Rainers Horen
Sonntag, den 31.05.2009 [22:40]
Am gestrigen Pfingstsamstag begann bei schönstem Wetter die Konzertsaison im Stadtpark. Auftakt war die Alte-Säcke-Band ZZ Top. Dementsprechend war auch das durchaus der älteren Generation zuzurechnende Publikum bestückt.

Das Konzert sollte 19:00 Uhr beginnen, so waren wir also schon um 5 auf dem Grünstreifen vor dem Eingang. Das war eine sehr gute Idee, weil schon innerhalb kürzester Zeit der gesamte Platz voller Fans war, die sich es gut gehen ließen. Das Catering war vortefflich. Neben dem offiziellen Bierladen, der das Vordentüenhören quasi legetimierte, war auch Kleinstunternehmer unterwegs. Da gab es gekühltes Astra aus einem umgebauten Fahhrad und irgend etwas in kleinen Tüten ging für zehn Euro über den Tresen.


Wann genau ZZ Top loslegte, ist schwer zu sagen. Irgendwie klang die stundenlange Konservenaufwärmmusik nicht viel anders als die bärtigen Herren der Sechsziger. Letztlich ist es auch egal, die Stimmung und die Gemeinschaft ist entscheidend.

Nach dem Nachhausekommen dröhnt und kichert es laut vernehmlich aus dem dritten Stock. Ein Anschlag im Treppenhaus bettelt um Verständnis. Es sind die wenigen Momente in unserer Gesellschaft, in denen noch handschriftliche Zettel im Gebrauch sind. Noch in den Fünfzigern war Graphologie eine Wissenschaft und danach war die Lehre von der Handschriftinterpretation Teilfach der Psychologie. Heute wird das als unwissenschaftlich abgetan. Das ist schon seltsam, werden doch wesentlich kapriziösere Zusammenhänge – beispielsweise mit der zufälligen Konstellation irgendwelcher gigantischer Felsbrocken, die sehr weit weg von uns endlosen Weltraum schweben.

Jedenfalls lässt sich doch aus der Schriftprobe einiges entnehmen: der Duktus weißt eindeutig auf eine (blonde) Schreiberin hin, sie hat dem karierten Papiere getrotzt und dennoch sehr geordnet die Zeilen gestaltet. Sie hat Blockschrift verwendet, was darauf hindeutet, dass sie von ihrem Inneren nicht preisgeben will. Die Blockschriftdisziplin endet am Ausrufezeichen. Die Sätze „Ich bitte dafür um Ihr Verständnis.“ und „Mit freundlichen Grüßen“ sind offenbar ein Rückfall in die Gewohnheitsschrift. Es ist der Text, der nicht im Zusammenhang mit der fröhlichen Party steht, sondern sich direkt an die Mitbewohner wendet.

Der Schriftstil ist sehr aufrecht, es gibt kaum eine Schrägneigung. Einzelne Buchstaben sind im Sinne von Kashida sehr raumgreifend und sparen nicht mit dem Platz. Auch das beweist den großen inneren Drang zur Selbstkontrolle gepaart mit nach außen gestellten Selbstbewusstsein. Sie möchte ungern Gefühle zeigen und ist sehr kontrolliert.

Der Schwung gerade in den Unterlängen zeugt von großer Vitalkraft, was ein etwas antiquiertes Wort für Libido ist. Zusammengefasst ist die Schreiberin wohl eine wilde Sau, die das gut zu verstecken glaubt. Schrift ist eben erstarrter Körperschwung und kann vieles aufdecken.

