Rainers Horen
Sonnabend, den 28.07.2007 [19:56]
Alles ist in Bewegung – das betrifft nicht nur die deutsche Sprache, deren Wandel in der letzten Ausgabe ¬DER ZEIT ziemlich ausgewogen betrachtet wurde. Motor sind eben nicht nur die verrückten Ideen der Werbetexter, sondern menschliche Faktoren. Es ist der Drang, mit frisch erworbenen Wissen um neue Worte zu brillieren; es ist die elitäre Anmutung eines Wissensvorsprungs, der keiner ist. Es ist die Angst, altbacken zu erscheinen.

Also auf dem Gebiet der mündlichen und auch schriftlichen Sprache ist ein reiner Formalismus, der nur psychosoziale Ursache hat.

Im Web muss man den Fortschritt differenzierter sehen. Web2.0 ist eben nicht wie eine Umfrage an einer deutschen Uni ergab, grün, abgerundet und wackelig. So sieht es vielleicht ein unbedarfter Betrachter.


Alles begann mit dem nullten Web.
Es ist die Zeit der Selbstdarstellungen. Anfangs waren es die Universitäten, später Firmen, die sich in voller Marketingmanier ins rechte Licht rückten. Mitmachen bestand darin, dass irgendwo ein Link zu einer eMail-Adresse auftauchte. Zugegebermaßen sind die Mehrzahl der webseiten noch so gestrickt. Es hat die Anmutung von elektronischen Flyern. Ist aber auch klar. Das hat etwas mit konventionellen Denkwegen zu tun. Die Partnerfirma, die sich seit Jahren und Jahrzehnten um die papierne Außenkommunikation kümmert, wird natürlich nachgefragt, ob sie auch diese Webseite mit machen könne. Klar, kein Problem – machen wir.

Was dann herauskommt, ist hinlänglich bekannt. Diese Seiten sind ständig veraltet, nur mit großen Kostenaufwand wartbar, von Google oft nicht erreichbar und voller Barreiren.

Seit letzten Jahr gibt es nun Web2.0! Wird sich etwas ändern? Gut, die graphische Gestaltung passt sich an. Die Fassade wird gestrichen, aber die Bewohner der Mietskaserne müssen immer noch eine halbe Treppe nutzen, um ihr Geschäft zu verrichten. Nach vielen Jahren des Webs müsste es sich eigentlich bei Entscheidern rumgesprochen haben: Web ist ein ernsthaftes Medium – für vile Gewerke das wichtigste. Von einem Kulturanbieter wird es regelrecht erwartet, und das auf hohem Niveau.

Seit einger Zeit hat sic eine vällig neue Welt platziert: der Weblog, auch Blog genannt. Das ist ein niedrigschwelliges Format, bei dem jeder (ohne technische Kentnisse), Inhalte für das Web gestalten kann. Der Kick ist die Konzeptlosigkeit. Alle anderen Webseiten dienen immer der thematischen Selbtdarstellung und am Anfang steht das Storyboard, in dem dann steht, was da rein kommt. Es gibt eine Navigationskonzept, das einen semantischen Baum aufmacht. Dessen Strukturtiefe war bis dato immer etwas beschränkt. Da die Anzahl der Navigationszweiglein beschränkt war, musste man die darzustellende Punkte raffen oder man mutet dem Nutzer zu, sofort und einsichtig komplizierte Strukturen zu verstehen. Meistens siegt zweite Variante. Es ist eben auch schwer, kurz und knapp ein Anliegen vorzubringen. So auch hier. ;-)). Web1.0 bescherte uns Gästebücher und Foren – das ist schon ein wichtiger Schritt zur Demokratisierung. Leider fehlt immer noch die intelligente Verlinkung.

Web lebt von zwei Dingen: es ist der universelle Browser, dem es gelingt über Systemschranken Inhalte anzubieten und es ist vor allem die Verlinkung. Kommerziellen Seiten tut eine externe Verlinkung erfahrungsgemäß weh, aber alles andere geht schon. Nebbich gibt es sogar Seiten, die den Tieflink tatsächlich verbieten. Der Nutzer soll immer die ganze Pracht erleben dürfen …

Ähnlich revolutionär wie die Erfindung des Webs durch Tim Berners Lee ist die Technik des Trackbacks und des Trackpings. Worum geht es? Bisher konnte der Webautor einen Link zu einem anderen Inhalt setzen. Die Verknüpfung bleibt also meistens eine Einbahnstraße. Auch in wissenschaftlichen Arbeiten gibt man ja im Literaturverzeichnis an, auf wen und was man sich bezieht. Wäre ess nicht schick, auch anzuzeigen, wer einen selbst wieder zitiert?

