Rainers Horen
Sonnabend, den 22.03.2008 [08:35]
Am gestrigen Tage hatten sowohl die Juden (Purim), die Muslime (Neujahrsfest) als auch die Christen (Karfreitag) etwas zu feiern. Gut, die Christen feierten nicht richtig – das kommt am Sonntag. Der Papst hat heute dem Vernehmen nach das Kreuz nicht einmal die letzten drei Stationen getragen, da er im Moment viel um die Ohren hat. Immerhin muß er am Sonntag seinen Segen verteilen und da das nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, muß er sich darauf mental vorbereiten. Dieses Jahr beteten die Katholen erstmalig wieder um Erleuchtung der Juden. Da sie tatsächlich denken, dass keine Gnade außerhalb ihrer Kirche sei, sind sie oftmals recht störrisch, wenn nachgehakt wir – so war heute Walter Hoeres auf Anfrage von Frau Dina Netz im Deutschlandfunk nicht so richtig einsichtig. Hören wir mal rein: Gegen geoffenbahrte Wahrheiten findet sich kein Argument … betrachten wir es als Realsatire.
Gemäß der Tageslosung (be)suchen wir heute das häßliche Hamburg. Ja – das gibt es auch. Der kulturelle Abfall beginnt direkt im Zentrum des Hamburger Tourismus: an der Landungsbrücke. Das ist dort, wo sich wetterunabhängig tag ein-und tagaus die Reisebusse ihren Inhalt ergießen. Der Hamburger kommt via Ringbahn dorthin. Als Appetitsanreger für Landratten hier schon mal die U-Bahn-Fahrt-Impressionen:

Gut, dort schwirren die Touries nun rum und wissen nicht recht, was sie in dem verregneten Hamburg nun erleben sollen. Genau in diese Orientierungslücke schlagen die Hafenrundfahrtausrufer, die allerortens mit sofortiger Abfahrt und Speicherstadt werben. Bis das Boot voll ist kann das schon mal dauern und oft ist auch Ebbe, so daß der Kapitän überrascht tut und die Speicherstadtrundfahrt ausfallen läßt.

Ein Teil der Fremden entnimmt ihrem Bædecker den Tipp mit dem alten Elbtunnel und so tröpfelt sich der zur Tunnelsohle führende Fahrstuhl voll. Die ganze Anlage ist ein bemerkenswertes technisches Denkmal – mehr allerdings nicht. Typische touristische Bedürfnisse werden nicht bedient. Folgerichtig fahren die meisten irritiert wieder zum Tageslicht. Aber dennoch hat ein Teil die unbestimmte Hoffnung, daß am Ende des Tunnels eine kleine Überraschung auf sie wartet. Wir wissen wie trügerisch das ist.

Es gibt als Entschädigung für die Ödnis auf der Gegenseite einen hübschen Blick auf Michel und überhaupt. Tatsächlich laufen einzelne Touries weiter. Schnell kehren sie um. Der Weg Richtung Veddel wird von gefährlichen und schräglaufenden Güteranschlußgleisen und Warnschildern gesäumt.

Es geht etwas verwirrend durch feuchte Tunnel, durch die Freihafengrenze und endet erstmal an einem skurrilen Haus mitten im Hafen.

Das Haus an der Ecke „Neuhöfer Brückenstraße/Neuhöfer Damm“ erinnert an die Runde Ecke, die genial von Frank Schulz in seinem Roman „Morbus Fonticili“ beschrieben wird.

Der Protagonist ist Schreiberling bei einem fiktiven Werbeblättchen, das sein Verbreitungsgebiet im südlichen Hamburg hat. In eben dieser Runden Ecke – einer urigen Eckkneipe im Hafengebiet – findet ein genialer Dialog statt. Der Wirt hat eine Fistelstimme und seine Frau hat eine sehr tiefe Altstimme.

Als damals bei einer Lesung im Buchladen Osterstraße Harry Rohwolt zugegen war, übernahm der Bärtige aus der Lindenstraße die Rolle der Wirtin und eine Mitgebrachte die Männerstimme. Das sind Sternstunden der literarischen Menschheit!

