Rainers Horen
Sonntag, den 03.12.2006 [22:14]
Unsere geliebte Bundeskanzlerin versendet neuerdings regelmäßig Videobotschaften — sie lässt es Videopodcasts nennen. Vielleicht kennt sie das noch aus dem protestantischen Sonntagsgottesdienst in Hamburg. Der Pfarrer verliest dort sonntäglich die Episteln und mahnt die Menschen zu sozialem Handeln. Nun ist es nett und auch ein wenig hilfreich, dass sie uns regelmäßig gute Ratschläge für unser ganz persönliches Leben gibt. Es sind quasi wöchentliche Neujahrsansprachen auf höchstem technischen Niveau. Leider zollen unsere Medien diesen ¬geistigen Ejakulationen viel zu wenig Beachtung. Nur im staatsnahen(?) Deutschlandfunk aus Köln wird es zuweilen erwähnt. Wäre es nicht prima, wenn die Kurzfilmchen einen festen Platz in unserer Fernsehlandschaft fänden? Man stelle sich eine HartzIV-Familie aus Castrop-Rauxel vor, Klein-Alexander ruft: „Hi Mändi, schalt mal die Simpsons weg, das Merkel spricht gleich.“

Und was hatte das Merkel gestern am Wickel? Sie nennt es nicht direkt Altersdiskriminierung, sondern sie möchte Mut machen, „ältere Arbeitnehmer“ wieder vermehrt in den Arbeitsprozess zu integrieren. Ihrer Meinung nach sind Erfahrungen durch nichts zu ersetzen. Da sollte man ihr heftig widersprechen! Sind nicht kostenlose, hochmotivierte Praktikanten viel, viel effizienter? Diesee Jungspunde (leider gibt es da kein weibliches Gegenstück [eventuell Jungnuten] – die Sprachfeministinnen [OK OK] mögen das verzeihen) wird niemals in einem Teammeeting sagen: „das hat vor 10 Jahren schon nicht geklappt.“ Das sind die Sprüche, mit denen sich erfahrene Kollegen unversehens in die Selbstständigkeit katapultieren ;--))
Nein – der Videopodcast wird vom hochmotivierten, diplomierten Praktikant in einer hochbezahlten Agentur gebaut. Hat er es doch gerade an der Medienhochschule davon gehört.

Unser kleiner Vid????d??st (schon wegen der GEM? darf man es nicht verwenden und ist hier kyrillisiert dargestellt) möchte keine Überlebenshilfen für eine ganze Nation sein, sondern zeigt ganz unprätenziös das pralle, bunte Leben auf dem hiesigen ¬Goldbekmarkt.

Pünktlich zum Advent hat sich eine fleißige Mützenstrickerin eingefunden, die die Ohren der kleinen und größeren Winterhuder vor dem grimmigen Frost schützen will. Als nächstes will sie madeiranische Deppenmützen ins Programm aufnehmen.

Nun aber doch: Schauen wir uns untiges Bild der neugepflanzten Liguster-Hecke im Novalisweg an. Eine polnische Baufirma hat das Mäuerchen hochgezogen, eine rumänische Spezialfirma hat das Verfugen übernommen (O-Ton der Polen:„ so schnell können wir noch nicht mal fugen“) und dann kommt eine Firma (das Wörtchen „Gartenbau-“ wollen wir lieber nicht vorn dranfügen) und steckt die gakeligen Baumschulenabsolventen(?) in Reih und Glied unangegossen in die Erde. Ein Schelm, der Böses dabei denkt und auf Nachfolgeaufträge hofft.



Schon als vierjähriger Bub brachte uns der Großvater bei, dass man beim Heckenpflanzen rigeros und vor allem geduldig sein muss. Die Ruten müssen extrem verkürzt werden, damit sie seitlich austreiben. Achtet man nur auf das Höhenwachstum und schneidet nicht zurück, dann verkahl die Hecke und es wird keine Hecke sondern ein langgezogener Busch. Also immer schön geduldig sein, es wird belohnt.