Beide obige Techniken aus der Blogwelt können genau das leisten. Leider siegte wieder einmal das bessere Marketing und nicht die bessere Technik. Kennen wir schon von VHS/Betamax oder Windows/Mac. Ist eben so. Nur ein Narr regt sich darüber auf.

Wie funktioniert das? In einem Redaktionssystem (CMS oder Blog) schreibt jemand einen Artikel über einen Text, den er irgendwo im Netz gefunden hat. Beim Abspeichern der Seite passieren in beiden Realisierungen folgende Schritte:

  1. Im Text wird nach externen Links gesucht,

  2. Für jeden Link wird auf mystische Weise nach der Trackback-URL der verlinkten Seite gesucht. Das ist quasi das Postamt der Gegenseite, das solche Rückmeldungen annimmt.

  3. Falls es solche eine Adresse gibt, sendet das Redaktionssystem eine kurze maschinell lesbare Meldung in der steht, wer wen verlinkt und vielleicht noch Titel und Kurzbeschreibung.

  4. Die Gegenseite kann nun wiederum nach Überprüfung der Ernsthaftigkeit des Anliegens diesen Link irgendwo unter dem Stichwort „Backlinks“ oder „Vernetzung“ anzeigen.

Die beiden Verfahren unterscheiden sich technisch nur in der Ausgestaltung. Beim Pingback wird die Trackback-URL (wir wissen = das Postamt) einfach im HTTP-Header übertragen, ersatzweise auch als Metaelement im HTML-Header und beim trackback ist es in eine schwierig zu parsenden RDF-Nachricht verpackt. Man muss also im zweiteren Fall die gesamte HTML-Seite holen, während man bei PingBack einfach via HEAD an die Info kommt. Das ist nicht unerheblich.

Das eigentliche Ping ist dann marginal unterschiedlich. Bei der ersten Implementierung sendet das Programm einen REST-Request, bei zweiteren eine XMLRPC-Schnickschnack. Der Parseraufwandist dann ähnlich.

Um in die neue, schöne Welt der WebPings einzutauchen, ergeben sich also folgende Schritte:

  1. Festlegung einer Trackback-URL; das ist die Adresse, die dann später die beiden Anfragen entgegennimmt und dann ignoriert ;-)) oder das Ping in einer Datenbanktabelle ablegt.

  2. Einbau des RDF-Schnipsels (Trackback) und HTTP-Headers (Trackping) in die eigenen Seiten

  3. Erweiterung der Horensoftware, damit sie selbst schnurpseln kann.

  4. Bau einer Trackpack/Pingback-Server-Software.


Hier nochmal eine kleine Linksammlung zum Thema:
¬Spec von Trackback, ¬Spec von Pingback und
¬Vergleich der beiden Techniken.
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Donnerstag, den 26.07.2007 [14:15]
„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Eins, zwei, drei im Sauseschritt läuft die Zeit - wir laufen mit.“ So hat das damals in den goldenen Zwanzigern Erich Kästner im schönsten Deutsch aufgeschrieben. Schon aus wachsenden Erkenntnis über das Ende aller unserer Existenz heraus ergeben sich mit fortschreitendem Lebensalter neue Sichtweisen auf Prozesse und die Zeit. Anfangs sieht man alle Prozesse im Marxschen Sinne als eine Entwicklung vom Niederen zum Höheren. Im kybernetischen Sinne ist das also die Betrachtung im Zeitbereich. Später macht das Hirn quasi schleichend eine Laplace-Transformation und sieht alles zunehmend im Frequenzbreich, also alles als Kreisprozess. Das ist völlig normal, da ja eine Mindestzeitmenge gebracht wird, um diese Faltungen vornehmen zu können. Man denke nur an das Nyquist-Shannon-Abtasttheorem. ;-)) Man stelle sich vor, das Leben ist ein Marschieren auf einem großen Kreise. In Jugendjahren ist die Krümmung unmerklich, da das Verhältnis Radius zu Winkel groß genug ist. Mit fortschreitendem Alter spürt man die Winkelveränderung und plötzlich …

Harald Schmidt war damals noch jung, frech und mischte die TV-Landschaft auf. Heute ist er nur noch Reflexionsfläche für Angekommene und selbst die Aufführung von „Mein Führer“ vor dem Jüdischen Filmfestival in San Fransisco lässt die Anwesenden (wenn auch verhalten) applaudieren.