Von dort links abgebogen kommt man bald über die Klappbrücke nach Wilhelmsburg – ein wahrer Schmelztiegel der Völker. Da ist ein Laden am anderen. Und das Ganze im Wilhelminischen Stil. Man könnte glauben in Eppendorf zu sein. Wenn da nicht das andere Publikum wäre … Jeder zweite Mann auf der Straße hat ein Handy am Ohr und führt offenbar seine Geschäfte (Import&Export) von der Straße aus.

Leider sind die besten erlebten Momente nicht ablichtbar. So erlebt in einem dortigen Kiosk im Vogelhüttendeich . Wir also rein und beim Batteriekauf. Da stehen da zwei Typen: der eine barfuß und der andere hatte an den Füßen Damenhausschuhe und die Beine waren mit einer hellbraunen Leggins oder Nylonstrumpfhose bekleidet. Da ist Dittsche mit dem Bademandel und Schumilette noch sehr bürgerlich angezogen. Wir also rein und: „Moin, bitte einen Schokoriegel, zwei Kaffee und die Packung Batterien.“. Der Barfüßige mischt sich ein: „Der Photoapparat geht wohl nicht mehr?“ Wir: „Nee, das brauchen wir für heute Abend – für ein Gerät, was wesentlich mehr Strom braucht.“ Der Barfüßige: „Das hast Du gesagt. Du bist aber aus Sachsen?“

Ich: „Noch so ein Wort und wir können hier vor der Türe in Windeseile ein Knäuel bilden. Im Übrigen bin ich Hamburger. Das ist eine Laune der Natur: jeder 10000te Hamburger wird mit Weimarischem Dialekt geboren.“ Da war der Hesse still, aber leider spätestens jetzt war ein unauffälliges Photo nicht mehr möglich. Es sei denn ich würde mich als BILD-Fotograf verkaufen, der eine authentische Serie „So feiert Hamburg die Auferstehung“ erstellen soll. Dann hätte vielleicht die Eitelkeit über die Vernunft gesiegt.
Beitrag kommentieren

Donnerstag, den 20.03.2008 [08:47]
Quellen die Bücher in den Regalen über, wird es Zeit entweder eine zweite Reihe zu eröffnen oder neue Stellfläche zuzukaufen. Seltsamerweise ist dann nach dem Aufbau des Regales festzustellen, dass alles wieder voll ist. Überhaupt belegen sich waagerechte Flächen in Büro und Wohnung immer von selbst.

Ähnlich ist das auch mit dem Internet. Kaum hat sich DSL durchgesetzt, spielen einige Megabytes keine Rolle mehr und plötzlich gibt es Videos allerortens. Der Einsatz von Videos ist sehr löblich, werden doch damit Sachverhalte viel besser rübergebracht. Leider hapert es noch mit der technischen Realisierung. Da werden exotische Formate (wie Quicktime, ASF oder RealVideo) verwendet, die eigentlich nur auf dem Rechner des Entwicklers laufen, hat der doch sicherlich auch alle Plugins installiert. Schlau wäre es doch, ein Videoformat zu verwenden, für 98% aller Nutzer ein Plugin installiert haben. Mit dem Erfolg von Youtube, das auf FLV aufsetzt, ist das bei Flash so.

Auch eine Anbieterin für interkulturelle Seminare im Großraum München hat pfiffigerweise ihre Medienauftritte im BR ins Netz gestellt. Derjenige, der die Filme damals codiert hat, war der irrigen Meinung, dass eine hohe Kompression der Videodaten gut sei. Durch die starke Eindampfung der Filme entstehen viele Artefakte und ein hohes Rauschen. Dadurch lässt sich das Matrial schlecht umkodieren und es wird ruckelig. Zusätzlich kommt ffmpeg mit dem Quicktimeformat nicht zurecht. Der vierte Film, der ursprünglich im MPEG-Format war, macht beim Umkodieren keine Spirenzchen
Beitrag kommentieren

Dienstag, den 18.03.2008 [17:43]
Es soll auch Leute geben, die wollen mit dem Internet Geld verdienen. So bleibt es nicht aus, Kooperationen mit Billingunternehmen zu schmieden. Das heißt, wenn dann der Endkunde seinen Warenkorb gefüllt und andere Daten verraten hat, geht es ans Eingemachte – nämlich zum Point of Sale. Üblicherweise findet dann eine Server-Server-Kommunikation via sicherem Webtechnik (Soap-over-https) statt und alles wird gut, das Sicherheitskonzept ist klar und nachvollziehbar.

