Rainers Horen
Sonntag, den 11.11.2007 [11:11]
Obwohl heute früh in Hamburg Schnee fiel, soll das heute nicht das Tagesthema sein. Das ist wieder Journallienfutter. Nein heute geht es um das leidige Thema der Frage, warum das professionelle Betreiben einer Webanwendung so viel teurer als die Miete einer Webvisitenkarten (O-Ton: „ohne Kenntnisse zu perfekten Ergebnissen.“) ist.

Gleichmal ein Gleichnis oder Gedankenexperiment vornweg: Man braucht im Reihenhäuschen eine neue Heizungsanlage, bestellt einen Installationsbetrieb und sagt gleich im ersten Gespräch: Geld haben wir nicht und das Material und Werkzeug (Nüssesatz, 12-€-Bohrmaschine) haben wir schon mal im Baumarkt gekauft. — nicht umsonst heißt eine große deutsche Baumarktkette, sowie man in Frankreich das deutsche Wort Hobby ausspricht und die bekannteste Kette firmiert bei unseren westlichen Nachbarn unter ¬Mr. Bricolage.

Nun aber mal zur Webbaustelle zurück. Das einfachste Produkt ist das sogenannte Webhosting. Oftmals bekommt man es als Zugabe zu einem Telefonvertrag oder sonstwas „geschenkt“. Dann bekommt man quasi ein Schubfach im Netz hingestellt, wo man seinen Namen draufschreiben darf. In das Fach darf man dann per FTP oder Webhochlade irgendwelche schöne HTML-Seiten einstellen. In diesem Falle teilt man sich mit vielen 100000 anderen Menschen diese Schließfachanlage und hat natürlich keine Garantie auf Verfügbarkeit (proz. Wahrscheinlichkeit der Verfügbarkeit der Seiten), Reaktionsgeschwindigkeit (wie schnell werden Seitenanfragen ausgeliefert) und Anbindung (wie schnell sie die schönen Seiren beim Interessenten). Da tummelt sich Einiges. Viele fleißige Männer und kreative Frauen malen dann solche Seiten. Das kann auch ein therapeutisches Anliegen unterstützen, wenn beispielsweise drogenabhängige, ungeratene Söhne keinen Schaden im elterlichen Betrieb anrichten sollen. Es entstehen sogenannnte Homepages, die vielerorts ¬belächelt werden. Oft genutzte Stilmittel sind animierte kleine Bildchen auf zur maximalen Unleserlichkeit beitragenden Hintergründe. Gern immer wieder genommen sind auch möglichst viele, bunte Schrift, die mit beispielsweise Digiknipsen beigelegter kostenlosen) Software erstellt werden (neonfarbene Wurstschrift, schöne Gleitschatten und Farbverläufe usw.) Ich meine, so etwas muss es auch geben. Es gibt ja auch deutsche Vorgartenzwerge und Sammler von Paninibildchen.

Jetzt reden wir mal nicht über diese Entgleisungen, sondern über Webmietangebote, bei denen es tatsächlich auch Datenbankanbindung und Skriptingmöglichkeit gibt. Bis auf die Tatsache der nicht garantierten Leistung und dem suboptimalen Kundenservice treten allfällig Probleme auf, die sowohl während der Publikation der Seite und als während des laufenden Betriebes auftreten.

Um die Einschränkungen solcher Angebote ein wenig verstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie das Geschäft läuft.