Als die CD aufkam, kamen alsbald die Stimmen, die behaupteten, eine Vinylplatte hätte einen bessren Klang. Das stimmt insofern, dass eine LP schöner eingepackt ist. Dann kam MP3 (nur Schatten der Musik) und plötzlich war die native CD-Musik besser. Die c't veranstaltete damals einen Wettbewerb, bei dem herausgefunden werden sollte, ob jemand tatsächlich im Doppeblindversuch Unterschiede heraushören kann. Überraschenderweise hat ein Hörgeschädigter bei MP3 ein Pumpen gehört. Klingt paradox – ist aber klar. Die Datenkompression setzt auf normale Fletcherkurven auf. MP3 speichert und transportiert ja nur offensichtliche Klangbestandteile.

Unsereins hat keinen Fernseher und kein Zeitungsabo und so ist das Hirn frei für Informationen, die nicht vom gewollten Mainstream überschattet werden. Es geht also nicht um Doping beim Radsport und auch nicht um die Atom-Geschäfte des ungarischen Aristokratensohns aus Paris mit dem Erretter der bulgarischen Krankenschwestern, sondern um den Mann mit dem eingefrorenen Lächeln aus dem fernen Amerika.

In den letzten Tagen hat G.W. Bush ganz unauffällig ein ¬Ermächtigungsgesetz erlassen, das unsere Welt in Zukunft stark verändern In Folge eines katastrophischen Notfall kann der Sunnyboy am Kongress vorbei regieren. Was darunter zu verstehen ist, werden wir schon ¬noch erfahren. Beispielsweise könnte sich der feine Mensch auf Lebenszeit im weißen Haus belassen oder auch ohne Nachfrage einen Krieg mit dem Iran oder mit Libyen anfangen, das ja wie wir wissen dank französisicher Unterstützung bald Atomwaffen haben wird.
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Mittwoch, den 25.07.2007 [22:15]
Es sind tatsächlich oft die kleinen Dinge am Straßenrand, die so hübsch anzusehen sind. So heute gefunden auf dem Weg zur zuständigen Kaufhalle, die uns wieder mit einem überbordenden Füllhorn von Angeboten überraschte. Das ist so die zweitschönste Einkaufszeit. Die allerschönste Einkaufszeit ist der Moment kurz vor Schließung gegen 22:00 Uhr, wenn sich die Singles noch schnell mit Lebensmitteln (Wein, Zigaretten, Pizza, BILD) eindecken.

Nein, der zweitschönste Zeitbereich ist der frühe Vormittag. Dann schlendern die langröckigen Muttis bedächtig durch die Reihen und prüfen eingehend Qualität, Verfallsdatum, Zusatzstoffe und doch auch das Preis/Leistungsverhältnis. Nach längerer innerer Verhandllung hat dann die Pseudoökotusse ihren Korb voll mit dunkelgrünverpackten Füllhornprodukten aus dem Erlenhof, der in Wahrheit ein polnisches KIM (Kombinat Industrielle Mast) ist und irgendwo in den fernen Masuren seinen Standort hat.

Ja, so ein Tag zwischen 8 und 17 Uhr muß ja auch ausgefüllt werden. Dank moderner Haustechnik entfällt ja Abwaschen, Plätten, Bleichen, Waschkessel aufsetzen oder Teppich klopfen oder gar die Hausordnung, die mittlerweile professionell von zumeist afrofranzösisch sprechenden jungen Männern absolviert wird. Früher waren Gasableser und Posboten Ziele sexueller Phantasien gelangweilter Hausfrauen – heute sind es zackige, exotische Ghanaesen von der Firma Hansefeudel. Hm, lecker!

Heute starb der ehemalige DDR-Schauspielers Ulrich Mühe („Das Leben der Anderen“), der übrigens auch bei den Grenztruppen diente.

Wenn wir gerade beim Gedenken sind: überneulich fanden wir in einem alten Buche einen Zeitungsausriss, der bedenklich stimmt.



Wer zwischen den Zeilen solcher offiziellen zu lesen gelernt hat, erkennt mehrere Hintergründe: Max war kein Kommunist und in der Nazi-Zeit ist er weder so noch so aufgefallen. Nach 45 war er noch bis zur Parteienhochzeit aktiv, dann bekam er nur noch den undotierten Orden. Er starb, wie wir nachher noch erfahren, noch vor dem Mauerfall. Und: der Schreiber des Nekrologs hat im Geografieunterricht nicht aufgepasst – für ihn liegt Stuttgart im Rheinland.

