darf.
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