Auf den Server dieser Massenhoster laufen tausenden Webseiten von tausenden Kunden. Nur so lassen sich Diskountpreise realisieren. Damit diese Gemengelage relativ stabil läuft, sind Daumenschrauben nötig. So dürfen oftmals nur eine begrenzte Anzahl von Prozessen pro Kunde laufen, der Aufruf von externen Programmen ist nicht erlaubt. Diese braucht man beispielsweise um Bilder automatisch zu skalieren, den Dateityp zu bestimmen oder MP3s zu wandeln. Aus gutem Grund ist auch oft das Schreiben von Dateien zur Laufzeit untersagt. Aus diesem Grund ist also ein Redaktionssystem nicht realisierbar. Für all diese modernen Anwendungen ist also kein Platz. Generell gilt die Vorgabe Bequemlichkeit vor Sicherheit: nötige Sicherheitspatches werden nicht aufgespielt, damit diese ganzen Friggelprogramme weiterlaufen. Professionelle Programme fragen ihre Umgebung ab und konfigurieren sich automatisch um. Sie laufen also nachhaltig auf verschiedensten Versionen der Skriptsprachen mit ihren verschiendensten Konfigurationseinstellungen. Diese Nachhaltigkeit und Robustheit kann man natürlich nicht erwarten, wenn Laien am werke sind. Genau das wissen die Provider und halten den Ball flach.

Zu diesen oben beschriebenen Besonderheiten kommen noch andere Dinge hinzu, die die Arbeit an Sysyphus erinnern lassen. Da ist der sogenannte passive Mode des FTP-Servers bei einem Provider so falsch eingestellt, dass es nicht möglich ist, ein ganzes Verzeichnis mal schnell hochzuladen. Banale Tätigkeiten halten einen dann stundenalng auf. Oder, wie gerade bei DUF erlebt, werden nur zwei Sessions pro IP zugelassen, so dass irgendwie alles hakt. Bei 1und1 ist mal die Bedeutung der Umgebungsvariablen, die GD-Bibliothek oder die Einschränkung der Rewrite Rules ohne Ankündigung geändert worden. All das macht die Arbeit mit solchen Angeboten zum Albtraum. Das Problem ist einfach die Unkalkulierbarkeit des Aufwandes. Maßnahmen wie das Kopieren von Daten, was normalerweise mit dem Absetzen eiens Befehls auf der Eingabezeile abgetan ist, kann sich zum Tagesproblem ausweiten

Diese Webhostingangebote sind immer ein Mix zwischen Riesensicherheistlöchern und/oder sinnlosen Beschränkungen. Beispielsweise ist der sogenannte safe mode, der verhindern soll, dass der Webserver Zugriff auf Dateien außerhalb seiner Sandkiste hat, recht leicht auszuhebeln. Er bri8ngt also keine Sicherheit, sondern nur Stress.

Wenn die Welt vernünftig eingerichtet wäre, sollte es eines Teils nur reine HTML-Webangebote geben und eben die Miete von Redaktionssystemen, deren Betreiber dann wissen was sie tun.
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Sonnabend, den 10.11.2007 [21:49]
Die Tristesse der Tage hält an. Der Blick en passant dem Schreibtisch zeigt nur perlende Regentropfen. Zeitgleich ist Winterhude wieder einmal zur Einflugsschneise für HAM auserkoren …



Unsere Kanzlerin grillt mit Dabbeljuh in Texas und verhandelt zwischen Deutscher Wurst, Senf und Steak die große Politik.

In Hamburg stürmt es heftig, die Lokaljounalisten haben wieder ihr Thema. Gibt es Sturm, werden badende Autos gezeigt und kommen die ersten Sonnenstrahlen im Frühling, präsentiert die Springerpresse junge Maiden mit großen (Eis-)Kugeln. Bis dahin ist aber noch Zeit und Knecht Ruprecht muss noch das endjährliche Umsatzhoch bringen.

In einer kurzen Regenpause verführt zum Fensteröffnen. Ein Blick nach draußen führt ins proletarische Klinkerelend und auf eine Fensterkatze, die sich fast unmerklich bewegt.



Dank des Netzes kommen hier ¬internationale Klänge in die gute Stube. Die anfänglich fröhlich, lebensbejahende, fast schon jugendbewegte Musik aus Israel macht auf Dauer doch melancholisch. Besonders häufig fallen die Worte ???? und ????. Das nun das schöne Wort leila für Nacht und gadol für groß so oft auftaucht, lässt einen größeren Interpretationsspielraum zu. Entweder machen die Stecher aus Tel Aviv besonders gerne vollmundige Versprechnungen oder es sind eben auch nur die wenigen Worte, die der unbedarfte Zuhörer aus Teutschland mal so neben Shalom versteht.

