Rainers Horen
Sonnabend, den 28.02.2009 [22:35]
Nebiges Schmuckkästchen — es ist eben doch Kitsch. Spätestens nach dem dritten Bildwechsel breitet sich gähnende Langeweile aus. Aus gutem Grunde. Es gibt unzählige solche Zauberprogramme (besonders für den Mac), in die man seine grandiosen Photos reinwirft und die dann wie bei einem Schmuckblatttelegramm oder im Zeittotschlager „Malen nach Zahlen“ ein nettes Ergebnis auswirft. In dem verwendeten Baukasten gibt es ca. 30 solcher Effekte, die man einfach auswählt. Ungefähr die Hälfte der Effekte sind völlig unbrauchbar, weil sie den US-amerikanischen Markt bedienen wollen und europäischer Ästhetik völlig zuwiderlaufen. Ich sage mal nur „Wedding“. Müßig zu erwähnen, dass solche Teile für ein CMS völlig ungeeignet sind, weil nur der Grafiker Hoheit über die Gestaltung und vor allem über die Bilder hat.

Wenn Raben im Wasser baden, dann baden sie nicht. Wie wissenschaftliche Untersuchungen eines Professors aus Ohio nachgewiesen haben, dient das Baden nicht der Gesundheitspflege oder Hygenie, sondern lediglich der Abkühlung oder der Vogel hat ADS. Letztere Verhaltensauffälligkeit wird oft bei Haltung in zooparkähnlichen Anstalten beobachtet.

Die Musik bei solchen Diaschauen ist ein großes Debakel. Ist gibt fast keine GEMA-freie Musik. Und wenn doch, dann hört sie sich grauenhaft an. Ok, dann passt sie zu den graphischen Ergüssen. Wir nehmen hier Musik des „Symphonion Breveté Patent“ Auf der Blechscheibe sind die Steuerinformationen für die Metallzungen ausgestanzt. Vom Prinzip her ist das eine Vorstufe von Midi. Die Musik ensteht aus der individuellen Drehung der Kurbel und ist einmalig. Die Stücke klingen selbstverständlich auf jedem Symphonion anders. Es bleibt die Frage, ob mit dem Kauf der Scheiben auch das Recht abgedeckt ist, die Musik nach MP3 zu kodieren. Zumindest steht das nicht auf dem Beipackzettel aus dem Jahre 1876. Dort steht etwas ganz anderes: „D.R.P. Zungenspielwerkautomat mit auswechselbaren Stahl-Musikscheiben, spielt Tausende von Musikpieçen. Das Instrument ist während des Spielens geschlossen zu halten.“


Es gibt auch in Altona geheimnisvolle Dinge. Im Mercado gibt es auch ein öffentliches Pissoir. Auf dem Weg dahin gibt es ein wundersames Doppel-Treppenhaus. Es gibt keine Möglichkeit auf die andere Seite zu kommen. Als ob da ein Paralleluniversum ein Guckloch offengelassen hätte
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Freitag, den 27.02.2009 [11:11]
Wirklich oft wird die Frage von außerhalb gestellt, was es wohl Neues in Hamburg gäbe. Gut, man könnte die Frage als Kleinreden abtun, aber einen gewissen Sinn auf der Sachebene oder eine Wissensdurst könnte man schon unterstellen. Es gibt tatsächlich nichts Neues zu berichten. Auf dem Isemarkt hat sich die musikalische Nervensägerei glattweg vervierfacht — offiziell sind jetzt vier Musikanten unterwegs; die begleitenden Fingerfertigen jetzt mal nicht mitgerechnet.

Fatma hat als selbständige, türkische Unternehmerin eine bezahlbare Wohnung in der Jarrestadt ergattert. Das ist eine sehr erfreuliche Mitteilung, die allerdings außerhalb des Dunstkreises der Pastellaria Porto weniger bemerkenswert zu sein scheint. Die letzten Tage vor diesem erfreulichen Ereignis wurden auch schon mal Stimmen laut, die dem Nichtkriegen der Wohnung eines rassistischen Unterton beimischten. Nun ist alles gut. Und wir haben ein Gesprächsthema weniger.

Sicher ist es in diesen Zeiten besser zu fragen, was denn geblieben sei. Eines ist geblieben: das Schild „Täglich frisch“, das bei REWE neben der Uglifrucht zum Mitnehmen animieren soll. Diese Frucht heißt nicht umsonst Ugli. Der Name soll an das häßliche Äußere der Mischung aus Pampelmuse und Mandarine erinnern. Ist wohl auch gelungen. Die Dinger liegen dort schon mehr als eine Woche.
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Mittwoch, den 25.02.2009 [14:21]
Der russische Beinahe-Zar Wladimir Putin ließ neulich verlauten, dass er die beginnende Krise gut finde, das sie einen gewissen Reinigungseffekt habe und dadurch sein Volk gestählt daraus hervorgehen würde. Mich erinnert's fatal an das läuternde Stahlbad von dem der letzte deutsche Kaiser so begeistert war.

