Rainers Horen
Sonntag, den 07.01.2007 [22:09]
Manch ein Leser der gestrigen Horen könnte eine gewisse ablehnende Haltung gegenüber dem russischen Volk und seinem Wesen herauslesen. Das ist sicher eine Fehlinterpretation. Losgelassene Männer –vollgepumpt mit Hormonen – verhalten sich nun mal so, besonders, wenn sie sich unbeobachtet in der weiten Fremde befinden. Es gab aber auch Vorkommnisse wo man echt am Verstande gezweifelt hat. Das war zum einen die etwas eigenwillige Baukunst. Russen lieben offenbar Mauern und Bretterzäune. Gut, an Bretterzäunen kann man nichts falsch machen, aber eben bei Mauern. Die größte und längste Mauer war in Jena rund um die Riesenkaserne, die ganz in der Nähe des Westbahnhofes gelegen war. Heute ist dort auf dem Gelände das Amtsgericht, wo auch Scheidungen ;-)) ausgesprochen werden. Jedenfalls war um die ehemalige preußische Kaserne eine stets frisch weißgestrichene Ziegelmauer errichtet, deren Elemente ohne Versatz gestapelt waren. Offenbar hatten die Russenkinder kein LEGO™ als Spielzeug. Es sah schon putzig aus, wie sich da die Backsteine stapelten!

Die Offiziersfrauen hatten auch Kinder (das bleibt nicht aus) und die mussten manchmal auch den Kinderwagen in den Bus badalchen. Ein vernünftiger Mensch (Deutscher?) würde wie folgt vorgehen: derjenige, der schon im Bus ist (also obensteht), erfasst vom Kinderwagen den Schiebegriff und der/diejenige, die sich noch außerhalb des Busses befindet, erfasst in der Front des Wagen irgendwas im Radbereich. Bitte das Bild mal veinprägen.

Nun die Russenfrauen: die machten das immer umgekehrt. Der Kinderwagen wurde allfällig in natürlicher Fahrtrichtung in den Bus geschoben. Die Imbusrussin musste gaaanz tief (tiefer als ihre eigenen Füße) greifen und die Ausbusrussin griff folglich seehr hoch, um den Schiebegriff zu erhaschen. Irgendwann, gerade aus dem Institut kommend, wollte ich mal ein gutes Werk tun und wollte den beiden Matkas mal etwas erklären. Die schüttelten nur den Kopf und beharrten auf ihr Prozedere.

Dieser Irrtum wurde in Hamburg noch nicht gesichtet. Sind die Töchter der Offiziersfrauen doch noch schlauer geworden – der Einfluß westlichen Fernsehens? Zumindest sind jetzt die Russinnen geschickter in der Gestaltung ihres Äußerns. Für manchen deutschen Geschmack vielleicht ein Hauch zu nuttig, aber immerhin benutzen sie nicht mehr das schwere Rosenparfüm wie ihre Mütter, deren Männer den Dienst in einer der 777 Kasernen in der ?????? ????????? ????? ? ???????? leisteten.

Es ist also alles eine Frage der Perspektive. Die beiden Damen an der linken Leiste zeigen es deutlich: die Dame westlicher Prägung, die so wunderschön unser Rembrandt ins Bild setzte, zeigt ganz schamlos ihr Haar und verhüllt für uns unverständlicherweise ihre sicher wunderschönen Brüste. Rembrandt kannte sie sicher. Die tunesische Tänzerin hingegen hat genau entgegengesetze Vorstellung von Scham.

Sonntag ist wieder Programmiertag. Heute gibt es ein Schmankerl für Taubstumme, die hier mal das (deutsche) Fingeralphabet üben können.

