Rainers Horen
Sonnabend, den 03.01.2009 [12:01]
Die Zeit heilt nicht nur alle schlimmen Wunden, sondern ändert auch die Wahrnehmung des Beobachter und somit seine Welt. „Früher lebten die Menschen noch im Einklang mit der Natur und die Kinder hörten auf ihre Eltern“ so wird es wahrgenommen. Und plötzlich erscheinnt alles kleiner und lauter. Da der Mensch im Laufe seines Lebens normalerweise dazulernt (und auch wächst), wird er immer mehr von der kindhaften und märchenhaften Sicht auf die Welt befreit, sieht die Zusammenhänge und dadurch werden die Zeitgenossen immer frecher und unmenschlicher. In der Soheit ändert sich wenig. Es ist der geänderte Blick, der uns die verrottende Umwelt vorgaukelt.

Die Residenzstadt an der Ilm erschien früher doch schon recht weitläufig und nun nach 30 Jahren wirkt die Stadt der Dichter und Denker winzig. In wenigen Schritten ist man vom Weimarischen Bahnhof im Zentrum, am Schloß und auch in der Fußgängerzone, die in Weimar „Schillerstraße“ heißt. Dort gibt es viele traditionelle Geschäfte noch. Gegenüber vom Schillerhaus werden immer noch Bücher verkauft und Schuhe gibt es in der „Antilope“.

Neben Lüttich und dem Theaterfrisör, wo früher das Koka war und sich die Schwulen auf ein Käffchen trafen, werden sehr ambitioniert Fossilien, Tierpräparate und Meteoriten verkauft. So im Nebengeschäft wird auch schon mal eine lebendige Riesenkakerlake aus der Dose geholt und dem potentiellen Käufer auf die Hand gesetzt. Da es eine Zuchtkakerlake ist, wird einem schon der Schauder etwas genommen.

Preisverfall
Also der Naturladen in der Innenstadt ist nun wirklich neu, so wie auch das Einkaufszentrum „Kaufland“ in der Nähe der Silberfuchsfarm, wo nach '45 einige (ehemalige) Finanzbeamte die Fuchsställe täglich putzen mussten. Gleich nach '89 entstand hier das oben angemeldete Einkaufsparadies. Noch heute spürt der Gast den Hauch des Umbruchs. Bananen stehen nach meiner der Betreiber immer noch ganz oben auf der Wunschliste der inzwischen verrenteten Ossis. So prangt im Kaufland ganz oben gleich das große Symbol für diese Südfrucht. Überhaupt scheint alles sehr seniorengerecht eingerichtet zu sein. Nicht nur, dass sich der MDR sich in letzter Zeit zu einem echten Schenkelklopfer älterer Herren gemausert hat, auch die Preisschilder im Kaufland sind auch bei grober Fehlsichtigkeit noch gut zu lesen.



Draußen vor dem Megaeinkaufszentrum in der Verlängerten Humboldtstraße findet seit 19 Jahren der Kampf der Kulturen statt: türkischer Döner Kebab gegen ¬Zitzmann-Bratwurst. Bisher ist der Kampf ach nach 19 Jahren unentschieden und es scheint, als ob der drehende „Fleisch“-klotz die Nase ein wenig vorne hat.



Wie im Schnappschuss vor der Wellblechästhetik zu sehen ist, siegt im Moment die türkische Leckerei …

Eine andere „Leckerei“ ist das Brechal im hiesigen Studentenclub. Schon damals in den Siebzigern gab es auf dem Männerklo im Studentenclub „Kasseturm“ dieses nützliche Utensil. Da es offensichtlich handelsüblich ist, bin ich mal auf dem offiziellen Namen im Katalog gespannt. Ob es „Brechal“ heißt? Sicherlich heißt es in einschlägigen Katologen (Grohe, VEB Grob- und Sanitärkeramik Torgau …) euphemistisch „Spuckbecken“ oder so ähnlich. Wie sagte schon Martin Luther: „Wo Saufen eine Ehre ist, ist Kotzen keine Schand!“

Ich glaube mich wohlwollend daran zu erinnern, dass ich es trotz heftigem Ehrigsdorfer Biergenusses (80 ? für einen ½ Liter) nie genutzt habe. Wahrscheinlich schreckt das Brechal schon durch seine mahnende Anwesenheit von höherem Bierkonsum ab. Obwohl es schon damals (auch ohne deutsches Reinheitsgebot) gut schmeckte und so manchen Abend im Bierkeller bei guter Jazzmusik zum Gelingen verholfen hat.

