Rainers Horen
Sonntag, den 03.05.2009 [13:33]
Punk – die erste erinnerbare Begegnung mit dieser bürgerschreckenden Alternativkultur ist 1975 in der Jenaer „Jungen Gemeinde“ angesiedelt. In der Rose war gerade Konzertpause (war es nicht die Jürgen-Kerth-Bluesband?) oder es waren vielleicht gerade wieder einmal genügend Körbe eingesammelt worden; jedenfalls war ich plötzlich im Nachbarhof in der Johannisstraße und dort war seit eh und je JG installiert. Damals hatte ich noch nicht den ESG-Drall und die JG war schon fast so etwas wie eine verbotene Organisation und ziemlich verrucht. Ich glaube, ich hatte wegen der Aufregung eine kleine Erektion. Also über den Hof und Treppe nach oben, immer dem Krach nach. Da standen in inmitten einer Meute (damals noch nicht wahrnehmbar kiffend) drei oder vier Besitzer von Musikinstrumenten und machten Einen auf lautes Anderssein. Die standen einfach nur inmitten eines größeren Pulks. Pogen ging da einfach nicht, war wohl auch noch nicht erfunden. Rückblickend auf dieses damals beeindruckende Ereignis und im Vergleich zur Bahndammparty an der Peutebahn hat sich nicht viel (weder formell noch inhaltlich) geändert. Es gibt einen gewissen begreiflichen Widerstand, sich an das „normale“ Leben der Stinos anzupassen. Ist ja auch wirklich schlimm, was da im Alltag abverlangt wird. Das persönliche Empfinden will sogar glaubend machen, dass früher alles wilder mit dem Punk war.

Die Location war OK, sie entsprach der Musik. Die Zuhörer saßen auf dem Bahndamm der Peutebahn, die Bühne war Standard. Fies war nur, dass die „Tanzfläche“ einen Buckel wegen dem Saalkabel hatte und deswegen die Punker beim „Tanzen“ ständig hinfielen. Wollten die das nicht gerade?

Diese genannte Peutebahn ist auf der Veddel. Für Nichthamburger: das ist das Wohnquartier, wo keine „Deutschen“ wohnen und Türken wegziehen wollen, weil zu viele „Ausländer“ wohnen. Veddel liegt malerisch zwischen Autobahn, Elbe und Eisennahnstrecke – also sehr verkehrsgünstig. Ureinwohner an der Wegstrecke: „He, Alda, hast kein Licht am Rad!“. Ok – hat er recht. Wenn es schnell zum Bunker in Hamm-Nord soll dann brauchts Kompromisse, manchmal auch auf der Taxi/Busspur über die Elbbrücke mitten in der Hamburger Einfallsstraße.

Toller Bunker und wer in solchen Überresten eines tausendjährigen Reiches noch nicht war, der kann nicht mitreden. Das Hochsteigen im Inneren hat schon etwas Beklemmendes. Es gibt nur lange, fensterlose Gänge, die mit schweren Türen und noch schwereren Ketten und Schlössern bestückt sind. Es geht eine Treppe nach der anderen nach oben und irgendwann steht eine Tür halboffen und die ¬Bunkerpolka hat dort ihren kleinen Probenraum.

Nach Eigenaussage des Kollektives ist das ganze Musizieren auch ein wenig Selbsttherapie, die Musik ist einfach nur mitreißend. Wenn schon eine Musikschublade abgefragt werden sollte, dann könnte man das alles als eine Funkyrockballade betrachten. Die kleinen miserablen Videomitschnitte sollen nur einen kleinen Stimmungseindruck und die kafkaeske, beklemmende Bunkeratmospäre rüberbringen. Es gibt systembedingt keine Fenster und auch überhaupt kann es schlimme Stimmung machen. Nach einige Sechslingen muss auch wieder einmal etwas nach draußen und schon kommt das nächste Problem. Wohin?

Also raus aus dem Bunker im Bunker und ins Treppenhaus. Da geht das Licht aus. Rufe von Drinnen: „Geh' einfach den Gang lang, dann kommt ein Schalter.“ Nach endlosem Tasten kommt tatsächlicher ein Knuppel an der Wand und nun ist es wieder hell. Allerdings ist hier immer noch kein Klo. Jetzt müsste man eine roten Faden oder zumindest eine Tüte Erbsen bei sich haben! Vier Etagen nach unten und um einige Ecken gelaufen kommt dann endlich das WC. Die ehemals laute Musik ist nur noch von Ferne und sehr verhallt zu erahnen. Verschiedene Gänge gehen jetzt hier ab. Die ganze Situation erinnert an fast vergessene Kafka-Geschichten, die vom aussichtslosen Versuch des Kampfes gehen die Wirklichkeit berichten. Da war doch noch die Zeitschaltung. Also flugs den nächsten Taster erspäht und den Zeitkreis erfrischen – geschafft! Was heiß hier geschafft? Ja, hell ist es wieder für eine Zeit, aber die Funkmusik wird immer schwächer.

Die Gänge ähneln sich sich auf fatale Weise. Der Verstand sagt, dass ein Backtracking in Richtung ansteigender Lautstärke in die Irre führen kann. Also geht es erst einmal drei Stockwerke nach oben. Tatsächlich wird die Musik lauter und plötzlich kommt mir auch der typische orientale Partybrodem entgegen. Hurra, ich bin wieder bei der Bunkerpolka.

Ein fatales Problem hat sich die Fuji-Kamera im Zusammenspiel mit SDHC-Speicherplättchen offenbart. SDHC sind meist blauen Speicherdinger ab 4 GB: das darauf laufende Ordnersystem FAT32 kann nur Dateien bis 2 GB verwalten, also maximal zwei Filme à ca. 35 Minuten. Nun bestand bei mir der Glaube und die Hoffnung, dass die Kamera auch größere Filme aufnehmen kann, indem sie einfach nach 35 Minuten die Datei schreibt und dann eine neue anlegt, in der dann die nachfolgenden Filmsequenzen abgespeichert werden. Dem ist nicht so! Es passiert Folgendes: läuft die Aufnahmezeit über die magische Grenze, dann wird überhaupt nichts aufgenommen und die Bilder, die vorher gemacht wurden sind, sind auch weg. Deswegen gibt es jetzt hier keine Podcasts von ARGE Killer, IntoFuckingOblivion, Toxikokinetic und schon gar nicht von Neue Katastrophen. Besonders schmerzlich sind auch die verloren gegangenen Bildsequenzen vom Dixiklo direkt neben der Bühne. Zu schade aber auch. allerdings gibt es jetzt noch einen kurzen Ausschnitt aus einem der Punkkonzerte:



Viel Spaß beim nostalgischen Zuhören!
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Sonnabend, den 02.05.2009 [17:16]
Tatsächlich kamen hier jetzt offline Fragen vorbei, warum die Horen nicht mehr gefüttert werden. Der Mai ist gekommen und viel Fleiß fließt in den ¬Geoblog, der in der letzten Woche gebaut wurde und nun weiter und weiter wächst und gedeiht.

Zugegebermaßen macht es auch viel mehr Spaß, dort zu schreiben. Er ist von der Handhabung noch einfacher als in diesem klassischen Blog und hat eben auch viel schönere Möglichkeiten.

Ein gewöhnlicher Blog aus der Adenauerzeit wird eigentlich nur über den Zeitablauf strukturiert – zuweilen gibt es auch eine thematische Sortierung und dann ist der Blog schon fast eine gewöhnliche Webseite mit seinem Baummenü.
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