Nicht so bei einem großen Anbieter aus dem schweizerischem Zürich. Da purzelt einem ein tar-Ball entgegen, der ausgepackt und kompiliert ein Binary erzeugt, dass dann von PHP/Perl/Ruby/Java via Shell aufgerufen werden könnte. Jetzt könnte der Anbieter der Software den Hinweis auf die vorliegenden Quellen vorbringen. Nun, aber erstens bekommt man die Quellen sowieso nur als Kunde und zweitens wird sich wohl kaum jemand die Mühe machen, irgendwelche C++-Quellen zu durchforsten. Es scheint so, als ob hier Sicherheit durch Verschleierung generiert wird und jeder vernünftige Eitihler weiss von der Unsinnigkeit solchen Bemühens. Das ist als ob man die Geheimnummer gleich auf die EC-Karte schriebe (natürlich falschherum – da kommt keiner drauf … ).

Vom Grundkonzept der Abwicklung passt das Payment nicht so recht in die moderne Web2.0β-Umgebung. Da werden munter neue Seiten bei Erfolg generiert. Die Einbindung von Callbacks oder Hooks scheinen in den schweizer Bergen Fremdwörter zu sein. Auch moderne PHP-Konzepte, wie Vermeidung der Superglobals und andere Sicherheitslöcher sind unbekannt. Wirft irgendwie kein gutes Licht. Gut, die Software stammt aus dem September 2000 – das war noch vor dem 11.9. und PHP war noch gruseliger. Da werden Routinen eingesetzt, die bis heute unbekannt waren.
Beitrag kommentieren

Montag, den 17.03.2008 [22:24]
Jemand aus dem Dunstkreis des neuen russischen Helden soll Putin angerufen und ihm gesagt haben: „Wladimir Wladimirowitsch, der freche Schreiberling Sorokin hat eine neues Buch rausgehauen — das ist unsere Zukunft.“

Mit einem morgendlichen, weckenden Telefonanruf beginnt auch der düstere Zukunftsroman, der im Russland des Jahres 2027 angesiedelt ist: Mein Faustkeil weckt mich: Erst ein Peitschenhieb, dann ein Schrei. Noch ein Hieb. Ein Stöhnen. Nach dem dritten Hieb ein Röcheln. Den Klingelton hat Pojarok in der Geheimen Kanzlei mitgeschnitten, als sie einen Wojewoden aus Fernost folterten. Musik, die einen Toten aufweckt.“

Um das wiedererwachende Russland des Jahres 2027 vor äußeren Feinden zu schützen hat der Vorgänger des derzeitigen Gossudar die Große Russische Mauer errichten lassen. Und nun kommt der innere Feind als giftiges, tausendfüßiges Geschmeiß aus allen Ritzen gekrochen.

Gemäß der Erkenntnis, daß eine große Idee einen gewaltigen Widerstand gebiert installiert der Gossudar (=Herrscher) eine Spezialeinheit, die sich um diese zeitweiligen Anfangsprobleme kümmert. In Anlehnung an ein ähnliches Kommando unter Iwan dem Schrecklichen nennt sie sich Opritschina. Der Protagonist des Buches ist eben solch ein Opritschnik. In der Abteilung „Schuld und Sühne“ hat er sich weit nach oben gearbeitet und macht seinen Job sehr ambitioniert. Schlau ist er schon.

Aber was passiert, wenn er vom Gossudar geladen wird, ihm ein Spottgedicht über den Schwiegersohn des allmächtigen Chefs vorgelesen wird und er gefragt wird, ob das Poem vielleicht der Wahrheit entspreche? Hm, das sind im Lebenslauf eines Emporkömmlings kritische Momente. Da sind Kreativität und Gespür gefragt. Damals, während der „Wende“, haben sich Entscheidungsträger krank gemeldet oder waren zum Lehrgang entschwunden. Chinakenner werden sofort das 36. Strategem ???? wiedererkennen.

Wie zu vernehmen ist heute für Banker ein schwarzer Montag. In einer Welt voller Lügner und Blender ist das nicht verwunderlich – warum staunen die Betroffenen?
Beitrag kommentieren