Rainers Horen
Sonntag, den 06.05.2007 [09:14]
Die Franzosen haben gewählt und die Barmbeker, Winterhuder und Alsterdörfler waren im Schumacher.

Wir wissen noch nicht ganz sicher, wer nun in unserem Nachbarland in den nächsten Jahren das Sagen hat, wissen aber um so besser, was Bier, Truthahnsteak und Backkartoffeln im Stadtparkbiergarten kosten — nämlich schon wieder 25% mehr. Und da wollen die uns einreden, es gäbe keine schleichende/galoppierende Preisanpassung.

Nun wissen wir mittlerweile, dass in unserem Nachbarland wieder einmal die Dummheit gesiegt hat. Was auch sonst? Erste, salomonische Reaktion von U. Wickert: „Die Franzosen wollen einen starken Mann.“ Auch eine Meinung.

Nun beginnt im 8. Arrondissement, am Place de la Concorde, eine megagroße Jubelfeier für den Sieg des Exungarn mit gräflicher Herkunft; 53% der Franzosen freuen sich — die anderen 47% vermutlich weniger. Aber sagte so schön der neue Präsident im Wahlkampf: „Wir sind stolz auf Frankreich und wem es nicht gefällt – wir zwingen niemanden hier zu leben.“

Würde man Hausschweinen eines Tages sagen: Wir machen den Stall heute zu. Ihr könnt entweder in den kalten, dunklen Wald und dort Eicheln ausgraben oder ihr kommt in einen supermodernen, geheizten und neonlichtdurchfluteten Schlachthof. Dort gibt es süße Leckerlies und geile Sauen. Dann wäre die Entscheidung klar. Wie sagte der eine Kommentator des französischen Staatsfernsehens – prima Wahlkampf. Der Spaß beginnt.

Nette Frage am Nachbartisch im Schumacher: „Sind die Preise hier gesponsort?“ Die Frage beïnhaltet zwei Gedanken. Erstens wird wohl offensichtlich das Gefühl der Preiswertigkeit seitens des Pächters erzeugt. Da hat er also noch Reserven… Immerhin kostet hier ein Liter Pils soviel, dass ein 1-Euro-Jobber dafür einen ganzen Tag arbeiten muss. Da trinkt er sein Bier lieber zu Hause; und überhaupt ist Gastronomie nach Prostitution und Waffenhandel das Gewerbe mit dem höchsten Quadratmeterausstoß. Wo wenn nicht hier!

Übrigens (wie vorhergesagt) stehen die Horen seit heute im Google an erster Stelle, wenn jemand nach „Bum Pocket Drink“ sucht — das trifft auch für das nette Wort „Ökofick“ zu. Ist die Welt nicht verrückt und sollte man solche Domains nicht gleich reservieren?
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Sonnabend, den 05.05.2007 [13:46]
Gestern tobte wieder der Bär in der Schanze. Spätestens seit es im Bædecker als Geheimtip steht, gibt es kein Halten mehr. Gestern war es fast schwierig, einen Stehplatz gegenüber der Roten Flora zu finden. Aber bei Petisco fand sich sogar ein kleines Sitzplätzchen inmitten des tobenden Lebens und zwei junge Frauen nebenan erklärten sich gegenseitig das Leben. Karin erzählte von ihren persönlicher Erfahrungen in Kairo. Das wäre eine total tolle Mischung: im Zentrum ist alles arabisch und drumherum, in den Randbezirken, da gäbe es deutsche, französiche, chinesische usw. Viertel. Das wäre so ein Schmelztiegel — alles so aufregend.

Und plötzlich wurde es direkt mit uns auch ganz konkret. Die Spannung und der Schmelztigel – das waren wir.

