Rainers Horen
Sonntag, den 20.05.2007 [13:29]
Immer wieder werden die gleichen Fragen gestellt: wie wohnt es sich in der Jarrestadt, was macht die neugepflanzte Hecke im Novalisweg, gibt es dort auch weiteres Stadtgrün, wie weit ist es bis zur nächsten Kirche und zur Polizeistation und zum Stadtpark und überhaupt.
Nebiger kleiner Stummfilm beantwortet (hoffentlich) fast alle Fragen. Wer die richtige Anzahl der Verstöße der StVO mitzählt, darf sich ein Bienchen ins Sputnikheft eintragen.

Das Wetter ist wieder einmal prächtig und schon deswegen ist Schumachers Biergarten und die Festwiese gut gefüllt. Wieder ziehen die Grillrauchschwaden durch den Park und machen hungrig. Wir bleiben tapfer und radeln zurück in die Jarrestadt und essen dort brav den Kartoffelauflauf.

Die Sonntagnachmittage sind irgendwie der neuralgische Punkt für alle Singles. Da zeigt sich die Sozialkompetenz. Die einen fahren zu Mutti oder zu den Kindern und der Rest pflegt gediegenes Daheimbleiben. Oder er setzt sich alleine in der Biergarten, hat ein Glas vor sich stehen und lässt seine Blicke und seine Gedanken schweifen. Soll er sich nun durch zähe, sirupartige Verhandlungen mit Frauenzimmern, die allfällig mit dem Satz „… wir telefonieren …“ enden, einen schönen Abend mit nettem Essen, Rotwein und kistigem Abschluß organisieren oder lässt er es bleiben? Viel lieber würde er eine verbindliche, langfristige Beziehung eingehena aber leider will es nicht gelingen. Immer wieder wird ihm das sogenannte „Hamburger Modell“ abgeboten. Das ist ein Beziehungsmodell, das Alltag und damit Nähe vermeidet.
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Sonnabend, den 19.05.2007 [11:56]
Vatertag und Klassentreffen in Mitteldeutschland — da gibt es Eindrücke! Es ist eine Mischung aus „alles ist neu“ (so was die Infrastruktur betrifft), aber auch der Albtraum des Althergebrachten. In Weißenfels, Merseburg und Halle gibt es noch endlose schlimme Gegenden, wo einen Häuser anschauen, die als solche eigentlich nicht mehr anzusprechen sind. Und da wohnen Menschen drin, bezahlen womöglich noch Miete in Westgeld – unglaublich!

Anlass der Reise war aber nicht die bemerkenswerte Architektur in den Randgebieten mitteldeutscher Städte, sondern das Klassentreffen nach dreißig Jahren ¬Spezialklasse in Halle.
In ¬Hölle an der Saale gibt es auch schöne Ecken. Und so trafen wir uns im ¬Objekt5, einer Gastroeinrichtung, die es geschafft hat, für ihr lukratives Geschäft auch noch Fördermittel zu bekommen. Das ist eben immer noch der Wilde Osten. Zum bestellten und verzehrten Truthahnbrüstchensalat ist nur zu bemerken, daß er durch die Fleischbeilage nun wirklich nicht gewonnen hat. Frisch ist etwas anderes … so stelle ich mir aufgetautes Fleisch vor, das einige Zeit in einer hinteren Ecke der Küche auf seinen Einsatz wartet. OK, das Schwarze mit der blonden Seele aus Köstritzer hat wieder etwas versöhnt.

