Rainers Horen
Dienstag, den 30.12.2008 [12:08]
„Wenn Einer eine Reise tut, da hat er was zu erzählen.“ so sagt's der einfältige Volksmund. Und tatsächlich lernt man immer neue Facetten des menschlichen Lebens kennen, gerade wenn es eine Mitfahrgelegenheit ist. Dank der modernen Technik kann der/die Übriggebliebene nicht nur einen neuen Partner suchen und vielleicht auch finden — nein auch Reisebekanntschaften sind schnell geknüpft.


Treffpunkt Krone in Friesenheim: da steht nun der Passat vollbestückt mit drei Damen und viel Krimskrams. Das kann ja lustig werden! In ca. acht Stunden ist in der Welt der Wale, Delphine und Kristallkugeln viel Zeit …

Da sitzt er nun der Rainer und ist mit einem lustige Vögelchen aus der Disney-Welt drappiert. Es fühlt sich alles wie eine Parodie an – ist aber offenbar ernst gemeint. Wenn dann mal die richtigen Frauen beieinander sind, gibt es natürlich viel zu erzählen. Wie bei Männern werden auch bei diesen feinsinnigen Gesprächen die beiden Phasen durchlaufen: zuerst wird gezeigt wer man ist und was man kann und dann nach ungefähr ein bis zwei Stunden kommt die Phase des „wir sind gut – die Welt ist schlecht“. Männer machen das etwas plumper und oft bleibt es in der ersten Phase stecken. Frauen sind da feinsinniger und weniger offensichtlich selbstdarstellerisch. Es ist schon fast als nervig zu werten, wenn die ganze Autobahnstrecke von Baden bis weit ins Hessische hinein die Welt der Träume, Visionen, Hoffungen und Ängste ausgebreitet wird. Überhaupt scheint es gegen Depressionen (weiland „Zwangsmelancholie“) kein rechtes oder gar nachhaltiges Mittel zu geben. Vielleicht sind chemische Stimmungsaufheller langfristig doch besser als diese „posttherapeutische Euphorie“, die aus sich selber ein Problem machenden Opfern überselbstbewusste Zicken fabriziert. Das Problem der Dissonanz zwischen eigenem Anspruch an das Leben und der wahrgenommenen Wirklichkeit wird schließendlich nur verlagert: nicht mehr der Melancholiker (ach da steckt ja schon wieder das hebräische Wort ??? für „Krankheit“ drin) ist das Opfer seiner Stimmungskrankheit, sondern die betroffene Umwelt, die jetzt von einem noch vorne getragenem operettenhaften Geschwätz genervt. wird. Schon Schulz von Thun hat das vor einiger Zeit in seiner Psychologievorlesung zugestanden, dass die humanistischen Kommunikationspsychologie oftmals und allfällig egozentrische Kotzbrocken produziere.

Was nun das Fatale ist: der/die Betroffene merkt es nicht. Die meisten Umstehenden vermeiden den Kontakt und eine andere Teil nimmt es bereitwillig auf. Ist es nicht prima und für die Bewältigung der eigenen Lebenswirklichkeit sehr hilfreich, von Jemandem auf alle Fragen eine Antwort zu bekommen?
Beitrag kommentieren