Wenn Flachländer sich zurufen: „Es hat geschneit.“, dann sieht es so ähnlich aus, wie in dem netten Video, das den gesamten Flusslauf der Leutra von ihrer Quelle (Ochsenauge) bis zu seiner Mündung in die Ilm skizziert. Letztlich fließt das Leutrawasser irgendwann später einmal über Saale und Elbe in die Nordsee. Die Gegend an sich ist bezaubernd: die Schlossbrücke führt von der Leibnitzallee direkt (Na zu was schon) zum Schloss und bildet ein malerisches Panorama, für das es hier aus gestalterischen Gründen keinen Platz gibt.

Platz hingegen ist auf der Schmücke bei Gehlberg. Das ist ein bekannter Punkt im Thüringer Wald. Irgendein Merkmal wird es schon haben – vielleicht der höchste Punkt des Rennsteiges. So recht ist den Statistiken nicht zu trauen. Immerhin weist sich zugleich der Dreiherrenstein bei Allzunah als auch Neustadt als Mitte des Rennsteiges aus — in beiden Fällen durch Zertifikate belegt. In dem ausgehängten Schriebs steht allerdings auch gleich die Berechnungsgrundlage, nämlich Start- und Endpunkt. Und da es verschiedene gibt, kann der Thüringerwaldverein diese Zertifikate gut mehrfach verleihen.



Nicht nur tagsüber bei blauem Himmel ist der Thüringer Wald wunderschön und sehr fotogen, nein gerade auch spätabends (neudeutsch après ski) hat er seine einzigartigen Reize. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es viele und so kann der Spontanreisende für 25,- bis 40,- € aus vielen wirklich hübschen Pensionen wählen. Beispielhaft soll die Pension „Tannengrund“ in gleichnamiger Straße dienen. Währenddessen auf der Gasse völlige Ruhe herrscht, kann man in der ¬Gaststube bei Ralf leckere Rostbrätl genießen und den Durst mit Köstritzer löschen. Nebenbei wird man als Gast nicht alleine gelassen.

Die Wirtsleute bleiben gleich am Tisch und erzählen verschiedene Lebensläufe vollgespickt mit enttäuschter Liebe, Verrat und was alkoholkonsumlimitierte Eineurojobber beim Pfarrer so treiben. Wenn dann noch der Holzfäller dazukommt … dann ist für Kurzweil gesorgt. Für einen Großstädter ist es anfangs durchaus gewöhnungsbedürftig, wenn alle Leute auf der Straße höflich sind und sich tatsächlich grüßen. „Normales“ Verhalten (verschämtes oder selbstbewusstes Weggucken) führt zu Verwirrung. Ist schon seltsam, wie verschieden selbst in solchen kleinen Dingen Deutschland sein kann.



Hier oben ist das urige „Haus am Tannengrund“ als 360°-Panorama.

Nur wegen der Vollständigkeit dann hier noch der geniale Blick aus dem Fenster der Pension zum weitentfernten Fuchsbau, der früher dem Forschungszentrum für Bodenfruchtbarkeit in Jena gehörte und heute von Leuten aus Aschaffenburg, die dort ihrem Huskyhobby frönen, genutzt wird.

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Donnerstag, den 01.01.2009 [08:50]
Gestern war also wieder der Abend der starken, furchtlosen und kreativen Männer. Krach als Symbol der Macht und Stärke. Das Geknalle sollte uns wohl in unsere Hirne die Botschaft der neuen Zahl für die Briefköpfe und Rechnungen einhämmern. Ist ja auch nicht so einfach, aus dem vielfältigen Angebot das richtige, zur Persönlichkeit passende Sortiment zusammenzustellen. Obwohl, es sind auch knallfertige Sortimente (ready2peng) im Angebot. Es ist aber oftmals mental echt schwierig, den letzten Rest an Selbstbestimmung und damit Selbstachtung abzugeben.

Und dann noch das Abschießen: nur Hasenfüße stecken die gefährliche Rakete in eine Sektflasche. Mutige und richtige Kerle halten die Rakete mit der bloßen Hand. Nur schade, wenn das Chinaprodukt dann geradewegs in ein offenstehendes Fenster fliegt. … Gut, wir hatten es verschlossen, hätte aber beinahe geklappt. Aber ein Gedankenspiel im Sinne der der Natalie Mooshaber ist es schon.

Der Morgen danach: die hochsemestrigen Mitbürger sammeln die Abschussbasen in Form von quadratprofilierten Stöckern auf. Keine Ahnung, was das soll – ob es Grundbaustein für ein Zimmerpflanzenspalier darstellt? Ganz pfiffige Pyromanen sägen sich aus Sperrholz eine eigene Raketenstartstation. ist ja wirklich nicht zu glauben – warum nimmt der Held sein Bastelobjekt nicht wieder mit nach Hause? Abgesehen von der silvestrigen Stadtverschmutzung und der damit generierten Hoch-Zeit für Fahrradschrauber gibt es doch noch schöne Momente: die Vereisung der Alster und ihrer Nebengewässer.

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