Rainers Horen
Sonntag, den 26.11.2006 [12:41]
Nachdem der gestrige Abend auf St. Pauli Dank der sich anbahnenden Klimakatastrophe so schön lau und mild wie in mediterranen Städten war, hat heute der November wieder sein wahres Gesicht gezeigt. Am Isebekkanal huschen Muttis mit ihren behelmten Söhnen, Frauchen mit kackenden Vierbeinern und einsame Joggererinnenpärchen vorbei. Da sage einer, es sei ein Klischee, dass der November melancholisch macht: gestern ist Bens Nachbar in Dulsberg in seiner Wohnung aufgehangen aufgefunden worden. Uli war über 50, arbeitslos und hatte ein Alkoholproblem. Und wahrscheinlich hat er wegen der digitalen Kluft auch noch den Fehler gemacht und ist einfach vom Stuhl gesprungen. Es mag sarkastisch klingen, aber das Thema sollte mal abgearbeitet werden. Bilanzsuizidale sind eh nicht davon abzuhalten. Und da ist es besser, ein wenig Theorieinput mitzunehmen.

Knüpfanleitung
Vom Stuhl springen ist falsch! Also, wenn es denn sein soll und man sich verbessern kann…

Bevor sich die Schlinge zuzieht, muß der Körper mindestens zwei Meter gefallen sein. Für die Physiker unter uns: sind also mindestens 9,81×70×2,0 = 1,37kJ = 330cal notwendig. Nur so ist man sofort bewusstlos und zappelt nicht „ewig“. Apropos Schlinge, das ist wie mit den Krawattenknoten, er muss richtig gut sitzen und es gibt verschiedene Varianten. Die allgemein Übliche ist hier mal in einem kleinen Film schritt-für-schritt aufgezeigt. Ähnliche Knoten sind die Schafottknoten, Newgate- und die Ichabod-Knoten. Sie alle sind dreifache ¬Überhandknoten.

Rechnen wir also einmal durch. Misst die Strecke von Genick bis zum angehockten Knie ca. 1,20 mtr., muss der Abschiedsraum also mindestens 3,20 mtr. hoch sein. Also nix mit sozialem Wohnungsbau im Osten von Hamburg… Roger Kusch würde gleich wieder eine Zweiklassengesellschaft vermuten. Es reicht, wenn einer so verrückt ist. Also Schluß jetzt mit dem düsteren Kram. Vielleicht gibt ja Ulis Tod den Sinn, das Nachfolger weniger Schmerzen haben. Das wäre bestimmt in seinem Sinne.

Das Leben ist für die allermeisten Menschen schön, bunt und lebendig. Jeden Tag verlieben sich mehr Menschen ineinander als sie sich trennen. Liebe ist das Schönste auf der Welt und auch zugleich fast unbezahlbar. Leider funken zuweilen die allzu hormongesteuerten Männer mit ihrer falsch verstandenen Männlichkeit dazwischen und verderben alles.
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Sonnabend, den 25.11.2006 [09:31]
So wabert es noch durch deutsche Hirne: die heile Familie beim Gruppenphoto.

Papa Edmund weiß gar nicht was das soll, er will jetzt lieber an seinem bahnbrechenden Werk: „Der Beistellherd und seine zentrale Stellung in der modernen Familie“ schreiben. Seine aufgeklärte Frau Erna, die aufmerksame Leserin der Bücher von ¬Anna Fischer-Dückelmann ist, hat ihn seit Wochen in den Ohren gelegen und nun sind sie alle bei einem neumodischen photographischen Studio. Mutti scheint zufrieden zu sein. Vati schaut verwundert nach vorne und überlegt sich vielleicht, warum das alles hier so teuer ist. Die drei Kinder schauen genervt und warten auf das Ende der Sitzung. Die Tochter ist schon seit Jahren in Stellung und hat sich heute mal für den Termin von ihren Herrschaften beurlauben lassen. Sie kann ja heute abend länger machen. Der Hausherr wartet schon. Der große Sohn muss nachert noch zurück ins väterliche Kontor um die letzten Kautschukimporte zu begutachten und der Benjamin hat Semesterferien.