Wie das bei solchen Treffen immer so ist: alles ist nett und es wiederholen sich gruppendynamische Prozesse. Nun, das klingt jetzt etwas soziologisch geschwollen. Es will nur sagen, die Menschen verändern sich wenig und nehmen auch nach dreißig Jahren wieder ähnliche Rollen ein. Die Hochnäsigen haben jetzt die entsprechenden Berufe und andere absolvieren anderweitig ihr Leben. Die Englischlehrerin und Direktorengattin hat mich gleich erkannt und wusste sofort, wo ich damals im Klassenraum meine zwei Jahre verbrachte und saß. Das kann zweierlei bedeuten: Mama Gille hat ein enormes Gedächtnis (dafür sprichen einige Erlebnisse mit ihr) oder meine Wenigkeit hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Dafür spricht ihre von Herzen kommende spontane Bemerkung, ich hätte es meinen Lehrern nicht einfach gemacht. Wie sie das wohl meint? Immerhin hatte sie in ihrer dreißigjährigen Laufbahn appriximativ neunhundert Zöglinge und da passieren sicher viele Geschichten. Eliteschüler sind da manchmal sehr phantasievoll.

Gegen abend gab es im Hotel Sonnenschein ein kaltes und warmes Buffet – Wiener Würstchen bildeten den warmen Anteil. Das Ganze war quasi im Treppenhaus oder Vestibül aufgebaut und hatte einen gewissen unaufdringlichen, unverwechselbaren Charme. Für jeden gab es als Gesprächsauflockerer und Alkoholikerdetektor ein Fläschchen Underberg. Offenbar hat niemand ein Alkoholproblem.

Nun kam es zur unvermeidlichen Selbstdarstellungsrunde. Das wäre die Sternstunde der mobilen Aufnahmetechnik gewesen — wenn sie nicht wieder einmal defekt ist. Das hätte ein ganzes Buch zum Thema Junge Sozialisten erfahren die rauhe Wirklichkeit der Leistungsgesellschaft füllen können. Inhaltlich war (insbesondere bei den Damen) war eine gewisse Larmoyanz auffällig. Typische Fetzen waren: „dann kam die Wende und meine Qualifizierung war nichts mehr wert.“ oder „dann wollte mich niemand mehr haben.“ Hier in Hamburg würde sich sicher niemand zu dieser Mitleidstour hinreißen lassen. Es ist nur die Frage, ob sich in Zukunft eine Angleichung der Gemüter zwischen Ost und West einstellt. Offenbar löst sich das Problem nicht rein biologisch, sondern es wird gewollt weitergetragen.

Auf der Rückfahrt per ¬DigiTramp, bei der mich liebenswerterweise Osita Onuma, ein nigerianischer Promovent, mit seinem Audi mitnahm, lief auf Deutschlandradio nachfolgendes Interview mit W. Kempowski. Dieser aus Hamburg stammende und in Rostock geborene deutsche Schriftsteller hat vor kurzem seine 500 laufende Meter Archiv an die Öffentlichkeit übergeben. Er selber hat mal als Berufswunsch „Archiv“ angegeben. Das Interview, das er vom Krankenhausbett telefonisch gab, ist schon sehr hörenswert. Es steckt voller unaufdringlicher Weisheit und Chuzpe. Man sollte mehr auf Leute hören, die schon viel erlebt haben. „Wie geht es Ihnen?“ Er: „Da ich keine Schmerzen habe, ist es zu ertragen.“ „Woran denken Sie, wenn Sie von Ihrem Bett aus aus dem Fenster schauen?„ Er: „Daß der Architekt dort an unvorteilhafter Stelle eine Holzleiste installiert hat, die mir die Sicht auf die Natur etwas beschränkt.“

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Mittwoch, den 16.05.2007 [20:33]
Schon oft von Dritten gehört — das Telekomchaos. Wie sagte mal ein Forumkommentierer im Heise-Ticker: „So schnell wie die Telekom stirbt können die gar nicht entlassen … “ Heute also im wilden Osten die ganze Geschichte mal live. Aber allles nach und nach:

Eine Weißenfelserin, bisher mit ISDN (IS denn das nötig) ganz zufrieden, beantragt DSL. Zuerst trudelte der Speedport ein. Klingt gut. Nach dem fünften Anruf bei den Telekomikern (die nun nicht mehr eine ruhige Kugel schieben wollen und streiken) durfte Christine den Splitter in Halle abholen.