Da kommt ein uns unbekannter bettelnder Strolch (ansonsten kennt man ja seine Pappenheimer), setzt sich direkt neben Karin, drückt sich an sie ran, verdeckt mit seiner übergroßen Juppe so einiges und verwickelt sie in ein sinnfreies Gespräch. Er brauche dringend Geld und sie nun eifrig beschäftigt diese Zudringlichkeit abzuwehren war echt im Stress. Dann zog er spontan ab und Karin bemerkte nach einigen Sekunden ganz trocken den Verlust ihrer Geldbetze. Der Typ war auch noch in der Nähe, ließ sich zurückholen und zog dann die Entrüstungsnummer ab: He, durchsucht mich… Er krabbelte sogar auf allen Vieren unter den Tisch, um beim Suchen helfen. Klar, dem konnte nichts passieren, das Diebesgut war schon längst weg. Der Helfershelfer ist sicher auf der anderen Seite des Pulks gelaufen. Letztlich hat er es geschafft, daß sich Karin quasi noch entschuldigt. Perfekte Nummer! In solchen Situationen ist man als Opfer immer machtlos, weil der erste Anschein der Beteiligten ein anderer ist. Gut, man hätte auch den Typ am Schlafittchen packen können, gezielte Kniehebe in Richtung seiner Eier und in anschnauzen können: „He Alter, wenn Du nochmal kleine Mädels anfasst, dann reiß ich sie dir aus!“ Das bringt nicht wirklich eine Erleichterung.

An solchen langweiligen Samstagnachmittag ist es zuweilen erheiternd in Kontaktbörsen zu stöbern. So manch Gedankensplitter kommt dort zu Tage. Hier eine kleine Kostprobe eines 37-jährigen, wirklich gut aussehenden Frauenzimmers (offensichtlich ungewollte Rechtschreib- und Sachfehler sind ausgemerzt — oder sucht die Dame tatsächlich ein Däumlinchen der Größe 1,80 cm??):

„Keine Hässletten und kleine Männer, geht gar nicht… am besten dunkle Haare, Knackarsch, ab 1,80 m, gebildet, humorvoll, guter ERZÄHLER !!!!
Ja, es gibt hier wirklich gestörte, lügende, kuriose, im Selbstmitleid gesunkene Gestalten — leider…“


Das sind doch endlich mal klare Ansagen. Aber was für eine erlittene Schmach spricht aber auch aus diesem Aufschrei. Überhaupt scheint es bei der jungen Dame kleine Probleme mit der Selbstwahrnehmung zu geben. Vielleicht hat sie auch schon das krankenkassengesponserte 25×50min-Paket bei einem Therapeuten ihrer Wahl genossen und befindet sich in der Phase posttherapeutischen Euphorie. Es ist diese Art von humanistischer Kommunikationspsychologie von der Schulz von Thun behauptet, es macht aus depressiven Menschen selbstlverliebte Kotzbrocken. Ach, und nun hat sie auch noch ihr Portraitbild ausgetauscht. Das Photo (offenbar in der PC-Ecke ihres Schlafzimmers aufgenommen) strahlt nicht gerade weibliche Anmut aus. Nein, es ist diese hanseatische Kratzbürstigkeit und Distanz, die sicher fast jeden Mann abschreckt. Das scheint das Ziel zu sein ;.))

Jetz mal im Ernst. Es ist ein ganz normaler Vorgang. Jeder Jungunternehmer überlegt sich seine Unternehmenskommunikation. Nehmen wir beispielsweise einen Gas-Wasser-Installateur. Der wird doch sein Auftreten gegenüber dem Kunden so gestalten, dass er branchenüblichen Vorurteilen (unpünktlich, dreckig, poltrig, teuer…) proaktiv entgegenwirkt. Er wird also klare Termine machen, kurz vorher nochmals mit Händi anrufen, wenn er dann an der Haustür klingelt eine Schritt zurücktreten, eine Folie ausbreiten und ganz klar sagen, was es kosten wird. Das ist doch (sollte) einsichtig sein.

So ist es auch beim Selbstverkauf in Kontaktbörsen. Welche Klischees haben Männer von Frauen? Die werden an dieser Stelle nicht wiederholt — keine Angst. Soviel sei gesagt, Frauen, die sich als Männer mit weiblicher Geschlechtsorganen darstellen, kommen nicht gut. Was will uns das Bild sagen? Hallo Frauen: Männer sind primitiv und das müsst ihr ausnutzen. Stachelt den Beschützerinstinkt an, macht euch niedlich, süß und anschmiegsam. Gegenteilige Selbstdarstellungen, die eure Zickigkeit, Selbständigkeit und Handwerklichkeit betonen schrecken ab.
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Freitag, den 04.05.2007 [20:51]
Nachdem der gestrige Abend im Schumacher solche und solche Überraschungen zeitigte und auch wohlfeile Vorurteile bestätigte, war heute das Thema Callback-Button auf Webseiten angesagt. Das ist eine pfifige Idee und macht Folgendes: auf einer Homepage ist ein Knopf, auf dem so etwas steht wie: Erbitte Anruf. Es öffnet sich ein Fenster und der Interessent gibt seine Telefonnummer ein. Nun verbindet ein Server diese externe Nummer mit dem Betreiber der Webseite und ein Beratungsgespräch kann seinen Lauf nehmen. Ein Restaurant könnte eine Tischbestellung entgegennehmen, ein Versicherungsvertreter könnte den ahnungslosen Nutzer über Versorgungslücken aufklären und eine Astrologin könnte eine sonnige Zukunft vorhersagen. Soweit so gut.