Warum diese Bedenklichkeit? Die im Jahre 1918 geborene Horistengroßmutter hieß damals Zajac und wie der Ausriss in das Ganghofer-Buch kommt – wirklich keine Ahnung. Das muss ein Engel gewesen sein. Hier nochmals der maschinenlesebare Text: Das Büro der Kreisleitung der SED hat den Genossen Max Zajac einen vom Ersten Sekretär der Kreisleitung, Genossen Gerhard Gramm, unterzeichneten Nachruf gewidmet. Darin wird der Lebensweg des Verstorbenen als der eines bewußten Arbeiters gewürdigt. der viel Leiden der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung kennengelernt hat. Wörtlich heißt es: „Nach seiner Lehre als Zinngießer kam er in Stuttgart mit der organisierten Arbeiterbewegung in Verbindung und fand 1906 den Weg zur Partei der Arbeiterklasse. In unermüdlicher Kleinarbeit hat unser Genosse Max für die Interessen der deutschen Arbeiterklasse gekämpft und in diesem Sin auch seine vier Kinder erzogen.
Bereits im Jahre 1913 mußte Genosse Zajac das Rheinland verlassen, weil er auf den schwarzen Listen der Unternehmerverbände stand und keine Arbeit bekam. Während des 1. Weltkrieges beteiligte er sich aktiv als Kriegsgegner, er war an der Erarbeitung von Flugschriften und deren Verteilung beteiligt. Er arbeitete vorwiegend in der SAJ. Während der deutschen Novemberevolution gehörte Genosse Zajac zum Arbeiter- und Soldatenrat sowie zur Sicherheitsabwehr. in der Zeit von 1933 bis 1945 ist Genosse Zajac der Sache der Arbeiterklasse treu geblieben. Nach der Niederschlagung des Faschismus war Genosse Zajac sofort zum Wiederaufbau der Ortsgruppe der SPD in Weimar beteiligt und hat aktiv am Zusammenschluß der Arbeiterparteien in Weimar mitgewirkt. Für die treue und Aufrichtigkeit des Genossen Zajac an der Arbeiterklasse wurde er mit der Medaille für die Beteilungung an den bewaffneten Kämpfen der deutschen Arbeiterklasse von 1918-1923 geehrt. Sein Leben und sein Kampf für die Sache der Arbeiterbewegung sind uns Ansporn zu noch größeren Leistungen für den Sieg des Sozialismus!


Zu Max Zajac ist leider nichts im Netz zu finden. Die Rückseite des Ausrisses könnte zur Erhellung führen, wenn man in Sportgeschichte etwas sattelfester wäre. Nun gut, das Netz hilft und nun wissen wir, dass Armin Hary (das war der erste Mensch, der die 100 Meter unter 10,0 sec. lief)) 1960 in Rom den olympischen Rekord 10,2 aufstellte. Nun wissen wir das Sterbejahr und dass er 1906 zur Partei kam. Schätzungsweise war er damals 16 und wäre dann mit 70 gestorben und eine seiner Töchter hätte er dann mit 26 bekommen. Klingt alles stimmig.

Übrigens ist Zajac polnischen Ursprungs und wird dort korrekt Zaj?? geschrieben.
Wer jetzt in IPA bewandert ist, erahnt auch die richtig Aussprache: [zaj???]. Der abschließende Konsonant ist die stimmlose palatoalveolare Affrikate. Das ist der Laut, den Thüringer abweichend vom Standarddeutschen anstimmen, wenn sie Entchen sagen wollen oder sollen.

Einen ähnlichen Laut gibt es auch im Mandarin (Pekingchinesisch). In P?ny?n wird er q geschrieben, ist dort aber stark behaucht.
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Dienstag, den 24.07.2007 [18:41]
„Geschlechtsumwandlung geglückt“ &ndash, so oder ähnlich könnte ein großes, deutsches Massenorgan titeln. Mal im Ernst: da kostet so ein Allerwelts-Medikament gegen kleine Maleschen des Alltags 14,95 €. Mus man zum Onkel Doktor, bezahlt 10,-- € Praxisgebühr, wird noch geschlechtlich falsch einsortiert und bezahlt dann in der Apotheke 5,-- € zu.
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Montag, den 23.07.2007 [12:38]
Was ist Realismus und was passiert mit den Menschen, wenn sie mehr wissen? Intelligenz soll ja auch ein soziales Handicap sein. Es scheint ein Zusammenhang zwischen dem Wissen um Bewegungsgesetzte dieser Welt und der Einstellung zu dieser zu bestehen. Der Lack bröckelt. Wer also wie der Horenschreiber viele Jahre für große deutsche Publikumszeitschriftenverlage gearbeitet hat, hat wenig Glauben an das, was dort täglich, wöchentlich und monatlich verbreitet wird.