Inhaltlich geht es um eine Weiberfeier, die hier als Strohwitwenabschied bezeichnet wird. Einer Feierart, die es so nicht gibt. Es gibt den Junggesellenabschied. Das ist eine abgewandelte Form des Polterabends. Beim Polterabend trifft man sich (uneingeladen) vor der Hochzeit, um sich von der Freiheit zu verabschieden. Beim Junggesellenabschied feiert man getrenntgeschlechtlich. Das Wort wird für beide Geschlechter gebraucht. Eine Strohwitwe ist eine Frau, die zeitweilig unbemannt ist, weil der Gatte auf Montage oder sonstwie außerhäusig schläft. Die Nachbarin meint wohl die weibliche Form des Junggesellenabschiedes und möchte das angeblich diffamierende Wort Jungfrauenabschied nicht nutzen.
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Freitag, den 29.05.2009 [18:36]
Vorgestern war ein echter Männerabschrecktag. Mittlerweile muss ich nörgelnden Frauen beipflichten, die sich über die Sonderbarkeit der Männer echauffieren. Es begann mit einer Einladung zum Grillen bei einem Kumpel eines Freundes, der im Norden der Hansestadt wohnt. „Nach der Brücke links und dann zweimal rechts“ – so lautete die Findehilfe. Ist natürlich schwierig. Nach einigen jähen Kurven fanden wir es tätsächlich: ein kleines Häuschen in einer entsprechenden Straße, in der weitere solche Objekte, die das offenbare Ergebnis jahrelanger Bastelarbeit sind. Gleich auf dem Nachbargrundstück wohnt eine Messie. Das ist unschwer am total zuhemüllten Hof und Garten zu erkennen. Es gibt eben Menschen, die nichts wegwerfen können. „Unser“ Grundstück ist eine Baustelle, kein Grün weit und breit. In infernalischer Gestank, erst als Körpergeruch gedeutet, erweist sich als Ausdünstung eines ungeleerten Mülleimers. Das soll auch fürderhin der Hintegrundduft beim Grillen sein. Zuerst müssen wir die Neuerwerbung des Hausherren bestaunen. Da steht sie nun: eine Kawasaki mit x PS usw. „Lass sie mal an, mal hören, wie sie klingt.“ Ein nerviges Motorradgeräusch – nicht weiter. Gleich danach kommt das Schwärmen von Geschwindigkeiten, von gewagten Manövern und dann kommt eine besonders männlicher Typ aus Schweden ins Spiel, der wirklich unverantwortlich viel wagt. Bei ¬YouTube gibt es massenhaft Beweise für seinen Wagemut. Als Referenz wird unten immer der Tacho eingeblendet, so dass der Zuschauer immer im Bilde ist. Gut ist ja nur, dass sich diese Fahrer auf natürliche Weise von selbst dezimieren und damit der Organtransplantation neues Material liefern oder dass die Ehefrauen (falls vorhanden) das Treiben endgültig verbieten. Es mag ja sicher Spaß machen, sich über alle juristischen Gesetze und die Regeln der Vernunft hinwegzusetzen, aber leider werden durch die eigene gelebte Freiheit Zeitgenossen arg bedroht. Juden feiern gerade heute ihr „Fest der Gesetzefreude“, das analog zu Oster/Pfingsten auch genau 50 Tage Abstand zu Pessach hat. Pessach feiert die Befreiung des jüdischen Volkes aus der Knechtschaft uns Sklaverei, Schawuot thematisiert die geistige Befreiung der Menschen. Freiheit ohne Beschränkungen ist dann reinste Herrschaft des Stärkeren. Leichte Andeutungen dieses Systems erleben wir gerade. Gesetzt und Freiheit bildet also eine dialektische Einheit, so wie Fleisch und Geist. Die jüdische Sekte der Christen feiert übrigens auch mit 50 Tagen Abstand die fleischliche Auferstehung (Ostern) und dann später die geistige Variante zu Pfingsten.

Nachdem nun die unzähligen ferigmarinierten famila-Steaks mit Kartoffelsalat aus dem Plastikeimerchen verdrückt wurden, ging es im Haus mit dem Bewundern der männlichen Technik weiter. Die ganze Stube war mit schwarzen und silbernen Flachkästchen mit Schnüre dran angefüllt. In der Mitte prangte einer dieser modernen Goliatbildschirme. Zuerst durften wir die augenpestverursachenden 300 Angebote bestaunen, die auf verschiedenste Wege das gemütliche Wohnzimmer erreichten. 700 Pixel in der Breite ist ja auch wirklich schlimm! Dann kam aber auch gleich die Erlösung in Form mehrerer Autorennen, die eine sogenannte „Playstation“ auspuckte. Tolle Farben und Effekte. Die hereinschneiende und rauchende Frau des Hauses verdrehte schon die Augen – sie kannte des nervige Geräusch schon. Der Hausherr rauchte auch und den beiden hat das nicht wirklich gestört, dass ihr kleines Baby im Raum war. Na, wenn es mit Tsatsiki gefüttert wird, schadet das bißchen Rauch auch nicht mehr.