Erna hat vor dem Photographenbesuche wieder einmal in ihrem geliebten Buche Die Hausärztin gelesen: Die wenigsten Menschen sind sich klar über das Verhalten, daß sie bei der Ehe einschlagen sollen. Wann schadet der geschlechtliche Verkehr? Und wie oft dürfen sich gesunde Gatten vereinigen? Tatsächlich sind zahlreiche nervöse Übel und langjährige Schwächezustände, ferner Entzündungen der Beckenorgane bei der Frau nur zu häufig auf die maßlose Befriedigung des erregten Geschlechtstriebes im ersten Jahr nach der Verehelichung zurückzuführen. und denkt nun darüber nach, wie sie es ihrem Töchterchen beibringen soll. Sie ist ja immer so eigensinnig…

Aber lesen wir weiter: Wir legen dieses ernste Kapitel besonders den jungen Frauen und den reifen Mädchen, welche der Ehe erst entgegen sehnen, ans Herz, weil es noch in ihren Händen liegt, sich und ihren Gatten zu schützen und künftiges Elend vorzubeugen. Für den Mann ist die kindische Nachgiebigkeit der Frau und ihre heute meist noch krasse Unwissenheit auf dem sexuellen Gebiete die größte Gefahr; je jünger und unerfahrener er selbst ist, desto leichter wird er an der Seite der unwissenden Frau zur Zügellosigkeit verleitet. Sie muß also unter allen Umständen die Zügel in der Hand behalten; denn die Seeligkeit des ungestörten Besitzes auch den charakterfesten Mann zuweilen zu einer beiden Teilen schädlichen Unmäßigkeit.

Frau Fischer-Dückelmann wusste schon damals von den heutigen Problemen. So schreibt sie im Kapitel Praktische Regeln für die Ehe: Unter sittlichen und gesunden Menschen macht sich der Geschlechtstrieb erst dann geltend, wenn die Liebe einkehrt, d.h. -- so sollte es sein. Leider ist beim männlichen Geschlecht dies seltener der Fall. Eine verkehrte Erziehung, die darin gipfelt, daß für den Mann andere Sittengesetze gelten als für die Frau, Alkohol, geistige Überarbeitung, schlechtes Beispiel bewirken, daß der noch nicht ausgewachsene Jüngling schon, ohne die wahre Liebe zu kennen, geschlechtlichen Verkehr ausübt, und dazu in dem Wahne, daß dies für seine Gesundheit notwendig sei. Die Folge davon sind seine frühzeitige Schwächung und später minderwertigen Nachwuchs in der Ehe, unzählige Infektionen, Überfüllung der Findelhäuser, seelisch und körperlich zugrunde gerichtete Mädchen, welche sich dem ständigen Gewerbe der Unzucht widmen, um gegen Geldgewinn die sogenannten »Bedürfnisse« der Männerwelt zu befriedigen: ein trauriges Bild, von dem sich alle ernsthafteren Frauen nicht abwenden dürfen.

Nun sind einige Jahre vergangen und gerade in Hamburg gibt es mehr Singlehaushalte als alles andere. Die Alsterbibel schrieb mal vor einigen Jahren in einem Artikel ihres zweitliebsten Themas: „Singlesex ist mit Riesenaufwand betriebener, schlechter Sex“ Und was bleibt? Das, wogegen nebige Apparate helfen sollen.