Und ebenso ist das mit elektrischen Phänomenen. Gerade in letzter Zeit kocht die Elektrosmogdiskussion wieder. Wie hieß es beim Blutheiler? Elektrosmog führt zur Versauerung. Der berufliche Lebensweg wurde auch einmal in den Neunzigern von einem fränkischen Testlabor gekreuzt, das vielfältige Feldmessungen an elektrischen Geräten im Kundenauftrag durchführt. Das war letztlich die spannendste Zeit im bisherigen Berufsleben. Die Lernkurve war enorm, gerade weil das was fürs Leben war.

Eines Tages rief ein Münchner Mediziner an, der eine größere Investition tätigen wollte und der an der Machbarkeit (zu recht) zweifelte. Eine Arztgruppe wollte ein Grundstück in Pasing erwerben, um dort ein HightTec-Medizin-Zentrum (Kernspin, Computertomografie …) einzurichten. Da das Areal unmittelbar an der Bahnstrecke liegt, kamen da selbst dem Laien Zweifel auf. Der Generalauftragsnehmer (eine große amerikanische Firma) konstatierte totale Problemlosigkeit. Der Schwippsschwager des Mediziners hat schon mal laienhafte Messungen gemacht und erhebliche Feldstärken auf seinem Conrad-Teil gesehen.

Das Institut sollten also mal verbindlich mit kalibrierter Meßtechnik das elektromagnetische Feld messen und ich als Volontär sollte die Vibrationsbelastung ausmessen. Das war auch eine Nachfrage. Irgendwo im Lager war noch ein klassisches Akustomeßgerät von Brüel & Kjær. Das sah noch so richtig kultig aus, mit Holzgehäuse und netten Zeigerinstrumenten. Das röhrenbestückte Gerät verstärkte eigentlich nur das Körperschallmikrofonsignal und integrierte den Schalldruck gemäß von vorgegebenen Hörkurven. Am Ausgang der Kiste haben wir dann mechanische Schnellschreiber angeschlossen. Am Tag vor dem Einsatz wurden also noch alle denkbaren Adapter gelötet und sich mit dem Gerät vertraut gemacht, damit man vor dem Kunden nicht stümperhaft auffällt. Auf dem Weg dahin holten wir noch aus Pullach beim BND die Mikrofone ab. Dann baute der Kollege in dem ehemaligen Squashzentrum die Antennen auf und ich klebte die Mikros auf den gefliesten Boden. Die Vibration bei der Vorbeifahrt der Züge war immens. Man konnte direkt die Geschwindigkeit der Züge aus dem bekannten Schwellenabstand rausrechnen – dort zwischen München und Augsburg ist sehr starken Verkehr.

Das elektromagnetische Feld des Bahnstromes (16? Hz ) war ca. 1000 × stärker als erlaubt. Was heisst erlaubt. Natürlich gibt es keine Angaben der Medizingerätehersteller bis zu welchen dBµV und bei welcher Frequenz die Geräte noch mitspielen. Wenn der Meßwert aber 60dB über bekannten MAK-Werten liegt, sollte klar sein, dass da was nicht stimmt.
Der Fahrstrom floss in ca. zehn Meter Entfernung; dann bringt eine Erhöhung auf 15 Meter kaum Linderung. Entgegen landläufiger Meinung nimmt das Feld ja nicht quadratisch ab. (Abitur-Physik: Feldstärke= Amperewindungszahl/Abstand)

Im Nachgespräch faselten die Kunden etwas von Abschirmung und Faradayschem Käfig. Hm. Dieser Käfig schirmt lediglich elektrostatische Felder ab. Das hat mit magnetischen Feldern überhaupt nichts zu tun. Da nun 16? Hz aus Hochfrequenzsicht quasi Gleichstrom ist, hilft auch eine Abschirmung mittel µMetall nur theoretisch. Sie müsste bildlich gesprochen wasserdicht und ca. 10 cm dick sein. Das ist unbezahlbar. Da gab es lange Gesichter.

