Rainers Horen
Sonntag, den 23.09.2007 [17:03]
Stanis?aw Lem hat mal in seinem genialem Buch „Das absolute Vakuum“ den Kunstgriff unternommen, über Bücher, die es gar nicht gibt, Rezensionen zu schreiben. Das ist deswegen verwegen, da er mit dem Kniff viele Sujets ausprobieren kann, ohne Handlung, Personen und Landschaft in der nötigen, epischen Breite ausformulieren zu müssen.

Der heutige Herbstanfang hat überraschenderweise warmes, sonniges Wetter gebracht, so dass der Stadtpark proppevoll war. Charly hat mit seinem Eiswagen tollen Umsatz generiert … Da liegt man nun auf der Kaskadenwiese (wo bist gestern noch die Sonnenzeigeuhr residierte) und döst lesenderweise vor sich hin. Da kommt der Gedanke, ob die anderen Individuen auch denken (so wie man selber). Das klingt jetzt vielleicht etwas überraschend — hat aber einen philosophischen Kern. Ich gehe mal axiomatisch davon aus, dass ich denke. Der Immanuel Kant aus Königsberg hat von diesem Gedanken etwas abgeleitet. OK. Also ich denke, das heißt soviel wie ich habe ein Selbstbewusstsein. Denkt auch mein Gegenüber? Das ist doch die Frage. Die tägliche Erfahrung offenbart Ähnlichkeiten des Verhaltens meiner Gegenüber. Sie reagieren ähnlich, wie ich auf Situationen reagieren würde. Kratze ich beispielsweise ihr Ego an und sage: „Also in meiner Ehe wollte ich immer öfters als meine Gattin.“, kommt vorausberechenbar die Antwort: “Bei uns war das genau umgekehrt: mein Mann hatte keine Lust und ich musste unverrichteter Dinge einschlafen.“ Das war nun wirklich ein paradox intervenierendes Beispiel, zeigt es doch die Maschinenhaftigkeit menschlicher Kommunikation. Na jedenfalls kann man durch Befragung usw. nicht mit 100%-iger Sicherheit feststellen, ob das Gegenüber das gleiche Ichbewusstsein hat. Auch das Sezieren des Hirnes beweist nichts. Nun gut — dieses Rätsel ist unlösbar.

Nun gibt es seit Web2.0β Wikis. Das sind so Webseiten, bei denen jeder und jede mitmachen kann und zu Themen Texte beisteuern kann. Bei youtube und youporn kann jeder Filme hochladen und die Anderen können kommentieren. Das ist der Anfang. Nun kommt der Lem wieder ins Spiel. Wie wäre es, wenn man zu vorhandenen Videos (wie die obige familiäre Radlernschule) zu jedem Zeitpunkt im Film an beliebiger Stelle Denkblasen anbringen lassen könnte. Das ist technisch absolut kein Problem. Ein transparenter Layer über dem Video reagiert auf Mausklick, hält den Film an, lässt einen Bereich markieren und dann kann der User den Text eintragen. Da steht dann drin, was der jeweilige gerade denkt oder was der User meint, was derjenige im Film gerade denkt. Im Wiedergabemodus wäre das dann eine Art intelligente Untertitellung. Nennen wir es mal Mindwiki™. ;-)) Das Ganze wäre in drei bis vier Stundenn fertig … aber bei dem schönen Wetter? Quintessenz: man muss nicht jeden Gedanken auszuprogrammieren, es sei den es dient selbsttherapeutischen Zwecken.
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Freitag, den 21.09.2007 [00:23]
Hier in diesen Horen wird (wie sicher schon bemerkt) am linken Rande angezeigt, wonach die Leute suchen, um hierher zu gelangen. Das ist schon eine tägliche Kolumne wert. Gestern fragte jemand nach Frau bewusstlos Klistier — das lässt tief blicken und offenbart die Geisteshaltung eines Teils unserer Gesellschaft, die offenbar die Frau immer noch als Lustobjekt betrachtet, wo die moderne Frau doch weder das, noch Gebärmaschine, sondern taffe Geschäftsfrau zu sein hat. Heute nun guugelt jemand nach Webentwickler devot. Hm. Der Anfrager ist offenbar ein Innenseiter und kennt sich im Metier aus. Eine gewisse devote Unterwürfigkeit braucht es schon im Gespräch mit beratungsresistenten Kunden, die ins allerschönste Redaktionssystem plötzlich Wordoutput oder nach Flash gewandelte Powerpointdinge einpflegen wollen. Und es geht auch immer noch schlimmer: jedes Problem mit Windows (mein Internet geht nicht usw.) wird auf die erstellte Webseite projeziert. Das ist ja alles mit Gleichmut und Impulsvermeidung zu ertragen.