Allerdings gibt es nur Kindergrößen … Selbst dazu wusste Anna 1901 auch etwas: Leider sind die erwachsenen Onanisten auch unter dem weiblichen Geschlechte keine Seltenheit und die Zahl derjenigen, die Trost und Rat bei der Ärztin deshalb suchen, ist keine kleine. Wenn die Erkenntnis der wahren Bedeutung ihres Zustandes sie erfaßt, kommt meist auch heftige Reue, Angst vor ernsten Folgen über sie, und sie machen große Willensanstrengungen, um sich von der bösen Leidenschaft zu befreien
Die jetzt immer häufig werdende Ehelosigkeit ist für Männer und Frauen von großer Gefahr; denn sie treibt sie oft der Onanie in die Arme!
Wie war!

So — was nun? Fast eine Million Hamburger Singles strömen täglich in Straßencafés, in den Kiez und in virtuelle Kontaktbörsen, damit in Zukunft der häufigste Sexualpartner eben nicht die rechte Hand sein wird.

Das klingt nach einfacher Problemlösung, zumal ja ähnliche Interessen auf beiden Seiten vorliegen. Trotzdem werden auch heute wieder die Allermeisten wieder ungeküsst nach Hause gehen. Tja, Männer und Frauen: da scheint es ein kleines Problem zu geben. Was denkt eine Frau, die alleine lebt? Sie wird feststellen, dass es ohne Männer streckenweise ganz gut geht. immerhin gibt es Akkuschrauber und andere elektrisch angetriebene Geräte, die rotierende und auch kompliziertere Bewegungen ausführen können. Was soll's? Es bleibt der Traum von emotionaler und auch anderer Sicherheit. Jetzt gehen die Gedanken weiter: warum werde ich vom Schicksal verschmäht? Kann das Zufall sein, das Glück scheint so nah. So entstehen Verschmähungstheorien. Da Frauen auf Äußerlichkeiten getrimmt sind (O-Ton: „…das mache ich nur für mich…“) liegt ein Problem offenbar im Außenbild vor. Ich bin hässlich. Und jetzt kommt ein Galan und sagt: „Du bist schön und attraktiv!“ Was denkt allfällig das Frauenzimmer: „Muss das ein Trottel sein, sieht der nicht, wie hässlich ich bin. Der will wahrscheinlich nur das Eine. Das will ich zwar auch, aber nicht mit so einem Trottel.“
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Freitag, den 24.11.2006 [22:22]
„Er ist ganz normal und nur ein bißchen rassistisch“ — so erklärt heute ein türkener Mitschüler des Fastamokläufers an einer Berliner Schule in die laufende Fernsehkamera.

Das scheint also heutzutage der Maßstab für Bravheit zu sein. Oder wollte der junge Yilmaz nur flapsig sein? Jounalisten nicht nur aus der Hauptstadt halten gerne die Kamera drauf, wenn Jugendliche was Schlimmes zu sagen haben. Jedenfalls stellt das Vorkommnis des angekündigten Amoks einigen am Rande Beteiligten wieder eine vergrößerte Aufmerksamkeitsfläche zur Verfügung. Wie war das noch in Erfurt? Der Kunstlehrer, der die letzten Sekunden mit dem Schützen verbrachte, erzählt BILD wilde Räuberpistolen. Lehrer dieser Schule kennen ihnen und gaben nur die Augen verdreht.

Diese Meldungen haben etwas Inflationäres an sich. Irgendwann wird es hoffentlich nicht heißen: „Wir melden nur Amokläufer mit mehr als zehn Opfern.“
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Donnerstag, den 23.11.2006 [08:19]
Könnten das nicht die schönsten Tage für die Freunde der Madam O sein? So mies und duster kommt es nimmermehr. Es graut einem das warme, beschütztende Haus zu verlassen. Draußen nieselt es ständig und der kalte Novemberwind drückt die Nässe ins Gesicht. Beim Radeln durch den Grindel tauchen immer wieder unverhofft aus dem Dunst Pfähle und Straßenschilder auf.