Heute nun der große Tag. Der Horist soll es richten. Wie schon zigmal vollzogen, alles zusammengesteckt. Internet ging sofort, aber das ISDN-Telefon bleibt stumm. Die grüne LED am NTBA bleibt dunkel. Aha. Könnte jetzt noch das Kabel sein — also in den Baumarkt gefahren und JY(ST)Y gekauft und Splitter und NTBA über die Klemmleiste direkt verbunden: gleiches Fehlerbild. OK, satteln wir die Pferde und ab in den T-Punkt im Einkaufsparadies Nähe Günthersdorf in der Nähe von Leipzig. Süß die T-Punkt-Miezen. Wir tragen vor. „OK, dann nehmen Sie einen neuen NTBA mit.“ Da kommen erste Zweifel auf. Ein elektronisches Gerät, das kaum Wärme entwickelt und nix mechanisches ansich hat, soll just in dem Moment kaputtgehen, wenn jemand einen Tarifwechsel beantragt? „Könnten Sie mal rauskriegen, ob wir ISDN oder A/B haben?“ Ich schaue selber frech auf den Monitor. Da steht Call&Surf ISDN. „Kann das sein, dass das nur der Tarif ist und nicht die Technik?“ Mandy aus Großkugel: „Nee, das ist aus dem System. Das wird nachgeführt.“. Glauben wir es mal und traben nach Hause. Neues NTBA angesteckt: Lampe bleibt dunkel! Elektronikfuchs misst natürlich mal die Leerlaufspannung an der Amtsleitung: 63Volt. Das riecht nach Analoganschluss. ISDN hat ca. 96 Volt auf der Leitung. Hm. Stecken wir das Ganze doch mal zusammen als wäre es kein ISDN. Speedport sagt: Da sehe ich eine T-Net-Leitung. Stecker raus: da sagt Speedport: „nix Leitung.“. Schon eine neue Erkenntnis. Flugs mal mit Händi die Nummer angerufen. He, es klingelt! Also der „D-Kanal“ schnasselt. Leider ist telefonieren nicht möglich. Das Analogtelefon erzeugt nur wilde, fast unanständige Geräusche.

Was nun? Keine Ahnung. Zumindest schwindet das Verständnis für den Streik der grauen Post.

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Dienstag, den 15.05.2007 [22:29]
Der kühne Bau gegenüber schreitet voran. Schon vor dem eigenen Aufstehen scheint der Fleiß der Arbeiter zu beginnen. Zumindest wird man in letzter Zeit allfällig vom Geklopfe, Gehämmer und Gerufe geweckt. Das ist Balsam in den Ohren.

Morgen ist dreißigjähriges Abiturtreffen von der Speziklasse in Halle/S. Es ist also wieder einmal Zeit, vor sich und den anderen Bilanz zu ziehen. Was hat man geschafft usw. Das Beste wird sein, sich schon vorher eine Erfolgsgeschichte zurechtzulegen. Fabulieren wir einmal:

Da sind wir selbständiger Unternehmer und Geschäftsführer eines weltweit expandierenden IT-Unternehmens. Das Zentralbüro ist in der Hamburger Speicherstadt gut plaziert. Den Bürokomplex hat der Hundertwasser als vorletztes Projekt in seinem Leben konzipiert. Es ist eine Melange aus klassischer Moderne und hanseatischer Bautradition. Auf dem Dach ist eine kleine Helikopterbereitschaft für besonders eilige Kunden installiert. Mit den Angestellten gibt es wenig Ärger, weil die über eine Verlustbeteiligung hoch motiviert sind. Selbstverständlich haben wir in unserer Firmengruppe flache Hierarchien, so dass wir wegen unserer kurzen Entscheidungswege sehr rasch auf Kundenwünsche reagieren können. Die Tür zu meinem Büro steht immer offen. Einen festen Teil unserer Gewinne investieren wir in karitative Projekte. Auch im privaten Bereich können wir noch Gutes berichten. Die Frau leitet ein Institut für Kunst-und Körpertherapie. Der Große studiert in Südengland und das Nesthäkchen hat gerade Liebeskummer. Leider mussten wir uns gerade von unserem langjährigen Hausangestellten verabschieden.
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Montag, den 14.05.2007 [21:53]
Jugendweihe in Thüringen. Hamburger und auch die anderen aus dem deutschen Stammlande können damit nicht recht was anfangen. Heutige Gedanken sollen etwas Klarheit in die Köpfe westlich der Elbe und vor allem südlich des Thüringer Waldes bringen.

