Rainers Horen
Sonnabend, den 15.03.2008 [21:34]

Wer kann sich noch vorstellen mit Bleistift bewaffnet, sich in den Jenaer Forst zu setzen und im mitgeführten Skizzenblock den Blick auf Jena festzuhalten?

Wer heute eine Stimmung festhalten will, nimmt einen fernöstlichen Photodingsbums und hält es in die Richtung des Motives. Blende, Belichtungszeit, Tiefenschärfe – das ist Technikerkram. Kurz nach dem ersten Dilemma in Deutschland, das alsbald zu Römisch Zwei führte (mit unsäglichen Folgen für die Deutschen), saß die Gewerbelehrerin Annemarie Boerner unterhalb des Bismarckturmes und skizzierte die, wie wir sehen, damals prosperiende Stadt. Dort wo damals die Schornsteine rauchten, residiert heute ein Einkaufsparadies, das sich bis auf den Namen Goethegalerie in nichts von anderne solchen Konsumtempeln unterscheidet.

Jena wurde am 13. April 1945 von den Amerikanern besetzt. Die Amis transportierten alle transportablen Geräte, Maschinen und alle Chefentwickler der Zeißwerke weg und gründeten in Süddeutschland eine neue Fabrik. Am 1. Juli kamen die Russen und übernahmen die Stadt. Jetzt wurden die Maschine auch abgeschweißt, die Heizung ausgebaut, Sanitärkram mitgenommen und andere Fachkräfte nach Russland verbracht. Tatsächlich haben es die Jenaer wieder geschafft, ihr Werk zu Weltruhm zu bringen. Kurz vor der Wiedervereinigung gab es 32000 Beschäftigte. Dann kam das endgültige Aus durch die westdeutsche Abrißbirne.

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Donnerstag, den 13.03.2008 [10:59]
„Die berufstätige Frau und erst recht die berufstätige Familienmutter hat gerade jetzt ungeheuer große Aufgaben zu erfüllen, und es ist gewiss oft nicht leicht, all diesen Anforderungen gerecht zu werden. Weil der Beruf allein schon viel Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, muß die Haushaltsführung besonders gut durchdacht sein, wenn die Arbeit überhaupt bewältigt werden soll. Im besonderen Maße trifft dies auch für die Ernährung zu. Da aber heute jeder die Pflicht zur Erhaltung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit hat, muß auch eine zweckmäßige und ausreichende Ernährung genügend Sorgfalt verwendet werden.

Wie soll unsere Ernährung aussehen?
Das Gegebene ist für uns eine gemischte Kost, in der Gemüse, Kartoffeln, Vollkornbrot und auch Milch genügend berücksichtigt sein müssen. Jeder muß sich einmal klar machen, daß ja auch unsere tägliche Nahrung nicht nur die Aufgabe hat, den Hunger zu stillen — es sollen vielmehr dem Körper alle die Stoffe in ausreichendem Maße zugeführt werden, die zur Erhaltung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit unbedingt notwendig sind … “



Mit einem behaglich eingenommenen Frühstück soll der Tag beginnen
Heißer Tee im Stehen hinuntergestürzt, Semmel mit Marmelade aus dem Papier gegessen — das ist kein guter Tagesanfang

Sieht man sich das obige Bild nicht an, könnte man wohl denken, der obige Text kommt aus unserer gesundheitsbewußten Zeit. Der Text könnte vielleicht dem Faltblatte des Ernährungsberater, der seine Praxis im ersten Stock über dem Supermarkt hat, entnommen sein.

Nein, die Quelle ist das Heft Trotz wenig Zeit gut gekocht aus der Schriftenreihe für die praktische Hausfrau. Diese Hefte waren damals zu beziehen über die Dienststellen der NS.=Frauenschaft und waren von der Reichsfrauenführerin ¬Gertrud Scholtz-Klink herausgegeben worden. Das war so eine ganz Stramme, die noch kurz vor ihrem Tode in den Siebzigern nichts dazu gelernt hat und in dem Bewußtsein starb, daß ihre Ideale verraten wurden sind. Gut, daß soll nicht das Thema sein. Bis auf die Häufung des Wortes Pflicht und Anforderungen hat sich oberflächlich gesehen nicht viel im Alltag geändert. Und offenbar bestand so wie heute ein hoher Aufklärungsbedarf in solchen einfachen Dingen wie Vollwert und Frischgemüse.

Obwohl, wie der Einleger Alles aus Kohlrüben des Gaus Thüringen beweist, ging es nicht immer nur frisch zu. Alle 18 Kohlrüben-Rezepte kochen dann doch diese geliebte und gehasste Erdfrucht schön durch. Es gibt da die klassische Kohlrübensuppe (Rummelsburger Ananas), Thüringer Kohlrübensupp (da kommt da Semmel und Petersilie ran), Kohlrübengemüse, geschmorte Kohlrüben, Kohlrüben auf Teltower Art, Kohlrüben mit Kohlrabi, Kohlrübenplätzchen, Kohlrübenklöse, gefüllte Kohlrüben (mit Hack, Thymian, Estragon und Dill), Kohlrübenpudding, Kohlrübenauflauf mit Sauerkraut, gefüllten Kohlrübenberg, Kohlrüben in Gurkentunke, Kohlrüben mit Kartoffeln und Lebertunke, Eintopf mit Kohlrüben, Kohlrüben mit Wirsing, Kohlrübensalat und Kohlrüben mit Quargtunke. Guten Appetit!