Massel gehabt und nicht davorgeknallt. Kurze Atempause beim Portugiesen zwischen Dänischem Bettenhaus und Rolfs Radladen. Weiter vorbei am Wohlthat‘schen Bücherramschladen, der heute sein Straßenangebot reduzieren muss, zum Dammtor. Jetzt kommt die große Versuchung: Besser ist‘s die S-Bahn zu nehmen, heute wäre der Tag, an dem der inneren Schweinehund siegen könnte. Aber nein, wir sind hart und unerschrocken und es geht weiter über den Alsterdamm nach St. Georg. Am Bahnhof bereitet sich irgendeine Apothekergewerkschaft auf den weichgespülten, organisierten Klassenkampf vor. Die Leute sehen wie bei einem Kiezausflug aus. Gut, die siebgedruckten Schilder stören das Bild – aber die Stimmung ist die gleiche. Irgendwie warten alle, dass was passiert. Irgendwas, was sich wie ein Ausstieg aus dem Alltagstrott anfühlt.

Aber plötzlich taucht der Unterschichten-Walmart und der Berliner Bogen auf und nach kurzem Spurt längs des Kanals steckt das Rad im Felgenbrecher am Billekanal. Kurzes, vereinbartes Klopfsignal und schon öffnet sich das warme, trockene Büro – nette Angestellte schwirren umher und vorbei und simulieren Geschäftigkeit. Das iBook an die Stromstrippe gesteckt und das Leben beginnt.

Nun will man ja gerne etwas antizyklisch sein und dadurch seine Einzigartigkeit unterstreichen. Also lässt man sich bei dem SM-Wetter nicht wie die anderen Angestellten die Pizza kommen. Raus aus den miefigen Kontoren! Der Chinese am Berliner Bogen sollte angenehm leer sein. Aber nein: die Warteschlange der Hungrigen geht bis auf die Straße und die Leute essen ihre gepressten Enten auf zerbröselten Erdnüssen auf dem Bürgersteig des Heidenkampsweg unter einem schützenden Schirm. Brrh! Nur weg hier.

Da ist es nicht mehr weit bis zu einem gräßlichen Radfahreralbtraum:

Nach einem unverhofften (?) Verkehrsunfall auf eienr belebten Straße kommt die linke Wange auf dem Asphalt zu liegen. Es riecht nach Öl und es wird immer kälter und nässer. Das Nasenblut tropft auf die Straße und vor den eigenen Augen bildet sich ein Rinnsal. Die Hose ist aufgerissen und das ganze Regenwasser läuft in die falsche Richtung vom Knie nach oben, durchdringt textile Barrieren und sehr empfindliche, wohlgefaltete Körperteile werden in das Geschehen einbezogen. Die Brille ist von ihrer angestammten Stelle gerutscht, liegt auf der Seite und behindert die Sicht auf die vorbeifahrende Autos und LKWs, die regelmäßig durch eine Riesenpfütze fahren und jedesmal einen neuer Schwapp über uns spritzen. Ach, und nun kommt noch so ein Fußgänger vorbei: „Jaja, die militanten Radfahrer, geschieht ihnen recht!“

Jetzt ist der Zusammenstoß schon ewig her. Langsam werden die Glieder steif. Das ist so ähnlich wie frühmorgens im Bett. Nur leider kann ich mich nichr rumdrehen. Das Rad liegt quer überr mir, das Bein ist in den Speichen verklemmt, der Hebel der Gangschaltung bohrt sich in die Magengrube. Jetzt ist aus der Ferne, fast wie erlösend, ist das Martinshorn zu vernehmen. Auch noch dieser Krach – tut das weh. Glaubst Du, die bringen uns jetzt ins Warme? Neh, da werden Photos gemacht, fragwürdige Zeugen befragt. Sind das Dussel.
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Mittwoch, den 22.11.2006 [10:04]
„Mein Sklave hat Migräne“ — wegen dieser (fadenscheinigen?) Entschuldigung gab es gestern Abend bei GrauSIG leider keine praktischen Vorführungen zum Thema Sadomaso und wir mussten uns vorerst mit theoretischen Erläuterungen zufrieden geben.