Trotz ostenativ abwehrender Blicke musste ich auch irgendwann einmal dieses Ding in die Hand nehmen und einen Wagen meiner Wahl steuern. Warum sollte ich in dieser Richtung Energie verschwenden – fehlen mir da gewisse Gene?



Als ob das nicht alles schon genug wäre. Einmal im Monat ist dieser berühmt-berüchtigte TYPO3-Stammtisch. Bin ja von Barbara gewarnt worden. Tatsächlich lagen wieder alle handschmeichelnden Geräte auf dem Kneipentisch und das einzige Thema war Twitter, wie geil das doch sein. Wir wissen: „geil“ ist die Sprache der alten Säcke. Die Jugend nennt es zur Zeit porno. Das ist das Gegenteil von schwul und ist durchaus positiv konotiert. Das Wort TYPO3 fiel den ganzen Abend nicht einmal. Die Herren waren auch durchaus tätowiert ... vielleicht war das doch der falsche Stammtisch?

Mittlerweile befindet sich das iBüro an der Livotto-Eisbude direkt am Eingang von „Planten un Blomen“. Auch nett.

Das ist auch Hamburg: während die einen das große Glück haben, in klimatisierten Kontoren in Teammeetings bei Kaltgetränken ihrer Wahl verharren zu dürfen, müssen die anderen Tagediebe ihren Tag unter freiem Himmel verbringen. Die hölzernen Sessel bringen da nur geringfügige Marscherleichterung.



Für die hiesige Radlerpostille „RadCity“ muss wieder einmal ein Artikel mit 2000 Anschlägen her. Eine schwache Minute der durch Sekt getrübten Aufmerksamkeit hat es mir eingebrockt. Thema ist wohl „Wege finden“. Fangen wir mal spontan an:

Aromaverkäufer auf dem Isemarkt: „Was hast Du denn da für ein Ding an Deiner Brust baumeln?“ Ich: „das ist so ein Navidings für Großstadtindianer, damit ich nicht vollends verloren gehe.“ Er nun wieder: „Zieht das nicht die Strahlung an? Ich habe gehört, dass man davon Star bekommt.“ Ich: „“Hm. also wenn ich nach Poppenbüttel radeln möchte, dann fühlt das der Hamburger Vorort und kommt mir etwas entgegen … Koppekn wir uns mal aus der Diskussion über Wahrheit, Soheit und Grundprinzipien humanistischer Kommunikationspsychologie aus und beschränken uns darauf, was so ein batteriebetriebenes Kästchen so mit uns macht und wie es unsere Aufmerksamkeit binden kann.



Um es vorneweg zu sagen: der Besitz und Gebrauch solch eines Wanderer-GPS ist in der Großstadt genau so notwendig wie eine DSL-Flat oder Franzbrötchen. Nett zu haben. Nun ist das Ding irgendwann nach reiflicher Überlegung beim Outdoorapotheker am Barmbeker Bahnhof gekauft und nach dem Auspacken stellt man fest, dass da jetzt das entscheidende Kartenmaterial fehlt. Jetzt müsste man nochmals den gleiche Preis wie für das Gerät ausgeben. Das schreckt ab. Nun leben wir nicht mehr in der Generation „Golf“, sondern sind in der Generation „Download“ angekommen und jeder halbwegs pfiffige Mensch weiß „Da geht was.“ Tatsächlich ist der Markführer ins diesen Dingen recht plietsch und so ist eine pekuniäre Abkürzung nicht möglich.



