Rainers Horen
Sonntag, den 28.12.2008 [11:44]
Kulturgenuss in Baden-Baden. Schon am Bahnhof beginnt das besondere Erlebnis. Allerdings ist aus dem Verkehrsknotenpunkt längst ein Kulturhub geworden und wenn dann nach Tschaikowskis „Schwanensee“ die Bildungsbürger (und die sich dafür halten) aus dem ehemaligen Sackbahnhof strömen, dann merkt der Zaungast sofort wo er ist – nämlich im mondänen Baden-Baden, wo sicher auch schon die Zarenfamilie ihr Geld verspielte und wo 1951 die deutsche Erstaufführung der Messieanschen Turangalîla-Sinfonie das Herz des Publikums eroberte.

Ungefähr die Hälfte aller Damen haben prächtige Pelzmäntel an und es sah nicht so aus, als ob das alles politisch korrekte Imitate seien.


Wo bleiben nur die spraybewaffneten Tierschützerinnen? Die hätten hier und heute tatsächlich fette Beute! Weit und breit ist niemand in Plastik/Gummischuhen zu sehen. Hier scheint die Zeit stillgestanden zu sein.

Ist es den ¬PETA-Leuten tatsächlich zu kalt im feinen Baden-Baden oder haben sie sich selber mit feinen Dingen beschenken lassen? In einer Seitenstraße vom Markt ist ein kleiner Schuhladen, der handgenähte Schuhe anbietet. Es hängt eine längere Aufpreisliste im Schaufenster. Sie zeigt an, was man noch drauflegen muss, um ein besonderes Leder verwendet haben möchte. Tatsächlich kann man sich dort also die Treter auch in Elefant, Esel oder Krokodil machen lassen. Der Aufpreis geht bis 275,- € — wahrscheinlich in Froschfotzenleder …

Viele Geschäfte und andere Dienstleister sind gleich russisch und arabisch beschriftet, vornehmlich geht es um Schönheitskliniken und andere dem körperlichen und seelischen Wohlbefinden dienenden Einrichtungen. Überhaupt ist das kleine nordbadische Städtchen recht weltläufig. Die Turgenev-Gesellschaft lädt beispielsweise zum festlichen Jolkafest ein. Das in das russische Silvester. Der Preis von 25,- € möchte man fast schon als moderat bezeichnen. In der ¬Friesenheimer Sternberghalle kostet der gleiche Abend (ohne Samowartee) gleich das Dreifache.
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Freitag, den 26.12.2008 [12:14]
Die Wetterfrösche hatten tatsächlich recht: es ist kalt und sonnig geworden. Der Schwarzwald und speziell das Geroldsecker Land zeigen sich von ihrer schönsten Seite. Den ganzen Tag wird die zauberhafte Landschaft zwischen dem deutschen Schwarzwald und den französischen Vogesen in helles Sonnenlicht getaucht.

Der zweite Feiertag hatte immer schon etwas mystisches: hat er doch keine besondere Bedeutung, sondern ist einfach nur da. Eventuell kommt er aus jüdischer Tradition. Dort sind viele Feiertage mehrtägig, einfach, damit sich die Vorbereitungen lohnen. Offiziell hat das etwas mit der genauen Bestimmung der Dämmerung zu tun, deren Unsicherheit (gerade in der Diaspora) dann sicherheitshalber zur Mehrtägigkeit führte.
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Donnerstag, den 25.12.2008 [16:57]
Erste Feiertag — Zeit für Familienspaziergänge. Der geflügelte Braten aus Frankreich oder Polen ist halbwegs geschluckt und noch nicht ganz verdaut. Ein wenig Ratlosigkeit macht sich breit. Ist da noch Besuch im Hause, wird es Zeit die Menschers auszulüften. Dank des Lothar-Orkans von 1999 hat der Spaziergänger einen unbehinderten Blick vom Kaiserstuhl, über den Rheinknick bei Rust, die Vogesen bis zur Müllverbrenne in Straßburg.


Hier ist noch überhaupt nichts von irgendwelchen Jahrhundertturbulenzen zu spüren. Die jungen Leute, gerade zwei/drei Jahre in ihrem Beruf lassen sich von ihren Eltern Baugrundstücke schenken und bauen tolle Häuser. Kinder kommen dann auch gleich. Leere Kinderzimmer sind ja auch ein zu verheerender Anblick. Es ist dieser Optimismus, der uns und unser Land voranbringt. Es ist auch nett anzuschauen, wie die eben noch sehr rebellischen Jugendlichen plötzlich sehr schnell ihre Rolle einnehmen.

Die Männer gehen brav zur Schicht zum Herrenknecht oder zum Burda, interessieren sich für Autos und Baumarkt und die Frauen mutieren in schnellstem Tempo zur Mutti, schaffen halbtags beim Edeka oder Schlecker und messen sich gegenseitig darin, wer am besten die Festtagsente richtet. Der herrliche, weite Blick in das Tal des Oberrheins und auf das Vaskengebirge kann nicht hinwegtäuschen, dass das richtige Leben in dem garagengesäumten Raum zwischen den recht engen Gasse abspielt. Der Sozialneid treibt das Volk voran und irgendwann kommt das vielleicht die Sinnkrise, für dessen Bewältigung die Medienindustrie passfähige Instantlösungen bereithält. Mehr dem Bildungsbürgertum zugeneigte Zeitgenossen können sie an ”individuell“ geschnürten Paketen aus dem Esobereich Rat holen.
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Mittwoch, den 24.12.2008 [12:44]
Heute ist nun das magische Datum des 24.12. – in Deutschland auch Heiliger Abend genannt. In diesem Moment kulminiert dier Stress und die festliche Vorfreude. Millionen von Deutsche, die ansonsten nur dran glauben, dass man aus einem Pfund Rindfleisch eine gute Brühe kochen kann, gehen heute zum Krippenspiel.

Es wurden gar Stimmen laut, die den Besuch dieses G*ttesdienstes von der pünktlichen Zahlung der Kirchensteuer abhängig machen wollten. Das war natürlich nur ein symbolischer Vorschlag, der darauf abzielt, die Wartezeit auf das Christkindlein zu verkürzen.



Die Bescherung und was darauf folgt ist streng ritualisiert — das beginnt mit dem Schmücken des Baumes. Schon hier kann das Klima innerhalb der Familie stark abkühlen. In unserer Herkunftsfamilie kam die Mutter aus dem mehr katholisch geprägtem Oberfranken und der Vater kam aus dem lutherisch geprägtem Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Für Vater durfte der “Wehnachtsbohm“ bestenfalls mit silbermattglänzende Kugeln bestückt werden und für die fränkische Mutter konnte es nicht bunt und kitschig genug sein. Das beginnt schon bei der gäsernen Baumspitze und endet bei der Frage ”Engelshaar“ oder nein.
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