Aber was ist das jetzt: kommt da doch eine verjiddelte Version des wunderbaren Eagle-Songs ¬Hotel California. Hut ab! Klingt auch in Ivrith gut und ist schön gemacht.

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Freitag, den 09.11.2007 [21:09]
So wie Pontius Pilatus den lebensunzufriedenen Zimmermannssohn mit homophilen Zügen am Pessachfest angenagelt hat, so hat heute auch die deutsche Regierung am Tag der Beschlussfassung zur Vorratsdatenspeicherung viel Nebel verteilt. Es geht um das Einheits- und Befreiungsdenkmal in Berlin, das bis zum zwanzigsten Jahrestag der Maueröffnung fertig sein soll. Also eine weitere Kranzabwurfstelle. Hm. warum nicht wie die Bauern von ¬Kujan-Bulak, die ehrten Lenin, indem sie sich selber halfen und von dem gesammelten Geld, das für ein Lenindenkmal geplant war, kauften Sie Petroleum …

Mein Vorschlag: ein tandemfahrendes Paar zweier Deutscher. Wer nun vorn sitzt und lenkt und wer hinten nur strampelt — dieser Gedanke sei jedem Leser unbenommen.

Zum Tagesthema hat der ehemalige Innenminister Kanther (oder war es ein phonetisch Ähnlicher) den Satz geprägt: „Wie wollen keinen gläsernen Bürger — nur einen gläserenen Verbrecher.“ Na da ist ja gut und der Bürger kann jetzt noch besser schlafen.

Noch eine von den guten Nachrichten, diesmal aus der Welt der Provider: „Energieeffizient und klimaschonend handeln“ lautet die Devise der STRATO AG. So stellt Europas zweitgrößter Webhoster beide Hochleistungsrechenzentren 2008 komplett auf Regenerativstrom der NaturEnergie AG um. Für Sie heißt das: Mit STRATO wird Ihr Internetauftritt vollkommen CO2-frei.“
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Dienstag, den 06.11.2007 [21:50]
Die heimliche Hymne der ESG war in alter Zeit „Die Gedanken sind frei“ und führte in den späten Achtzigern auf dem Weimarer Marktplatz (neben dem Neptunbrunnen) zum Spruch des irritierten Volkspolizisten: „Beenden Sie Ihre Maßnahme!“ Schon damals mussten wir absingenderweise milde lächeln.

Die ehemalige Distelchefin und jetzige politische Kabarettistin Gisela Oechelhaeuser sagte im letzten querköpfigen Radiointerview: „Ich bin nur für meine Gedanken verantwortlich — was Sie denken, müssen Sie verantworten …“

In jeder Rundfunkanstalt (welch schönes Wort) braucht man ein kleines Sibirien, wo man verhaltensauffällige Moderatoren erziehen kann. Beim Deutschlandradio scheint das das Format 2254 zu sein. Das ist eine Nachtsendung, in der bettflüchtige Zeitgenossen solche Moderatoren nerven und quälen dürfen. So war die letzten Tage das Thema Tauben erkoren. Doch hören wir mal rein, wie kontrovers das ablaufen kann und was Menschen für Gedanken haben können.

Morgen entscheidet unsere huldvolle Regierung über die Vorratsdatenspeicherung. Das ist schon ein Einschnitt, besonders für Leute, die etwas zu verbergen haben. Es soll da von Datenschützern organisierte Demos geben …

Noch mehr Medienaufmerksamkeit hat neuerdings die Montagsdemo in Frankfurt-Sachsenhausen, bei der Süchtige gegen die Raucherdiskriminierung ab 1. Januar protestieren. Vorgeschoben wird das profezeite Kneipensterben.
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