Aber Hoppla: wie hieß das eben: das deutsche Fingeralphabet. Gibt es da mehrere? Ja, klar. Jede Sprache hat da ihr eigenes System. Es gibt da einhändige und zweihändige Varianten. Da es in Japan neben dem idiografischen Kanji zwei Silbenschriften gibt, basiert dort das Fingeralphabet auf Silben… Wohlgemerkt: hier geht es um Fingeralphabete, also um die händische Wiedergabe der jeweiligen Orthographie. Die normale Verständigung läuft über ideographische Gebärdensprachen.
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Sonnabend, den 06.01.2007 [01:22]
Heute feiern also die Russen ihr Weihnachtsfest ??? ?????. Die Verspätung hängt irgendwie mit dem julianischen Kalender zusammen, der im Paket mit anderen Reformen (Abtreibung, Abschaffung einiger kyrillischen Buchstaben wie i, ?, ? und ?) nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution vom großen Weltenlenker von der Lena abgeschafft wurde. Deshalb heisst der Aufstand Oktoberrevolution, obwohl doch die besoffenen Matrosen auf der Aurora im November versehentlich die Kanone betätigten und der aus dem über zehnjährigen Exil in der Schweiz zurückgekehrte Lenin im Gegenzug die höhere Bildungsanstalt für Mädchen in der Nähe des Zarensitzes bezog.

Jeder Vorteil birgt auch einen Nachteil – darin zeigt sich die Dialektik dieser Welt. Die russische Rechtschreibreform reduzierte zwar die Buchstabenanzahl, leider ergeben sich jetzt aber Bedeutungszweifel. Tolstojs Roman „Krieg und Frieden“ heisst im Original „????? ? ?i??“. Durch die Reform sind nun Frieden (?i??) und Welt (????) gleichgeschrieben (???) und die Übersetzter, die offenbar nach 1918 übersetzt haben, wussten das nicht und so entstand in allen Sprachen der falsche Titel. Hätte also der deutsche Kaiser nicht dem Lenin die vielen Millionen Goldmark gegeben, ih nicht inden verplombten Zug durch Finnland geschickt, hieße der Roman heute „Krieg und Welt“.

Nun wohnen mittlerweile über 65000 Russen und Russlanddeutsche im Großraum Hamburg. Schon bereichern sie das Leben in der Metropole. Da werden jährlich Gelbe Seiten für Russen herausgegeben, monatlich gibt es das Journal „Bei uns in Hamburg“ und drei Kirchen hat die russische Orthodoxie ??? schon aufgekauft. Dabei wird es wohl nicht bleiben.

Wer seine Jugend in DDR zugebracht hat, kann durchaus noch einen anderen Blick auf die Angehörigen der ehemaligen Besatzungsmacht haben, besonders wenn derjenige in der Nähe einer sowjetischen Kommandantur wohnte. Da standen sie nun stundenlang in der Kälte Wache oder mussten Strafarbeiten leisten. Der gusseiserne Zaun der ehemaligen Versicherungsanstalt direkt neben der katholischen Kirche St. Peter und Paul wurde täglich neu gestrichen. Zuerst wurde alles mit Drahtbürsten angeschruppt und dann wurde der Zaun sorgfältig schwarz gestrichen. In der Mitte prangte ein Sowjetstern, der wurde natürlich rot gestrichen. So etwa: ???. Im Winter wurde von kleineren Arbeitstrupps der festgetretende und vereiste Schnee auf dem Bürgersteig mit Minihacken gelöst. In der Nähe der Kommandantur gab es auch requirierte Häuser, in denen Stabsoffiziere wohnten. Als Schüler sahen wir oft wie Lastwagen vorfuhren und Keller entmüllten. Die Russen kannten keine Mülleimer, sondern schmissen allen Abfall einfach in den Keller. Es hielt sich das Gerücht, dass Russen jeden Mist ins Klo schmissen und dann, wenn es verstopft war, im Keller einfach die tönernen Abflussrohre zerschlugen und damit die Scheiße in die Keller fließen ließen. Nachdem wir verlassene Plattenbaublocks, die furchtbar stanken, in Jena, Rudolstadt und Naumburg sahen glaubten wir nicht mehr daran, dass das ein Greuelmärchen ist. Die Buslinie 4, die in Weimar den Südwesten mit dem Norden verbindet, wo schon zu ¬Großherzogs Zeiten das 94. preußische Regiment untergebracht war, wurde regelmäßig als Truppentransporter genutzt. Der Volksmund nannte die Linie liebevoll Russenschleuder. Eine zivile Nutzung des Busses in der Rushhour war somit nicht möglich. Es war total voll und stank bestialisch und atemberaubend nach einer Mischung aus Knoblauch, Pisse und Leder.