Ein klein wenig Praxis – nämlich einen Selbsttest zur eigenen Vorliebenbestimmung – gab es dann doch. Gewissermaßen als Einstimmung wurden unter den verdutzten Vanillas Wäscheklammern verteilt, die an die Ohrläppchen gezwickt werden sollen.

Jetzt schon mal die Auflösung: Wenn Du anfängst zu lächeln und du sofort das andere Ohrläppchen (oder…) mit versorgst, bist Du Masochist. Wenn Du vor deinen Nachbarn auf die Knie fällst und ihn bittest, dir die andere Klammer an das Ohrläppchen (oder…) zu klammern, bist du devot. Wenn Du anfängst zu lächeln und die andere Klammer deinem Nachbarn verpasst, bist du switscher. Wenn du Aua sagst und beide Klammern Deinem Nachbarn verpasst, bist Du dominant. Wenn du dich freust, wenn dein Nachbar Aua sagt, solltest du in Deckung gegen. Wenn du die Klammer in schwarze Spitze einwickelst, bist du eine Zofe. Wenn du nur Klammern mit Gummiüberzug akzeptierst, bist du ein Fetischist. Wenn du sofort an oder … denkst, bist du pervers. Wenn du Aua sagst und die Klammer vor dir auf den Tisch legst, bist du ein Stino. Wenn du nachdenkst und sagst: „Hmm, interessante Erfahrung“, bist du ein Mensamitglied.

Als Protokollant dieser Ereignisse zeitigt es naturgemäß Schwierigkeiten, da etwas Vorurteilsfreies niederzulegen. Es treffen da Welten aufeinander. Menschen, die man bis dato für gleichgesinnt eingeschätzt hat, zeigen nun ihre andere und überhaupt eine andere – auf den ersten Blick spannendere – Seite.

Und schon kommen Klischees von wegen der Motivation hoch: sind das Bürgerschrecke, sind das Mitbürger, die Angst vor dem Mainstream haben oder unterstellt man ihnen gleich (analog den potentiellen Lesbenbekehrern), daß sie nur mal richtig durchgef… werden müssen. ja, das sind die Voruteile, die natürlich kopfschüttelnd abgewiesen werden. Das ist ja wohl, als ob man einem Herrchen oder Frauchen unterstelle, er oder sie habe es aufgegeben, mit Menschen zu reden oder einem Tabakrauchgemießer auf den Kopf zusage, er sei süchtig.

Wie bei allen „Randgruppen“ hat sich auch bei den Trägern des Ringes der O so ein Erhabenheitsgefühl gegenüber Nichtmitglieder dieses inneren Zirkels breitgemacht. Das ist ein subjektiver Eindruck. Vielleicht haben andere einen gegensätzlichen Eindruck. Abei sei es den Verfechtern dieser Form des menschlichen Umgangs (bei all dem Schmerz) gegönnt, auch diese dominate Gefühl ausleben zu dürfen.

Jetzt aber mal weg von der Gruppendynamik und Selbstbefindlichkeit hin zu inhaltlichen Fragen. Die Frage, die auch gestern gestellt wurde und leider auch nicht beantwortet wurde, ist die Motivation für „solche Gelüste“. So wie bei allen Spielarten steckt wohl in jedem einer kleiner Freund des Schwerzes. Wer hat sich nicht als Kind ein Gummiband um den Finger gewickelt und den sanften, justierbaren Schmerz gespürt? Oder ist es nicht als Mann wunderbar auf dem Rücken zu liegen, die Frau sitzt oben auf und stützt sich auf die Handgelenke ab und nimmt sich, was sie in dem Moment braucht. Dieses völlige Ausgeliefertsein ist eine Riesenvertrauensbeweis und ist damit ein wichtiger Bestandteil der Liebe. Aber muß ich mir deswegen Halfter, Kandare und Trense aus dem Sattlerbedarf oder Klistiere aus der Klinik holen?