Das Hauptproblem im Webgeschäft ist die Preisfindung. Eine individuelle Lösung im Funktionsumfang einer Massensoftware — und meistens geht es darum — ist nicht zu einem Preis dieser Massensoftware zu bauen. Ich kann auch nicht zu einem Elektroniker gehen und von ihm ernsthaft verlangen, mir ein individuelles Messgerät oder eine Steuerung zu bauen und denke dabei an den Preis eines DVD-Players aus dem Baumarkt. Das ist absurd. Dann kann ich nur was Fertiges auf dem Markt kaufen und dann ein wenig das Gehäuse umspritzen. Der Rest ist rhetorisches Geschick der Verkaufsabteilung. …

„also im messi habe ich ein ich kann eins schicken und cam habe ich ja auch“

Das ist nicht etwa eine Sprechübung im Kurs Deutsch für Neuankömmlinge , sondern eine abgeschlossene Wortabfolge in einer bekannten Netz-Singlebörse. Selbst nach mehrmaligem Durchlesen ergibt das keinen rechten Sinn. Offenbar hat da jemand einen Messenger und eine Webcam und will dann dort jemandem mit einer besonderen Ausprägung seiner selbst beeindrucken.

Aber gerade kommen drei neue Suchanfragen rein: „Frauen gehen niemals spontan fremd“, „Frauen gehen spontan fremd“ und „Frauen gehen ungeplant fremd“. Was nun? Es ist immerhin bemerkenswert, dass beide Fragestellungen hierher führen. Aber nun mal zur Frage an sich. Wahrscheinlich gibt es solche und auch andere Varianten. Da es aber um den freien Willen nicht weit bestellt ist, ist die Frage, ob spontan oder geplant nicht zu klären. Das mit dem unfreien Willen ist ziemlich unpopulistisch und Verfechter dieser Lehrmeinung schaffen sich keine Freunde. Die Hirnforschung beweist es zwar, aber jetzt drehen wir uns im Kreise. Das Hirn glaubt ja auch der Hirnforschung nicht. Fassen wir zusammen: die unschuldigen Frauen sind schlauer als Männer und verbergen besser ihre Lüsternheit. Zweite Erkenntnis: sie wissen nicht, ob sie es spontan, geplant oder unspontan machen. Zumindest schaffen sie genügend Nebel und gehen spielerisch mit den chinesischen Strategemen um und — kommen immer an ihr Ziel. Zumindest glaubt das nach vollendetem Vollzug ihr Hirn.
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Donnerstag, den 20.09.2007 [00:17]
Was hier so läuft ist ein automatischer Konverter von geschriebener Sprache zu Lautschriften. Zuerst wird der deutsche Text nach SAMPA übertragen und im unteren Fenster in das Internationale Phonetische Alphabet IPA:

Die Schreibmaschine kann als Nebeneffekt auch SAMPA direkt nach IPA übersetzen und ist dadurch eine prima IPA-Schreibmaschine. Dazu braucht man den X-SAMPA-Text nur in das mittlere Feld eintragen. ;-))
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Mittwoch, den 19.09.2007 [14:58]
Falls man alles glaubt und speziell dem kleinen, gestrigen (Werbe-)Film des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, dann stirbt bald der Berufsstand des Dolmetschers aus. Dem ist natürlich nicht so. Bestenfalls werden Standardaufgaben (Abwimmeln von Kundenbeschwerden usw.) tatsächlich von Maschinen abgenommen werde. Ein sicher eintreffener Albtraum sieht etwa so aus: Vom Konto wird irgendwas abgebucht und ein Anruf bei einer Hotline endet an einer Maschine, die einfach nicht „verstehen will“. Und das könnte man jetzt hier prima ausgestalten — kann sich aber jeder selbst vorstellen.

Das System der Marktwirtschaft macht immer besser seine Hausaufgaben, die darin bestehen, den Mensch (1.) überflüssig zu machen und (2.) Dinge zu entwickeln, die die überflüssigen Menschen zyklisch (Krieg) oder systematisch (Umwelt) entsorgen. Und jetzt soll wegen (2.) die weitere Entwicklung der Industriegesellschaft abgebremst oder den „armen“ Leuten der Wohlstand vorenthalten werden. Klar, die Chinesen haben auch das Recht auf Klimaanlagen, Kühlschränke, Waschmaschinen, Autos … Appelle sind politisch opportun, werden aber verpuffen, weil niemand global denkt, sondern immer nur an sich &mdash, zumindest die Entscheider. Daß die OpferInnen (GlobalisierungsgegnerInnen) das anders sehen, ist klar. Nur die können nicht mehr als protestieren. Das klingt fatalistisch, ist es auch, ist aber auch die Realität.

Stellen wir uns vor, alle Schokoladenproduzenten treffen sich, sagen wir mal in der schönen Schweiz, um sich selbst in der Innovation zu beschränken, weil die Entwicklung zu immer schmackhafteren Süßkram die Welt (hypothetisch) immer mehr ins Unglück stürzt.
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Dienstag, den 18.09.2007 [17:04]
Gut, das mit der Sprachsynthese ist ein gelöstes Problem. Ist schon nett, wenn die gebaute Javascript-Funktion speak(sprechtext); einfach so losspricht. Da findet sich eine ¬märchenhafte Lösung, die man fast nicht glauben kann. da wird in überschaubarer Zeit (ca 3× der Sprechzeit) gesprochener Text erfasst, verstanden, übersetzt und dann schließendlich wieder ausgegeben. Werden das Dolmetscher nicht arbeitslos?

Selbst wenn nur die Hälfte stimmt … Schon die Spracherkennung am untrainierten Sprecher ist ein kleines Wunder. Kaufbare Systeme für Win32 müssen erst stundenlang antrainiert werden. Hier soll das sogar übers Händie und in störender Umgebung funzen? Unglaublich! So etwas können nur Profiverkäufer verkaufen. Ein Wissender hat da zu viele Bedenken. Oder hat schon mal jemand eine stimmige, maschinelle Übersetzung erlebt?

Aufschlussreich ist der Zeitverbrauch: die Spracherkennung braucht 38%, die Prosodie (Satzmelodieanalyse) 17%, die Syntax (Worterkenung) und Semantik 25%, Semantische Auswertung und Dialog 14%, Transfer 3% und Generierung 3%. Also die Sprachsynthese verbraucht die geringste Zeit — war auch nicht anders zu erwarten. Einschränkend (und damit auch relativierend) ist die Tatsache, dass das zu übersetzende Gespräch feste Themenkreise umfassen muss.

Apropos Grenzüberschreitungen: Hier im kleinen, technisch schlechten Video (LIDL-Digiknipse) der Mitschnitt des wunderbaren Konzertes vor einigen Wochen im Goldbekhaus. Wir nennen hier aus verschiedenen Gründen keine Namen, wollen wir doch der digitalen Wegelagerei kein Futter geben. Danke an Inga für die Inspiration!
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