Obiges Stilleben wird bald das letzte Bild mit der NYTEC4.0 sein. Gestern ist es passiert. Nicht nur, dass beschlossen wurde in den deutschen Schulen Islamunterricht einzuführen, wir haben uns auch eine neue Knipse geleistet. Übrigens: selbst in Hamburg klappt das nicht mehr so recht mit dem Präsenzhandel. Der einzige Laden, der eine akzeptable Auswahl an Digikameras hat, bietet einen miserablen Kundendienst. Die Batterien der favoritisierten Teile waren alle leer. In dem Photoladen im Hamburger Einkaufszentrum an der Mundsburg stand nur eine Kraft. Sie telefonierte intensiv und mahnte uns zu schweigen, als wir sie ansprachen. Dem Vernehmen nach geht es in dem Einkaufsparadies steil bergab — durchaus nachvollziehbar.


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Montag, den 10.03.2008 [12:59]
Immer diese Störungen! Da schläft man seelig in den Montagmorgen rein, da kommen vom Innenhof nestelnde Geräusche, die auf echte Arbeit hindeuten. Und richtig, da hängen zwei Baumarbeiter im Geäst und schneiden die Bäume. Man achte auf die Wortwahl schneiden. Mittelmeeranrainer werden beschnitten und Wein wird verschnitten.



Das Rauchergesetz ist nun zehn Wochen alt wird mittlerweile recht lau gehandhabt. Im traditionellen Arbeiterbezirk Eimsbüttel ist es schwierig, eine Kneipe ohne beißenden Qualm zu finden. In der Schanze soll es ähnlich zugehen. Es stehen Aschenbecher auf einigen Tischen und die Zeit scheint zurück gedreht zu sein. Gestern abend kam es zu einem aufschlussreichen Gespräch am Pissbecken: „Und schon ist alles wieder gewesene Vergangenheit. Was weggetrunken ist kommt hier schon wieder raus – und ist noch nicht einmal bezahlt.“ Welch philosophischer Tiefgang!

Gerade eben kommt eine eMail rein: „Hallo Horenschreiber, seit Jahren interessiere ich mich für Babyzeichen (Baby Sign Language), d.h. hörenden Babys Zeichen der Gebärdensprache beizubringen. So haben Babys die Möglichkeit sich auszudrücken, bevor sie sprechen können. In Deutschland ist diese Form der Kommunikation mit Kleinkindern noch nicht sehr bekannt, deshalb erstelle ich jetzt eine Webseite.“ Wir dürfen gespannt sein, was dann ab Sommer zu sehen ist. Es wäre doch wunderschön, schon vor dem Sprechenlernen des Wickelkindes kurze Gespräche führen zu können. Ob das ganze Projekt mal von einem Linguisten gegengelesen wurde? Solche Lemmas wie Bitte oder Nein übersteigen wohl den Intellekt eines Kleinstkindes. Und überhaupt, wozu brauchts das Wort Nein??


Immerhin lassen sich mit dem umfänglichen Wortschatz schon kompliziertere Alltagssituation abbilden. Hat der Liebling ein dringendes Bedürfnis und möchte auf den Abtritt, dann will er vieleicht sagen:

„Vater * Hilfe * Schmerz * will * kacken * fertig.“

Will das süße Baby diesen kleinen Satz sagen, muss es etwa folgende Gesten hier rechts abarbeiten.

Wie gerade erfahren, gibt es bei der BSL (wie zu erwarten) dialektale Unterschiede. Das Zeichen für Vater wird in den USA als Kratzen hinter dem Ohre dargestellt. In Deutschland wird ein Oberlippenbart angedeutet. Sollte es nicht die Bewegung zwischen Daumen und Zeigefinger sein?

Der neue Stern am Webhimmel ¬Sprechende Hände wird ab Sommer zu bewundern sein und ist mit dem CMS ¬Contenido realisiert. Ein Blick auf den Quelltext der Projektseite offenbart wenig Professionalität. Das Layout ist nicht containerbasiert, sondern mit Tabellen gebaut, Stilanweisungen und Javascript ist wild im Quelltext verstreut, es taucht das berühmt/berüchtigte Spacer-GIF auf.
Nun hat die Homepage eines CMS nicht unmittelbar mit dem System selber was zu tun und sicher kann man mit Contenido auch moderne, suchmaschinenfreundliche Seiten gestalten – aber ein schaler Geschmack bleibt schon, wenn die Projektseite selber mit einer Technik des letzten Jahrtausends gestaltet ist. Das ist nun wahrlich kein Aushängeschild. Es ist anzunehmen, dass bei dem Konzept des CMS Sicherheitsüberlegungen eine geringe Prio hatten. Möchte man das als Betreiber? — Finger weg!!!

Wie an den kleinen Filmchen zu sehen, schafften sich die Baumartisten heute den ganzen Tag im Jarrestadturwald. Sicher ergeben sicher bestimmt oft interessante Einblicke. Aber wiegt es das auf?
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