Das ganze Phänomen umfasst eigentlich zwei Bereiche: einmal die etwas anderen Praktiken. Das könnte man ganz stinknormal in seinen vier Wänden absolvieren und die generierten Schmerzschreie während einer Session unterscheiden sich dann akustisch kaum von Lustschreien irgendwelcher Normalos.

Nachbarn, die ihren Fernseher mal versehentlich leise stellen, würde es also nicht auffallen, was bei Müllers eine Etage tiefer so abgeht – bis auf die Tatsache, dass es da wohl ein lebendigen Leben hinter den Wänden gibt.

Und nun sind wir beim neidischmachenden Unterschied angelangt: in Vanillebeziehungen die in nullter Näherung ohne Machtgefälle auskommen, wird Macht durch das Spiel Begehren und Gewähren generiert. Wer kennt es nicht, oder hat zumindest davon gehört, was in deutschen Schlafzimmern nach den Tagesthemen so abgeht? Hier die häufigsten Sprüche: „Ich bin müde.“, „Ich muss morgen früh raus“, „Ich habe da einen Pickel“, „Ich habe Stress im Beruf“, „Ich habe Besuch aus Moskau“. Da hier in diesem aufgeklärten Land auch das Schlafzimmerleben als ein demokratischer Prozess betrachtet wird und „Die Frage ¬Wer wen täglich neu entschieden wird.“ (W.I. Lenin 'Strategie und Taktik des revolutionären Kampfes': Moskau 1922), kommt es zu diesen unschönen Szenen, die die Männer und/oder Frauen in fremde, vielleicht gerade solche Arme, treibt.

Offenbar steckt in uns die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen. Es ist die Lust nach Unterwerfung, Verantwortungsabgabe und eben auch unwidersprochener Macht. Immer wieder findet man in der Geschichte Beispiele dafür. Ein zentrales Thema in der jüdischen Weltanschauung spielt die Freude über das Gesetz, das G*tt mit seinem Volk nach der Sintflut abgemacht und auf dem Berge Sinaï bekräftigt hat. Zentrale Aussage im Islam ist die Allmacht G*ttes und im Hinduismus wird ganz unumwunden zugegeben, daß es verschieden Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen gibt. Die von den Achtundsechzigern beeinflusste Pädagogik, die Kinder zu ebenbürtigen und diskussionsfreudigen Partnern zu definieren versuchte, ist wohl auch gescheitert.

Rundum, es gibt einen gewissen Hang zu vertikalen Strukturen. Und ist es nicht auch für beispielsweise Frauen befreiend, nicht immer in dem Konflikt zwischen eigener Lust und der gesellschaftlichen Moral zu stehen? Als Sklavin trage ich nicht die Entscheidung und die Verantwortung — ich folge meinem Herren und kann mich ganz auf meine eigene Lust konzentrieren.

Sadomasochismus macht sich aber nicht nur an gewissen Besonderheiten in der Beziehung fest, sondern da gibt es erzählweise diese Parties und Treffen. Im Gegensatz zum Stino spielt diese Vorliebe nicht nur eine Rolle in den eigenene vier Wänden, sondern gerade auch in einer Halböffentlichkeit. Es wird wohl ein befreiendes Gefühl sein, diesen Teil des Lebens (ob es nun so oder so ist) aus der Enge einer reinsten Privatangelegenheit in die Öffentlichkeit zu tragen. Seht, das ist mein Körper und meine Lust. Ansonsten gibt es wohl kaum Gelegenheit, diesen Stolz oder andere Gefühle mit dem eigenen Körper außerhalb des heimischen Schlafzimmers auszuleben.