Nun erwacht aber der Tüftler, der mal sehen möchte, wie das so funzt. Es öffnet sich ein Fenster, in das der Besucher seine Nummer einträgt. Nach Abschickung kommt ein Statusfenster, das über Ajax Meldungen im Sekundentakt ausgibt. Hm. Schauen wir uns den Quelltext an. Der Kunde wird offenbar über eine fortlaufende Nummer identifiziert… Hoppla! das darf doch nicht wahr sein. Der Demozugang hat die Nummer 48 — was macht der ambitionierte Denker: da lassen wir doch mal alle Nummern von 1 ab nach oben laufen. Und siehe da: Jetzt wissen wir, wer in welcher Reihenfolge das System nutzt oder genutzt hat. Es ergibt sich eine illustre Liste verschiedenster Hamburger und anderer Firmen. Leider können wir die bunte Wand der Logos aus lizenzrechtlichen Gründen nicht wiedergeben ;-(( Aber soviel sei gesagt: der erste Kunde ist die Firma selber, dann kommt die Firma, die diese „Software“ gebaut hat, dann der Markbegleiter und dann kommt schon das Logo einer bekannten NGO mit maritimer Ausrichtung und und und...

Zusätzlich kann man jetzt noch den Status jedes Kunden per GET abfragen — auch nicht schlecht.

Und jetzt die Auflösung: so etwas tut man nicht. Das Problem gab es schon mal vor 10 Jahren, als man bei AOL und Konsorten Post fremder Menschen lesen konnte, weil dort auch Kundennummern im Klartext in der Internetadresse standen. Mittlerweile sollten solche Anfängerschnitzer nicht mehr passieren. Aber wie erlebt, wachsen immer wieder unbedarfte Programmierer nach. Jede Software muss verschiedene Grätschen machen: gut, billig und schnell fertig oder eben auch sehr bedienerfreundlich oder sicher. Am erfolgreichsten sind Produkte, die sich nicht um Sicherheit scheren. Das Problem hat dann der Endkunde.
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Dienstag, den 01.05.2007 [16:29]
Der Erste Mai ist seit dem sogenannten Dritten Reich ein gesetzlicher Feiertag. Zu Zeiten des alten Regimes hieß es dann immer: „Heraus und auf die Straße — Stellplatz Jahnstraße…“ Jetzt kommt aber kein rückwärtsschauenden Abgesang auf die gute alte Zeit, wo nicht alles falsch war, sondern einige Gedanken zu diesem Tag, der die schönste Jahreszeit einläutet und wie jedes Jahr ein Höhepunkt im „Arbeitskampf“ darstellt. Jetzt werden wir also wieder von den „Unverschämtheiten“ beider Seiten überrascht. Der 1. Mai ist dann wie jedes Jahr Plattform für mahnende Sonntagsreden, in denen versucht wird, gegen Naturgesetze anzustinken. Nach ernstzunehmenden Untersuchungen würde der Fleiß von 10% der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen, damit alle Menschen satt, warm und trocken leben können. Da sind auch noch gelegentliche Vergnügungen in Malle drin.

Jetzt kommt das Problem der restlichen 90% der Menschheit oder der Wochen/Lebensarbeitszeit. Es gibt einfach zuviele potentielle Produzenten und zuwenig kauffreudige Konsumenten. Und nun kommt der Kollege Bsirske und thematisiert die Rentenaltererhöhung. Nun gut, in der Diagnose hat er schon recht: diese Erhöhung auf 67 Jahre Renteneintrittsalter ist widersinnig. Von den ca. 40 Jahren, die ein Mensch arbeiten soll, ist er nur bestenfalls die Hälfte der Zeit für den Arbeitsmarkt interessant. In vielen Bereichen gehört ein fünfunddreißgjähriger Angestellter schon zum alten Eisen und Bewerbungen dienen der allgemeinen Erheiterung in Teammeetings (weiland Dienstberatungen).