Als wir am Forschungszentrum für Bodenfruchtbarkeit in Jena-Zwätzen arbeiteten, waren wir direkt von russsichen Einrichtungen eingekesselt. Auf dem direkten Nachbargrundstück vom Institutsrechenzentrum war auch so eine Außenstelle. Da war zwar schamhaft ein dicker, grüner Bretterzaum gezogen, aber vom Fenster des ersten Stockes aus hatte man volle Einsicht in das Geschehen. Eines Tages, wir arbeiteten gerade irgendwas mit ¬Redabas, da sahen wir, wie ein Offizier einen Soldaten fast totschlug. Hin und wieder kam es vor, dass ein gequälter Soldat ausbüxte. Dann wurde der natürlich wieder eingefangen. Einmal, wir saßen gerade im Schrebergarten und grillten Bratwürste und Brätel, sahen wir eine von Horizont zum Horizont erstreckende Menschenkette, die in ca. zwei Meter Abstand offenbar jemanden suchten.

Nun sind einige Jahre vergangen und der letzte Soldat und Offizier der rumreichen Roten Armee hat Mitteldeutschland gen Osten verlassen. Und jetzt kommen Russen unter anderem nach Hamburg. Unterstellen wir mal, dass Militärpersonal nicht den Durchschnitt der Bevölkerung darstellt, bleibt doch ein mulmiges Gefühl und gerne lässt man sich Vorurteile von der Realität bestätigen.
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Freitag, den 05.01.2007 [22:55]
„Auch heute werden Sie sich mit Ihrem unausstehlichen Charakter neue Feinde schaffen. Gegen Abend werden Sie wieder in ein Riesenfettnäpfchen treten.“ – das wäre mal ein ehrliches Horoskop. Nein, das wäre ein zu melancholischer Tagesanfang. Die Wahrheit ist ein zu kostbares Gut, das man sie achtlos in die Welt hinausposaunt.

Seit einiger Zeit gibt es den Begriff vom „robusten Mandat“. Das ist ein Begriff aus der Welt des Friedens ;-), der eigentlich nur besagt, dass man ungestraft schießen darf – quasi ein Schießbefehl. Man stelle sich mal vor, die DDR-Grenzer hätten ein robustes Mandat gehabt – hatten die nicht? Nun wäre der Begriff der Robustheit schnell in inflationäre Sphären, deswegen muss was Neues her: die belastbaren Zahlen. Diesmal geht es um ein ähnlich konfuses Thema, unsere geliebte Gesundheitsreform. Da sind jetzt angstmindernde Gutachten angefordert worden und diese Zahlen, die da drin stehen, seien nicht belastbar. Ist das doch nur ein netteres Wort als erlogen? Gestern abend im Kulturradio kam ein Feature zum Thema Ehre. Irgendwie passend. Es ging auch wieder um den Toten in der Badewanne und auch um den angeblich den anderen Ehrbegriff unserer neuen Inländer. Überhaupt war früher ohne Globalisierung alles besser (Genertionenschelte), da galt noch ein Kaufmannswort. Ob das wirklich stimmt?
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Donnerstag, den 04.01.2007 [09:02]
Na, was soll denn das wieder, wir dich der geneigte Leser fragen. Irgendwie ist das schon nervig: immer diese neuen Bedienoberflächen. Jetzt sollen schon CD-Shops per Ziehen-und-Ablegen bedient werden.
Abgesehen von anfänglichen Akzeptanzproblemen beim Endanwender (auch die Eisenbahn hatte solche Kinderkrankheiten), spielt die Jukebox wunderbar. Für die netten Effekte sei ¬Thomas Fuchs aus Wien ganz herzlich gedankt; beim Schneiden der MP3-Dateien hat ¬Jochen Puchalla geholfen und die Musik hat der Flash-Player ¬Jeroen Wijering ausgeliefert. Das Ganze ist also ein durch und durch europäisches Projekt.
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Dienstag, den 02.01.2007 [23:09]
Nun beginnt die hohe Zeit für Fahrradschrauber und die schlechte Zeit für Gastronomen. Die Menschen sind sattgegessen. haben ein schlechtes Gewissen und das Geld ist alle. Dann noch die Mehrwertsteuererhöhung: sie gilt zwar nicht in der Gastronomie, aber ein Thema muß man ja auch nicht tot rechechieren. Der Januar war schon seit jeher Sauregurkenzeit für die Gastwirte, die sich eh jeden Tag vor sich selber neue Ausreden bauen müssen, warum der Laden nicht voll ist. Einmal ist das Wetter zu schön oder eben auch mal zu schlecht oder es ist gerade Fußball. So eine leere Kneipe ist schon ein verheerender Anblick.

