Rainers Horen
Sonntag, den 08.11.2009 [23:43]
Das deutsche Kulturem „Bitte“ hat mindestens zwei Bedeutungen: einmal als Entgegnung für ein Dankeschön oder als Wort, das eine Anfrage mit offenem Ausgang unterstreicht. Beispiel: da bekommen ich im Biergarten von der dunkelhäutigen Tresenkraft ein volles Glas Bier rausgereicht, da sage ich brav: „Danke“, dann entgegnet die dunkle Schönheit auf 400€-Basis: „Bitte!“. Oder ich gehe zu einem Bürokollegen und sage: „Schließe bitte das Fenster!“

Das war gestern. Im ersteren Beispiel heißt das heute allfällig: „Gerne“ oder eben als grandiose Steigerung: „ … von mir aus sehr gerne!“. Ich zweiten Fall: „Mach das Fenster zu – Danke!“. Wie wir sehen, ist das kleine Worte Bitte, auf das wir allzugerne unsere schutzbefohlenen Zöglinge trimmen wollen, völlig obsolet und ist längst ersetzt. Das mit dem Ausdruck des Gernehabens ist selbstverständlich mit dem alten Ausdruck ebenbürtig und hat auch etwas. Ganz anders ist das mit dem vorgezogenen Danke. Während der Satz: „Öffne das Fenster – bitte!“ ergebnisoffen daherkommt und dem Adressaten lediglich eine wohlwollende Entscheidungsvariante vorgibt, nimmt: „Mach das Fenster zu – Danke!“ die Entscheidung schon vorweg und schlimmer noch, der Spruch suggeriert dem Fensterschließer, das er blöd sei und es nicht merke … Auf gleichem Niveau ist auch der Ersatz für „Wie bitte?“ zu „Nochmal!“.
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Sonnabend, den 07.11.2009 [23:32]
Das Formularprojekt geht dem unausweichlichen Ende zu. Das ist dann immer die Zeit, in der sich der Macher wunderbar in Impulsvermeidung üben kann. Das ist die Zeit, in der die Gattin des Auftraggebers sich ihrer jugendlichen Grafikausbildung erinnert und nun auch mal was sagen möchte. Ich schlimmsten Fall zerschnippelt sie die Hardcopy und fügt sie neu zusammen. Letztlich werden all die wohlüberlegten Maßnahmen, die dazu dienen, solch einen Formular den Schrecken zu nehmen, die der Datenqualität dienen und die die Handhabbarkeit verbessern, unbarmherzig rausgestrichen. „Machen Sie es so wie in dem vorgegebenen Worddingsbums.“ Ist schon traurig, was heute so der Maßstab ist. So wird alles kastriert, was dem Formular das Elend eines Sozialhilfeantrages nimmt. Vielleicht ist das ja auch alles so gewollt, immerhin nehmen ja Advokaten eine besondere Stellung in unserer Gesellschaft ein.

Als energetischer Ausgleich kommt jetzt und hier die weggestrichenen Funktionalitäten zur Erfassung des Unfalls. Kennzeichen und Postleitzahl sind mit Selbstergänzung ausgestattet. Das erleichtert schon …

Es ist letztlich ein immer wiederkehrendes Problem: die mangelnde Nachhaltigkeit derartiger Webprojekte entsteht immer wieder durch fehlende Kommunikation. Bei solchen Projekten sollte sich der Auftraggeber mit dem Macher zusammensetzen. Dann erzählt der Geldgeber was sein Problem ist und dann kann in gemeinsamer Diskussion eine Lösung gefunden werden, die das Budget nicht sprengt und dennoch viel Spaß macht. Wie sieht die Soheit aus? der Auftraggeber faxt ein Worddokument, auf dem zweierlei ersichtlich ist. Nämlich 1. was MS-Word so eine Vorstellung von Formulare hat und 2. die EDV-Erfahrung einer Büroangestellten Um eimal ei Gleichnis anzubringen: ein Bierkutscher hat gehört, dass es jetzt Autos gibt und beauftragt eine Autowerkstatt ihm eines zu bauen. Dann darf natürlich eine Deichsel nicht fehlen und leider fehlt dann auch der Vergaser für den Motor.

Überflüssig zu erwähnen: die mühevoll erfassten Daten sollen nicht etwa automatisch in das vorhandene Mandantenverwaltungssystem importiert werden, sondern werden per eMail verschickt und dann ausgedruckt. Die Rechtsanaltsgehilfin tippt das dann wieder brav ein. Das ist so – Kontordenke des 19. Jahrhunderts.
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Freitag, den 06.11.2009 [10:48]
Der Herbst ist immer auch die Zeit des Schnupfens, des Hustens und der Heiserkeit. Was kann einem so ein Allgemeinarzt schon Neues sagen (außer: „schonen Sie sich und nehmen ie Hausmittel“), aber das Pflichtbewustsein treibt dann doch in die Fänge der Götter in Weiß.

In der Jarrestadt gibt es eine türkische Ärztin und warum soll man nicht die Hand der Völkerverständigung über den Balkan reichen? Das Wartezimmer ist nicht wirklich voll und so komme ich recht rasch in den inneren Zirkel. Die Hausärztin am Jenaischen Magdelstieg schaute in ihrem wirklich dunklen Behandlungszimmer wenigstens noch in den rachen, aber die nette Türkin übersprang gleich nach meiner Symptomschilderung die Kurzuntersuchung und legte gleich nebiges Blatt vor. Das soll wohl meinen Geist ansprechen. Es ging dann noch um meine Kindheit, die Chakren und um allgemeine Energieflüsse. Dier Diagnose ging in Richtung ganz schlimmer Sachen, die ich hier nicht erwähnen möchte. Das baut auf und widerspricht dem Klischee des mehr schlichten Hausarztes.
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Dienstag, den 03.11.2009 [12:54]
In Abwesenheit haben sich die Baumhaseln im Novalisweg entlaubt, so dass jetzt freie Sicht auf die andere Straßenseite ist. Da heißt es tapfer sein. Auch die „Arbeit“ fordert Einiges ab.

Eine süddeutsche Kanzlei möchte gerne die modernen Medien nutzen, um den Mandanten das Leben noch mehr zu verschönern. Deswegen soll es ein interaktives Meldeformular für Verkehrsunfälle]], aber auch für eine Onlinescheidung geben. Wenn also ein Verkehrsmissgeschick nun mal passiert ist, kann das Opfer sogleich Kontakt aufnehmen. Gleich im ersten Punkt kann er die Adresse des Unfalls angeben und zugleich wird der Punkt auf der Karte gezeigt. Nun kann er den Pinnökel präzisierenderweise verschieben. So ist genau dokumentiert, wo der Unfall geschah. Leider muss dieses und weitere Bedienelemente, die das garue Formular etwas auflockern, wieder raus – es ist zu kompliziert zu bedienen. Hatte nicht auch der große Typograph des 20. Jahrhunderts Adrian Frutiger solche zu Traurigkeit treibenden Erlebnisse des Sieges des Mittelmaßes?

Es sind über 60 Punkte, die da erfasst werden sollen. Das sind schon einmal alle Daten (einschließlich Fax- und Versicherungsnummer) von allen beteiligten Versicherungen. Da hat derjenige echt zu tun. Alle Punkte sind Pflicht und riote Fehlertexte werden lange narren. Apropos: auch im OnlineScheidungsMacher geht die Post ab. Das Formular mit den 80 Feldern sollten sich alle Liebestollen und Heiratswütige „mal reinziehen“. Da klappt sich einiges auf – besonders, wenn Kinder im Spiel sind …
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