Ein gewisses Ausfegen der Hamburger Kneipenlandschaft ist leider auch zu bemerken. Gestern und heute sind die Innereien des Frankfurter Stübchens am Ende des Novalisweges abgeholt worden und auch der legendäre Goldbeker wechselt gerade seinen Pächter. Wie aus gut unterrichteteten Kreisen zu erfahren war, ist im Falle des Goldbekers nicht die Krise oder das Rauchverbot daran schuld, sondern die deutsche Gründlichkeit. Bisher gab es drei Besitzer dieser Traditionskneipe. Einer der Kneipen hat den beiden Anderen seine Anteile verkauft und nun ist der Vorgang dem Amt gemeldet worden. Das Amt: „Moment, jetzt braucht ihr eine neue Konzession und das ist damit verbunden, dass gewisse Umbauten nötig sind, der Bestandsschutz gilt jetzt nicht mehr“ Da der Umbau ca. 120 kilo€ kosten sollte, haben die beiden Kneiper (beide Ende 50) darauf verzichtet. Und so wird ein neuer Pächter einziehen und das Bier wird nicht versiegen …

Oft sind hier schon neue Fietscher im Web besprochen wurden und was diese Augenfänger mit uns anstellen. Hier ist so ein neuer Stern am Webhimmel. Sieht nett aus und die Idee ist pfiffig. Aus Photos des Benutzers wird unter Nutzung vieler Effekte eine neuzeitliche Kirmesgrafik gebaut. Sicherlich wird man solche Sachen nun bald öfters sehen. Das Marketing ist wirklich gut. Dieses kleine Demo ist schnell gemacht und beeindruckt bestimmt Liebhaber solcher Gimmicks. Der Preis von 99$ pro Quartal wäre auch noch verkaufbar, wenn der Kunde diesen vorgegebenen Ablauf akzeptiert. Möchte er seinen Film völlig eigenwilliges haben, ist das so nicht realisierbar. Also: ohne diesen Baukasten wäre das in eine Actionscript-Orgie (Sprache für dynamisches Flash), die bestimmt länger als zwei Stunden dauert. Es ist immer das gleiche Dilemma in der Webproduktion: irgendwelche Dinge aus der Kiste sind kostendeckend zu zaubern, aber tatsächlich individuelle Lösungen sind eigentlich nicht bezahlbar. Der Unterschied ist erst beim genauen Hinsehen auszumachen.
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Dienstag, den 24.02.2009 [21:36]
Es ist geschafft: jetzt kann ich immer. Seit gestern steckt in dem MacBook ein kleines, schwarzes Zäpfchen und so kann ich diesen Text auch galãotrinkenderweise im Porto schreiben. Der Wahnsinn geht also auf höherer Stufe weiter.

Wie zu erwarten war, lief die Inbetriebnahme nicht glatt. „PlugnPlay“ so heißt es in der bunten Werbewelt. Also stecken wir das Ding in das MacBook. Ein Fenster geht auf: „Kann das Ding nicht lesen, soll ich es initialisieren?“, so fragt frech der Finder. Der Insider kennt diesen Euphemismus. Inititialisierung heißt im Klartext „Alles kaputtmachen, also formatieren“. Das wollen wir nicht. Also üben wir uns in Impulsvermeidung und bleiben optimistisch. Plötzlich wird das DMG doch ins System gehangen und nebige Software lässt sich rasch installieren. Die Geschwindigkeit wird in Bit pro Sekunde statt üblicherweise Bytes pro Sekunde angegeben, so erscheint alles gleich viel schneller. Wie fast jede aktuelle Software, ist auch diese nicht bis zu Ende programmiert. Um ins Netz zu schlendern, sind jedesmal einige Schritte nötig.

  1. Programm starten,
  2. warten bis das Ding gefunden wurde, dann PIN eingeben,
  3. das Ding meldet neues, namenloses Netzwerkgerät, will Systemeinstellungen starten,
  4. auf „Verbinden“ klicken,
  5. wir sind „drin“!

Mannnomann — geht das nicht auch einfacher? Rituale sind schon wichtig, aber ich hätte es gerne etwas kundenfreundlicher.