O-Ton bei Dock23, einer ehemaligen Online-Tochter eines großen Hamburger Verlages: „Wollt ihr ernsthaft mit dem Opa zusammenarbeiten?! Allgemeines Gelächter in der Runde.“. Gut, in dem Moment könnte man schon grollen und hadern, aber so ist die Welt nunmal und man wünscht doch niemamdem Böses. Es gibt ja ein Grimms Märchen, das dieses Thema anspricht: es ist der zittrige Großvater, der aus einem Holzteller am Ofen essen soll und die Kinder schnitzen schon mal für ihre eigenen Eltern…

Nun kann es hier nicht um eine moralische Verurteilung gehen — das ergäbe keine s
Sinn. Nur: wie ist das lösbar? Die Industriegesellschaft macht ihre Hausaufgaben, wird immer effektiver, und das muss sie &ndash, Gnade ihres Untergangs – und da bleiben die Menschen übrig. Die werden dann entweder aggressiv oder melancholisch. Was beides auf eine Reduzierung der Mannschaft hinausläuft.

Andere Lösungsvarianten wären noch die Weiterentwicklung fundamentalistischer Religionen, die die Entwicklung des Kapitals teilweise ausbremsen oder menschliche und/oder natürliche Katastrophen. Letztere sind wahrscheinlicher.

Falls vorige Unglücke nicht heftig genug auftreten wird auch in unserer Gesellschaft so Stück für Stück die Schamgrenze sinken und alt werden wird zum unsozialen Stigma. Diskussionen über aktive Sterbehilfe sind da erste Zeichen am Horizont.

Das sind nun wirklich keine heiteren Themen und schon das Anschneiden selbiger offenbart Gedankenkreise. Worin unterscheidet sich Jugend vom Alter? Das Alter hat die Jugend schon erlebt und das häufigere Wort heißt noch — die Jugend hat das Alter noch nicht erlebt und das häufigere Wort lautet schon.

Da die Grundhaltung der meisten Zeitgenossen von einem realistischen Optimismus geprägt ist, glaubt ein jeder, dass er zu den auserwählten Wenigen gehört, der jenseits der Vierziger einen festen, angesehenen Posten in seiner Firma innehält. Werbung wirkt nur auf die andere, graue Masse und auch Krebs, Zucker usw. bekommen immer die anderen. Dieser grundsätzliche, wohlwohlende Optimismus hält alles am Laufen. Überhaupt sind Gedanken etwas Feines. In den Gedanken zur Woche plauderte ein Soziologieprofessor gestern im Staatsradio zum Thema Konservatismus. Seiner Meinung nach sind alle deutschen Parteien konservativ. Die SPD will den Sozialstaat bewahren, die CDU bewahrt die soziale Marktwirtschaft und nun kommt es — die GRÜNEN wollen gar die Schöpfung bewahren. Ein wirklich famose Gedanke!
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Montag, den 30.04.2007 [16:46]
Heute Walpurgis in Thüringen (kultisches Verbrennen von Gartenabfällen) und gestern in Hamburg das legendäre Marathon. Jetzt jagt wieder ein Höhepunklt den anderen. Das war wieder ein Erlebnis für die ganze Familie. Das Beste ist doch: die Läufer kommen durch fast alle Quartiere der Hansestadt. Gut, einige nicht — die liest der „Läufersammeldienst“ (liebevoll Besenwagen genannt) auf und kutschiert sie gut sichtbar die ganze Strecke.

Da steht man nun weitab vom klassischen Griechenland und seinen schönen Stränden von Rhodos an der schnöden Saarlandstraße an der Grenze von Winterhude und Barmbek, kein Winkelement in er Hand und wartet bei schönstem Sonnenschein auf die Vorhut. Da kommt nach Kradeskorte (schönes Stolperwort!) der Pulk der drahtigen Kenianer vorbei. Die sehen alle wie geklont aus und sollen dem Vernehmen nach Polizisten sein. Jetzt kommt lange nicht und nun strömt die Masse vorbei. Nach einer halben Stunde kann das Hirn keine Gesichter mehr unterscheiden. Allmählich kommen tendenziell mehr Frauen und nicht mehr so drahtige Herren vorbei. Auch die Damen werden jetzt weniger androgyn, sondern mehr so weiblicher.
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