Es gibt den Satz: „Eine Frau möchte solange nicht nur als reines Sexobjekt angesehen werden bis sie niemand mehr ansieht“ Vielleicht ist SM ein denkbarer Weg, dieses Dilemma zu durchbrechen, zumindest strahlen sowohl die Männer als auch die Frauen, die sich an dem Abend ganz offen als Freunde der Madam O zeigten, sehr viel Männlichkeit bzw. Weiblichkeit aus. Die Pole sind klar. Die Losmenge war natürlich nicht sehr groß, aber die Frauen hatten keine kurzgeschorenen Haare und die Herren müßten sich auch nicht verstecken. Es gibt viele Irrwege und welcher schwerwiegender und/oder abseitiger ist, wird die Zunkunft zeigen.
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Dienstag, den 21.11.2006 [17:05]
Heute ist nun der erste, richtig-häßliche Novembertag diesen Herbstes. Und selbst in dieser uncharmanten Position muss der deutsche Angestellte ins Geschäft – oder wie das Nordlicht sagt – auf Arbeit.
So strömem sie aus den U- und S-Bahnen am Berliner Tor und der Menschenstrom ergießt sich in die City-Süd, wie das ausgebomte und wieder aufgebaute Gebiet zwischen Hamm und Billstedt genannt wird. Hier sind die ganzen Versicherungen, Agenturen und Verwaltungen untergebracht.
Sieht man allmorgendlich die jungen, hoffnungsvollen Angestellten zu ihren Kontoren, Büros und Offices strömen, ist man unwillkürlich an Siegfried Kracauers „Die Angestellten“ erinnert. Kracauer analysiert die Welt dieser Mittelschichtler sehr präzise, dass man sich fragt, ob das Buch wirklich schon 80 Jahre alt ist. Ihn interessiert besonders der Widerspruch soziale Stellung der Menschen im Büro und im Freizeitbereich. Es geht im auch um die Motivation – das heißt die Frage, wie man es schafft, die lohnabhängig Beschäftigten dazu zu bringen, daß sie so arbeiten, als ob sie am Gewinn beteiligt wären — wobei sie in Wahrheit ja nur am Verlust beteiligt sind. Schon die Rumduzerei verschleiert die Machtstruktur. Muss also jemand requiriert werden, der am Wochenende (unbezahlt) Bereitschaft macht, dann ist es nach einer Ansprache wie: „ He Rainer, am Wochenende bist Du doch in Hamburg, ich gebe mal Deine Nummer weiter, wenn was ist.…“ schwer zu sagen: „Herr Goldberg, am Wochenende habe ich leider keine Zeit, Familie geht vor“ Dieser kumpelhafte Ton, der eine geborgte Höflichkeit darstellt, gilt nicht, wenn es umgekehrt darum geht nicht entlassen zu werden.

Kracauer beobachtete schon 1930, das hochmotivierte Aufstreben vom Arbeiter- in das Angestellenleben. Der Absturz erfolgt um so härter, und sie wollen es sich – wie heute – nicht eingestehen.
Die junge, leicht mit Visionen entflammbare und leicht lenkbare Generation drängt die „Alten“ aus dem Betrieb. „Alt“ hieß in jenen Tagen: über 38! Frauen drängen in den Beruf. Vorzugsweise als Verkäuferin. Weil man da bei der vornehmen Kundschaft Benimm lernen kann. Und so weiter...

Der einzige, wichtige Unterschied: Es gab Angestelltengewerkschaften. Aber sie hatten es schon damals nicht leicht. Angestellte neigen zum Glauben, der Schmied des eigenen Glückes zu sein. Und die meisten verzichten auf Solidarität, zum eigenen Nachteil. Wie heute.

Ich habe mich beim Lesen überhaupt gefragt: Warum gibt es so wenig zu lesen über das, was den eigenen Alltag ausmacht?
Diese Studie besticht nicht nur durch zahlreiche Aha-Erlebnisse. Sie ist sprachlich brilliant. Auffällig auch, dass schon damals zahlreiche Anglizismen in die Sprache der Angestelltenwelt geflossen waren („ausgepowert“).