Überhaupt gab es oft lange Gesichter. Oft wurden Geräte vorbeigebracht, die überhaupt nicht funktionierten, geschweige irgendeine EMV-Prüfung standhalten könnten. Eines Tages kam ein junger Mann aus der Forschungsabteilung einer damals sehr bekannten Unterhaltungsindustriefirma und brachte uns augenzwinkernd den Prototyp einer neuen Car-HiFi-Anlage, bei der der CD-Player im Kofferaum plaziert war. Der Chef des jungen Mannes bestand darauf, dass die Verbindung mit dem IIC-Bus zu machen sei. Dieser Bus ist ein Inter-IC-Bus und verbindet Schaltkreise in Geräte, um Steuerinformationen zu übertragen. Es gibt Kanalwähler, Klangregler usw. mit dieser Steuermöglichkeit. Da der Bus recht unrobust ist (er ist unsymmetrisch, ist nicht galvanisch trennend und recht niedrigpegelig), kann man mit ihm nicht mehr als ein Meter überbrücken und schon gar nicht in einem Auto verlegen. Dort fließen sehr hohe Ströme, so dass Masse nicht sicher ist. Wir also die Anordnung in das Prüffeld gehievt und mit Standardsignalen aus einem Leistungsmesssender beaufschlagt. Bei dieser Verträglichkeitsprüfung wird mit Hilfe eines durchstimmbaren, geregelten Meßsenders das Objekt von 10 kHz bis 10 GHz beblasen und nach jedem Durchlauf der Pegel um beispielsweise 3dB erhöht. In der Meßzelle ist ein Feldstärkemesser, der per Infrarot den Meßwert dem Sender übermittelt, so dass der Pegel tatsächlich konstant ist.

Schon in einem Bereich weit unter dem Grenzwert war die Kommunikation auf dem Bus schon so gestört, dass wir das Autoradio rebooten mussten. Nach weiterer Erhöhung des Sendepegels war die Eingangsstufe zerstört. Wie schon bemerkt, spielte sich das alles schon weit unter dem Grenzwert ab. Sicherlich wäre beispielsweise der CAN-Bus weit geeigneter. Manchmal muss eben erst was kaputtgehen. Genau wie an eine Übersetzung von Verpackungen usw. erst gedacht wird, wenn das Produkt schon fast am Markt ist, wird auch an EMV erst kurz vor der Auslieferung gedacht. Ja, da war doch noch das Post-Papperl … Und dann spielt die EMV-Testsite die Qalitätssicherung.

Nach dem Feierabend geht es bei schönsten Sonnenschein in die Gertigstraße zur alteingesessenen, jugoslawischen Eisdiele. Dort kostet die Kugel noch 60 ¢. Gleich vorne sitzt ein Gruppe von recht lauten, Neuen Inländer. Gut: Jugend ist Trunkenheit ohne Alkohol. Die Herren tragen Goldkettchen, die Damen riesige, bis zur Schulter reichende Ohrringe und rauchen gekonnt. Und plötzlich kommt es so laut aus dem Mund des Schönsten, dass es jeder hört:

Deutschland den Deutschen – das Geld den Ausländern!.

Ähnliche Bemerkungen beispielsweise in der seit gestern wieder etwas konservativeren Türkei würden zur Abstrafung wegen Untergrabung des Türkentums führen. Hier im schönen Deutschland darf man nur milde lächeln. Letztens beim Karstadt-Ausverkauf in der Hamburger Straße, da hatte eine barsche Russin den Versuch unternommen, uns aus der Umkleide zu schmeißen. Das muss man offenbar tolerieren, das gehört zu den kulturellen Unterschieden, die man als Deutscher fleißig in Seminaren lernen kann. Ob die ausreisewilligen Russen in St. Petersburg auch lernen, dass man in Hamburg die Sonnenblumenkerne nicht auf den Bürgersteig spuckt oder die Ureinwohner nicht beschimpft?

Das Putinland kann Angst machen. GULAG-Berichte von ¬Warlam Schalamow werden aus dem Lehrplan russischer Mittelschulen genommen – dafür steht wieder der von Stalin geförderte Roman des sozialistischen Realismus „Wie der Stahl gehärtet wurde“
(¬??? ?????????? ?????) von Nikolai Ostrowski wieder auf dem Lehrplan. Wir kennen ihn noch: den tapferen ¬Pawel Kortschagin, der erst eine Frau bumsen wollte, wenn der Kommunismus im Weltmaßstab gesiegt hat.
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