Sicherlich wird es bald festeingebaute UMTS-Clients geben und die SIM-Karte wird in eine SD-Karte adaptiert, aber auch schon an der Software könnte der Produktmanager einmal seine Durchsetzungskraft gegenüber dem Programmierer beweisen. Aber ist die Welt nicht so wie sie ist, weil das Budget alle ist? Selbst G*tt hatte nach sechs Tagen keine Lust mehr und ließ diese Welt so wie sie uns jetzt bekannt ist.

Hat sich eigentlich schon jemand von der Soziologinnenfraktion mit der Gruppendynamik in technischen Foren beschäftigt? Wahrscheinlich nicht. Dazu sind diese beiden Bevölkerungsgruppen (Soziologinnen und Nerds) zu disjunkt — anders und einfacher ausgedrückt, gibt es wenig Schnittmengen. Aber gerade deswegen könnte es reizvoll sein. Es ist so eine Gemengelage verschiedener Interessen und Motivationen. Es gibt Frager und Antworter. Zuweilen kommt dann noch die Rolle des Senfhinzugebers hinzu, aber das ist nicht Hauptintention.

Auf der einen Seite ist es das berechtigte Interesse an Problemlösungen. Letztlich ist es eine Form der Leistungserschleichung, da ja kein Geld fließt. Auf der anderen Seite wird der Beantworter zur Zeitverschwendung getrieben, weil er sich vermutlich erhaben fühlt, was er alles so weiß. Vielleicht ist er aber auch nur gelangweilt oder leidet unter ADS.

Aus eben aufgezeigter Motivation heraus, ist natürlich die Qualität des Wissens durchaus bedenkswert, da es ja — wie wir feststellten — gar nicht vordergründig um den Inhalt geht. Da es relativ wenig Wikis gibt, in denen das Wissen ähnlich Mindmapping geordnet ist, ist der er Macher gezwungen, eine Suchmaschine seiner Wahl zu befragen. Kommt er also in seinem ewigen Prozeß der tierischen Fummelei nicht weiter, dann bleibt ihm nichts anders weiter übrig, als in dieser Suppe nach Nahrhaftem zu stochern. Diese ganzen Foren sind erwartungsgemäß mit einem Wust von Rauschen durchdrungen. Es gibt eben viele Sauger, die einfach zu faul sind, sich gewisse Dinge einfach mal durchzulesen und denken, das Internet sei ein allgemeines Orakel. Das Phänomen der trägen Zeitgenossen ist wahrlich keine Erfindung der Netzzeit. Während der Ilmenauer Studienzeit gab es so ein Superhirn, nennen wir in „Breitmaulfrosch“. In Wahrheit hieß er wohl Hagen und kam aus Osterburg in der Altmark. Aus verschiedenen Gründen half er auch mal gerne und oft kamen Kommilitonen mit Fragen zu ihm in den H-Block. Thema war die Theoretische Elektrotechnik — übrigens tatsächlich ein weites Feld. Hagen testete also unauffällig, ob die Frage daraus erwachsen ist, dass der Student schon alles durchgearbeitet hat und nun nicht weiter weiß oder ob er schlichtweg faul ist. In zweiterem Fall schmiss der den Typ einfach raus. Leider ist die soziale Kontrolle im Netz weitaus geringer, so dass die Faulpelze doch immer wieder durchkommen. Originalton aus einem XING-Gesprächsfaden: „Fragen kostet ja nichts.“

Nicht nur wegen der Beweggründe ist der Inhalt der subjektiv eingefärbt. Neben wir ein beliebiges Thema heraus: TYPO3. Taucht also im heise-Ticker ein Artikel zu dem CMS auf, dann fühlen sich insbesondere die Gegner des Systems aufgefordert, grundsätzliche, bewertende Sätze abzulassen. Meistens ist dabei nicht einmal ein Körnchen Wahrheit dran, sondern es wird einfach kundgetan, wie mistig das CMS sein soll. Schon aus den Beschimpfungen kann mal leicht heraushören, dass sich derjenige überhaupt niemals damit beschäftigt hat. Menschen neigen dazu Heimspiele anzustreben. Alles was neu ist und unabwägbare Risiken birgt, wird abgelehnt. Kommt daher das Misstrauen gegenüber Hintergründen? Apropos Konfliktpotential „Überfremdung“: heute morgen ist im renovierten RIAS ein schönes Thema angerissen worden. Antisemitismus an Schulen mit starken muslimischen Anteil. Wie hilflos sind unsere Lehrer ohnehin in diesem System, in dem Leistung und Disziplin Buh-Wörter sind? Jetzt steht das Thema Shoa (in Deutschland seit einer gewissen TV-Serie „Holocaust“ genannt) auf dem Plan. Und jetzt skandieren unsere Mustafas und Abdullahs unaussprechliche Dinge. Hört Du hier: . Natürlich ist das auch der Rütlieffekt: da wird ein Mikro aufgezogen und schon wissen unsere Halbstarken genau, was sie gröhlen müssen. Trotzdem wird es schon für unsere geplagten Lehrer eine schöne Übung zum Thema Impulsunterdrückung sein.