Dort, wo vorgestern Nacht noch Raketenabschussrampen standen, trat gestern eine erhöhte Auffenthaltswahrscheinlichkeit von Glasscherben auf. Letztes Jahres hat uns das nachsilvestrige Dilemma fünf Radschläuche gekostet. Das sind nicht nur über 25,- € an Schlauchkosten, sondern Ärger, dreckige Hände und Stress. Da lohnt schon fast eine Monatskarte für den Januar oder sogenannte Unplattbarreifen eines führenden Herstellers. Leider helfen die nur gegen Scherben und Reißzwecken, nicht aber gegen Stahlkrampen, die nette Zeitgenossen zuweilen verstreuen.

Apropos U-Bahnticket: gerade beim Lösen einer Kurzstreckenkarte (1,55 €) am Borgweg wird vom Automaten nach Einschiebung einer Fünfeuronote 3,50 € zurückgegeben. Hoppla, was ist das? Verrechnen sich neuerdings solche Computer oder ist das der Anfang der Roboterrevolution? Immerhin brachte der Automat nun statt fünf nur drei Münzen zurückzugeben. Er ist ja nicht am Gewinn interessiert, das ist eine rein menschliche Kategorie. Der Automat ist (wie alle Systeme) nur daran interessiert, die Menge der ausgestoßenen Energie zu minimieren – ihm ist die pekuniäre Bilanz völlig schnuppe. Akademisch heisst das dann Zweiter Hauptsatz der Wärmelehre, der Volksmund nennt es Faulheit. Was ist nun tatsächlich los? Hat der Siemens C167 doch einen undokumentierten Interruptzyklus oder steckt ein Dibbuk dahinter? Es macht Angst.
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Montag, den 01.01.2007 [16:29]
Das neue Jahr ist medial vortrefflich eingeleutet worden: unser Merkel hat uns auf ihrer Neujahrsansprache wortreich auf 2007 eingestimmt. Es waren die üblichen Textbausteine aus dem Programm WinAllocutions to the crowd wie „gemeinsam“, „unser Land“ und „großes Werk“. Doch was ist das? sie erzählt was von Anstrengungsverdopplung™. Unerwarteterweise kam nicht der Spruch von der leistungsgerechten Bezahlung der Beamten, der praxisorientierteren Ausbildung an deutschen Hochschulen und Universitäten und dem Anschluß an den Weltmarkt (Überholen ohne Einzuholen). Beim alten Bundeskanzler sollten wir noch die Ärmel hochkrempeln. Das geht ja noch, es klingt wie ein singulärer Kraftakt, aber diese Verdopplung – das klingt nach Dauerbeschleunigung.

Und jetzt kommt es: das ist doch unser Spruch. Wenn Kunden anrufen und auf Fertigstellung oder Nachbesserungen mahnen, kommt erst einmal promt die Auskunft, das gerade jetzt das Projekt „in Arbeit“ sei und bei weiterer Nachfrage „verdoppeln wir die Anstrengungen“.

Und was macht unsere Regierung? sie greift es auf und ruft uns Deutschen zu, wir sollen genau das tun. Welch offensichtliches Plagiat aus Berlin!

Die Geburtswehen für das neue, erfolgreichere Jahr werden vorerst mit heftigem Feiern verschönert. „Jeder dritte Mann an Silvester blau“ – so titelt das Leib- und Magenblättchen der Hamburger. Wo bleiben die Frauen?
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