Nun mal ins Stammbuch geschrieben: also mit irgendwelchen Pfadfinderspielen hat es nichts zu tun. Grob gesagt ist es ein atheistischer Ersatz für Erstkommunion/Konfirmation/Bar Mizwa — nur eben größer und bombastischer und fast alle Achtklässler nehmen daran teil. Außnahmen sind zumeist die wenigen Leistungsträger aus dem Altreich, die sich mit der Assimilation noch etwas schwer tun.

Auch große Tage beginnen für den Weihling mit dem mühevollen Aufstehen. Noch sieht der Deliquient wie ein kleiner Junge aus. Schon in wenigen Stunden ist er ein Jugendlicher. Das ist schon an seinem etwas lax aussehenden Outfit sichtbar: man trägt Anzug. Die jungen Damen haben adrette Kleidchen oder Kostümchen an. Das ganze wirkt wie eine Massenkinderhochzeit — ist aber keine.
Es werden gewichtige Worte vorgetragen und als Höhepunkt der Weihe werden die nun fast Jugendlichen namentlich aufgerufen, sie tretten in einer Reihe an, bekommen Urkunde und Buch. Dann gibt es noch einen Spruch für das Leben mit auf den Weg (beispielsweise „Lernen heißt scheitern lernen“)und schon geht es zurück in das Dunkel des Planetariums. Leider war es wirklich dunkel und so ist der Film nur schemenhaft. Die wenigen verbotenen Blitze erhellen nur dürftig. Verboten, weil dem Photostudio nicht der Gewinn geschmälert wird und so stand es wohl im Vertrag.

Nun aber raus an die frische Luft. Gut für die Raucher; ihr Darben hat eine Ende.

Nun stehen sehr viele Weihlinge, Eltern und Großeltern auf der kleinen Wiese vor dem Zeiss-Planetarium und wollen ihre neue Digiknipsen ausprobieren. Da wird nicht lange über Blenden und Belichtungszeiten gegrübelt: draufgehalten was das Zeug hält. Na hoffentlich sind auch die Füße mit drauf. Letzlich freue sich alle auf die nachfolgenden Stunden, die in vielfältigsten Kneipen und sonstigen öffentlichen Räumen verbracht werden.

Schuleinführung, Jugendweihe und Hochzeit: vom Feiervolumen ist das nicht wirklich zu unterscheiden. Tja, mehr als sattessen geht nicht. Wie das in Jena so üblich ist, muß es mindestens fünfzig Kuchensorten geben. Früher haben sich damit die Hausfrauen und damit die Sippen gegenseitig übertroffen, heute haben sich die örtlichen Bäckereiketten darauf spezialisiert.
Dafür war die Atmosphäre (wie im nebigen Filmchen ersichtlich) unübertroffen. Den Raum hat eine ¬überbetriebliche Ausbildungseinrichtung bereitgestellt. Nicht nur, dass von den Räumlichkeiten alles sehr großzügig eingerichtet ist, es war mit 30 € als Saalmiete für die ganze Etage und das ganze Wochenende mehr als preiswürdig. Eine Etage höher sind auch noch Übernachtungsmöglichkeiten für 50 Personen. Was will man mehr? Da lässt sich es gut Feiern. Da es dort auch TV gibt, konnte sich der Weihling prima arte-schauend von der Truppe absetzen.

Da recht rasch wieder der Hunger einsetzte, brachte dann der Catering-Service ein paar Häppchen in Form eines kalten und einen warmen Buffets. Jaja, Puhlfürß war schon immer gut.
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