Der Gesprächsfadian (FREUD, Sigmund. Zur Psychopathologie des Alltagslebens (Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum) — wo war er bloß? Ja, genau — die Forensoziologie. Jedenfalls ist der Gewinn gering. Auf der Suche nach einer Seminarverwaltungssoftware für TYPO3 ist viel zu lernen. Das auserkorene Modul von Robert Lemke ist doch relativ hakelig und beschäftigt schon seit Stunden, wenn nicht sogar Tagesfragmente. Längeres, gezwungenes Lesen in solchen Foren bringt es zu Tage: diese Extension hat Leichengeruch und cal hat paradiesische Fietscher. Tja, und jetzt kommt das Dollarspiel. Nun haben wir schon soviel Energie in dieses „Event DB“ gesteckt und so mies kann es doch nichts ein, immerhin kommt es von Robert, dem T3-Guru, vielleicht ist unsereins nur zu uneinsichtig. So funktioniert unser Hirn.

Also mittlerweile werden die Ereignisse in ihrer Liste richtig angezeigt und auch die Detailanzeige funzt. Leider werden die Anmeldungen nicht im Backend angezeigt. Schlimm ist das.
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Montag, den 23.02.2009 [14:22]


Wenn einer in der Jarrestadt oder im Schinkelviertel nicht schlafen kann, dann kann er immer noch zu später Stunde zum Edenhall traben. Im Stile der Gründerzeit eingerichtet, empfängt den durstigen Besucher am Vorabend des Geburtstages der Rotes Armee (und somit Beginn der „Woche der Waffenbrüderschaft“) eine urige Atmosphäre inmitten der quirligen Großstadt.


Verführerischerweise gibt es vier Biersorten vom Fass. So dürfte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Das Essen ist gutbürgerlich mit einem Anflug von Weltläuffigkeit. Es gibt also auch Tapas und andere globale Erfindungen aus der leichten, mediteranen Ecke.

„Woche der Waffenbrüderschaft“ — das war im alten Regime die Woche zwischen der Jahrestag der Roten Armee und dem Geburtstag der NVA. Da es es Fraternitätsverbot zwischen der DDR-Bevölkerung und den „Russen“ gab, haben sich die Aktivitäten sehr im Rahmen gehalten. Es gab also keine gemeinsamen Prasdniks, sondern die ostdeutschen Soldaten wurden zum „Regiment von Nebenan“ gekarrt und mal vorzuführen, was sonst noch so geht. In den DDR-Kasernen schliefen die Soldaten in kleineren Gruppen und jeder hatte eine Spind, in dem er seine perönlichen Sachen unterbringen konnte. Der UvD saß gemütlich in seiner Butze und wachte über das Telefon, wenn er Glück hatte, las er auch einmal ein Buch, vielleicht in der Propagandaschrift „Vom Sinn des Soldatseins“ oder im Monatsblatt „Wissen und Kämpfen“.

Bei den „Freunden“ (so die offizielle Sprachregelung) war es nicht so gemütlich. Als wir als Abordnung des Grenzausbildungsregiments-25 in Halberstadt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ankamen, stank es erst einmal fürchterlich nach Knoblauch, Pisse und Mann. Gut, andere Länder andere Sitten. Soviel Toleranz sollte schon sein. Auf jeden Fall haderten wir fürderhin weniger ob unseres Schicksals, da wir erlebten durften, dass alles noch schlimmer sein kann.

Dort schliefen die armen Schweine in einem 100-Mann-Schlafsaal, hatten keine persönliche Ecke und der UvD stand acht Stunden mit voller Ausrüstung auf einem auf dem Gang aufgemalten Quatrat von 50×50cm Gang auf Habacht. Müßig zu erwähnen, dass die Russkies die langen Jahre ihres Wehrdienstes keinen Ausgang hatten und die Ernährung ausschließlich aus ????????? ???? (das ist Buchweizengrütze, heute ein Highendfutter für Ökoversessene) bestand. Jedenfalls waren wir geleutert und das war wohl auch das Ziel des „Besuchs beim Regiment nebenan“.
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