Heute Abend beim Mensaabend ¬grauSIG ist das Thema Sadomasochismus angesagt. Es soll da Sachen geben, die neu sind. In der Ankündigung heißt es: Keine Angst - niemand wird geschlagen, es wird kein Blut fließen und Zwangsoutings wird es auch nicht geben.. Schauen wir mal, was ohne Zwang geht. Etwas Vorbildung kann nicht schaden und ¬Datenschlag.org liefert einen guten Theorieinput.

In jedem Redaktionssstem kommt mal die Aufgabe, hochgeladene Bilder nachträglich zu bearbeiten. Geradezu unglaublich ist diese ¬Anwendung, mit der man Rahmen über Bilder ziehen kann. Bisher scheiterten solche Versuche immer daran, dass es auf dem Server zwar mächtige Tools wie ImageMagick zur Verfügung stehen, aber die Abfrage auf der Browserseite nun wirklich nicht nutzerfreundlich ist. Dank der Hype Web2.0 geht also auch das. Zum einen kann man das Bild manipulieren, indem man auf dem Server Teilbilder auschneidet oder Filter ansetzt. Noch spannnender ist ja fast die Möglichkeit, nun auch sehr elegant USEMAPS zu bauen.
Flash wird benötigt!
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Montag, den 20.11.2006 [08:13]
Gerade letzte Woche wurde dieser Blog auf die Behaviour-Bibliothek von Ben Nolan umgestellt und schon ist das wieder der Schnee von gestern. Das ist das Los des innovationssüchtigen Webarbeiters…

Um was geht es: Man kann zwar die Gestaltung (CSS) vom Inhalt (HTML) trennen, aber leider sind die Anweisungen, was beim KLicken und Drücken auf irgendwelche Flächen passieren,l immer noch bunt im HTML verteilt. Das macht die Schoße sehr unübersichtlich und erscheint auch recht unsportlich.

Das Internetkonsortium W3C hat schon 1999 in der CSS-Spezifikation die Angabe von solchen Eventhandlern in der Stylesheetanweisung vorgeschlagen. Leider hat das noch kein Browserhersteller eingebaut, so daß man sich derweil immer noch anders behelfen muss.

Ben Nolan hat sich dankenswerterweise des Problems angenommen und besagte Behaviour-Bibliothek geschieben. Der Web-Entwickler legt eine komplexe Javascriptvariable an, in der CSS-Element, Event und Funktion verknüpft ist. Et voilà — die Seite lebt!

Beim weiteren Rumstochern im Netz zum Thema, wie man nun die Funktionen unterbringt, die beim Laden der Seite aufgerufen werden sollen, stößt man irgendwann auf event:Selectors. Diese ¬Bibliothek hat liebenswerte Vorteile gegenüber Bens Lösung. Zum ersten können mehrere Elemente die gleiche Funktion auslösen. In diesen Horen ist das beispilesweise so, dass die Eingabe eines Suchwortes als auch der Wechsel des Suchmodus die Volltextsuche via Ajax auslöst.

Neu dazugegekommen ist das Ereignis onloaded. Damit kann man Aktionen auslösen, wenn ein Element geladen wurde. In Diashows könnte man also nach dem Laden des Startbildes optional die Flashdiashow im gleichen Inhaltselement anzeigen.

Auch ohne Ereignisse können Aktionen gestartet werden. Hier würde dann die Anzeige der Blogbesucher gestartet und die Ajaxsachen angemeldet, wenn die Seite geladen ist.

Alles in allem ein wirklich gutes Werkzeug, das in keiner Webwerkzeugkiste fehlen sollte. Seltsam ist nur: warum kommen solche genialen Teile immer aus dem Untergrund? Ist schon klar, Angestellte in Großkonzernen haben andere Ziele. Da geht es um die Zukunft der Kinder, der nächste Urlaub und die Frage, welcher Golfclub wohl der Richtige sei.

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