Während der sonntagnachmittäglichen Lesung von Ludwig Ganghofers Hochlandzauber fand sich eine ¬nette Stelle, bei der ein junger, netter Jagdghilfe erklärt, wie er die Weiber wieder loswird:

„Herr Doktor, da hab ich ein Rezept. Wenn ich genug hab', wart' ich immer, bis sich das Frauenzimmerr ins Unrecht setzt. Das geschieht oft geschwind. Einer jeden schießt einmal die Gall ein, und da sagt sie was, was man nicht sagen soll, oder tut was, was man nicht tun soll. Und dann baum ich auf in aller Ruh und sag': ‚Du, das geht jetzt nicht, ich bin ein Mensch, der Ehr im Leibe hat, und so was laß ich mir nicht sagen!‘ Und nachher tu ich einen Seufzer, als hätt‘s mir weh getan in der tiefsten Seel. Und sag: ‚Wie schad! Aber jetzt muß es aus sein!‘ Da hat nachher jede noch Respekt vor mir. Und noch jede ist mir freundschaftlich gut geblieben. Ich hab' noch nie einen Verdruß gehabt. Man muß halt wissen, wie Gott die lieben Weiberlein urganisiert hat! ... Aber ich red' nicht gern von solchen Sachen. Hab's eh nur getan, daß mir der Herr Doktor wieder gut ist.“

Das ist nun fast 100 Jahre her und es ist gut, daß solche frauenfeindlichen Einstellungen heutzutage längst ausgestorben sind und keine Chance mehr haben. Liebesbeziehungen basieren heute auf gegenseitiger Achtsamkeit, Vertrauen, Treue und sind auf langfristigkeit ausgelegt. Der Mann ist bezähmt. Im US-Schinken „Bettgeflüster“ vergleicht sich Rock Hudson mit einer mächtige Eiche im Walde und träumt davon, im Sägewerke die Äste abgeschlagen zu bekommen und als Schlafzimmerschrank oder Flurgarderobe zu enden.
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Dienstag, den 28.11.2006 [13:01]
Auch dieser Tag hat sicher wieder alle Rekorde gebrochen. Schon das Aufstehen ist famos: die tiefstehende Sonne am blauen Himmel über Hamburg-Winterhude kitzelt die verschlafene Nase und unterstützt das nun nicht mehr zögerliche Aufwachen.

An diesem schönen Frühlings(?)-Tag zieht es einen zwangsläufig auf Europas längstem Wochenmarkt. Dort gibt von Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch einfach alles. Selbst Gurke mit seinen verschiedenstes Gurken aus dem Spreewald und seinem legendären eingelegten Tomaten hatte heute einen Umsatzgipfel.

In letzter Zeit nimmt die Anzahl der Nichtlebensmittelverkäuferinnen rapide zu. es sind alles die Dinge, die viele Frauen offenbar besonders gut können: Da gibt es bemalte Spandosen, buntlackierte Glühbirnen, gefilzte Handtaschen und in Bälde auch ostfriesisches Gebäck. Mit viel gutem Willen lässt es sich als deutliches Zeichen des Aufschwungs, dessen zartes Pflänzchen hoffentlich nicht durch die Zahl 19 zertrampelt wird, deuten.

Es ist toll, wenn sich Frauen über 40 ihrer Fremdgesteuertheit entledigen, sich beruflich und auch persönlich umorientieren und endlich einmal das machen, was sie besonders gut können: nicht gramgebeugt oder „hochmotiviert“ im Kontor irgendwelche Marketingmaßnahmen planen oder Kampagnen zur allgemeinen Erhöhung der Effektivität der spezifischen Prozesse verfolgen – nein es geht um die Urqualifikation der Frau ;-)). Ist das nicht bemerkenswert, wie sich nach der Sturm-und-Drang-Phase alles wieder auf das archaïsche einschwingt. Auch wenn ihr stundenlang nichts verkauft und nur Standmiete und Lebenszeit verbraucht, rufen wir euch Kräuteressigmacherinnen, Seifenkocherinnen und Keksbäckerinnen zu: durchhalten, Fleiß und Beharrlichkeit wird belohnt!

Nichtsahnend und unmotiviert beim Einkauf von Roter Bete im Bioladen fällt ein Flugblatt eies anthroposophischen Verlages in die Hände. Der Hintergrund des Druckerzeugnis ist so richtig schön gutmenschenmäßig mit hellblauem Wachsstift tapeziert. Der Rest ist farblich in den allbekannten orange/gelb/roten Tönen gehalten. Das überrascht nicht wirklich, wie es heute so schön heißt, wenn man sich vor einem harten NEIN fürchtet.

Der Titel des Buches irritiert. Mehr fällt nicht ein.
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