Allerdings gibt es eine ältere Version der topografischen Variante noch nicht registrierungspflichtig und nach einigen Mühen erscheint auf dem Display das Wasser- und Wegenetz Hamburgs und auch Restdeutschlands. Die gute Nachricht: seit einiger Zeit gibt es eine auf dem Wikiprinzip basierende Karte, die völlig gemeinfrei ist und deswegen auch ohne schlechtes Restgewissen benutzt werden darf. Das Kartenmaterial ist zwar zur Zeit noch nicht routingfähig, aber einen geschenktem Gaul … Etwas knifflig ist es, wenn man mehr als eine Karte im Gerät haben möchte. In größeren Städten wie Hamburg oder Straßburg ist natürlich die OpenStreetmap einfach die bessere Wahl, aber auf dem flachen Lande (wie beispielsweise auf Rügen), muss man dann doch auf die Topokarte umschalten. Auf dem (ostdeutschen) Dorfe gibt es offensichtlich noch nicht genügend GPS-Enthusiasten, die die Wege abradeln. Das Garmin kennt nur eine Karte und so muss der Bastler mit einem Programm seine Topo mit der OSM „verheiraten“. So ein bißchen im Netz nach „merge IMG“ gurgeln und man wird schnell fündig.

Nach diesem Vorgeplänkel kommen wir nun zur Frage: wozu in Teufels Namen braucht der großstädtische Radler eine Navi? Die Antwort: das Teil ist eigentlich überflüssig. trotzdem möchte ich es nicht mehr missen. Also, wenn ich zu einem Kunden nach Altona oder in die Innenstadt fahre, brauche ich es nicht – das ist klar. Aber am Wochenende, so nur zum Spaß, da hänge ich mir das kleine Ding gerne um den Hals. Apropos „Hals“. Ich warne ausdrücklich vor der Lenkerhalterung. Es gehört schon ein sehr großes Maß an Selnstdisziplin dazu, das Ding nicht zu vergessen abzunehmen. Eines montags kam ich früh morgens zum Rad und da war das Helferlein noch am Lenker. Das war die gute Nachricht. Der Schreck saß tief.

Wochenende ist Radausflugtag. Nicht immer möchten mir im großen Pulk im Rahmen des ADFC fahren und so führt uns das kleine Teil durch völlig neue Stadtteile und zu neuen Erlebnissen. Wir picken uns ein attraktives Ziel heraus. Oft ist es ein Café oder eine Ausflugsgaststätte. Nehmen wir mal zur Illustration das Wiener Café in Volksdorf oder den Deichgraf in Finkenwerder. Wir tippen dann die Position ein und ab geht es quasi per Luftlinie. Falls uns ein Grundstück im Wege ist, zeigt das Navi an, ob es links- oder rechtsrum günstiger ist. Es ist unglaublich, was es für Ecken in Hamburg gibt und was für schrille Mitbürger man kennenlernen kann!

Der Schreiber dieser Zeilen ist nicht nur begeisterter Radler, sondern auch Web-Programmierer. Von irgendwoher muss das Geld ja herkommen. Wenn es einmal passt, befestige ich mit einem Gorillastativ eine Digicam am Lenker und mache fortlaufend Photos. Das GPS läuft parallel mit. Da es kaum hochwertige Kameras mit GPS und kaum GPS-Geräte mit anspruchsvoller Kameratechnik gibt, greifen wir zu einem Trick: wir synchronisieren nachträglich mittels der Zeitstempel beide Welten. So lassen sich dann automatisch die vielen Bilder einer Google-Map-Karte zuordnen und es ergeben sich nette Spielereien, die am Schluss dieses Artikels (also hier) verlinkt sind.


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Donnerstag, den 28.05.2009 [11:52]
So ein Tag in der Gertigstraße (weiland „Bermudadreieck“ genannt) vergeht kurzweilig und doch auch angenehm entspannend. Er beginnt mit einem aufmunterndem Galão aus Fatmas genialer Maschine und geht dann nahtlos ins Iworking© über. Eine einblättrige Webseite soll in TYPO3 reingepresst werden. Das ergibt auch irgendwo einen Sinn, weil es was von sich hermacht und die Kundin die beiden Sätze selbst verändern kann. Wie heißt so schön der Leitspruch von TYPO3: „Klein beginnen und groß wachsen können.“

Zwischendurch ergibt sich in der Mittagspause eine lukratives Fotoschuhting mit Saskia im benachbarten ¬Klamottenladen. Danach werden die Bilder bei einem zweiten Galão nachbereitet und in die Seite eingearbeitet.


So vergeht auf angenehme Art und Weise unter blühenden Einblättrigen Robinien auch noch der sonnendurchstrahlte Nachmittag.
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