Rainers Horen
Sonnabend, den 01.05.2010 [22:32]
Eine gewisse, fast schon friedhofshafte Ruhe liegt über der Hansestadt. Grund ist der heutige Feiertag, den ein Gefreiter aus Brauau in Deutschland eingeführt hat. Die Gewerkschaften nutzen den Tag, um ihrer Rolle als Fürsprecher der Lohnarbeiter gerecht zu werden. Was die wollen ist klar: mehr Geld und höhere Arbeitsplatzsicherheit. Hätte ich auch gerne, wird aber wohl nicht gehen. Das muss sich wohl jeder selber gestalten und nicht solchen Berufsrevoluzzern überlassen. Vo einer besseren Welt träumen darf man dennoch. Und auch von einer Kraft oder einer Person, die die Lebenswirklichkeit etwas erträglicher macht.

Träumen von einer besseren Zukunft kann auch das junge türkische Paar, das heute in der Jarrestadt mit sprichtwörtlich viel Tamtam geheiratet hat.


Das sehr schlagzeuglastige Tamtam hat die türkische Band ¬Yavuz Karde?ler verbreitet. Durchaus nett, vital und impulsiv und auch die Nachbarn hatten etwas davon.

Leider bastelt die Nikon eine miserable Audioqualität. Es ist also in diesem Falle angeraten, den Lautsprecher leise zu drehen. Schon wegen dieses Schlamassels ist die Videofunktionalität völlig unbrauchbar. Da hilft auch keine HD-Qualität im Videobereich, zumal auch keine externe Audioquelle (beispielsweise Funkmikrofon) anschließbar ist. So ist die Videofunktion dann doch mehr ein Marketinggag.
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Donnerstag, den 29.04.2010 [20:13]
Leichtfertig hingeworfene Ideenfetzen können ungeahnte Folgen haben. Vor einigen Wochen in der RadCity-Sitzung hatte ich die Idee eines Artikels über Diensträder in Zuchthäusern geäußert – eigentlich nur um die langweilige und -atmige Stimmung aufzulockern: und schwupp habe ich morgen einen Interviewtermin in der JVA Billbrock. Der Termin war selbstredend nicht einfach zu bekommen. Auch der Objektleiter (ode wie das in dem neuen System heißt) hatte ein Wörtchen mitzureden. Perso muß mit, Händy sollte nicht mit – so die sicherheitstechnischen Vorgaben. Selbst Photos darf ich machen. Allerdigs nicht von den Bediensteten oder schon gar nicht von den Schutzbefohlenen. Wäre ja auch noch schöner!



Hamburg hat drei offizielle Justizvollzugsanstalten: Fuhlsbüttel, Hahnöfersand und Billwerder. Diensträder gibt es nur im letzteren „Zuchthaus“. Schade eigentlich, gerade die Gefängnisinsel in der Elbe wäre sinnstiftend, schon weil das ein Frauengefängnis ist, aber leider liegt der Fokus auf Diensträder in Billwerder. Mit dem Rad braucht man vom feinen Winterhude bis dorthin eine geschlagene Stunde. Die JVA ist im Eck zwischen Bundesautobahn und der Hamburg-Berliner Eisenbahnstrecke gelegen und hat nur wenige hundert Meter Luftlinie bis zum IKEA-Einkaufsparadies. Eine Tatsache, die die Insassen nicht sonderlich interessieren dürfte. Die Anstalt macht schon von weitem einen grundsoliden Eindruck. Der Besucher sieht einen riesigen Außenzaun, darin einen Wassergraben und dann eine Betonmauer, die mindestens so hoch wie die Mauer in Israel ist. Allerdings ist die Billwerder Mauer nicht so perforiert  …



Es gibt eine klitzekleine Eingangspforte. Wie von Geisterhand öffnet sie sich. Komme ich hier wieder heil raus oder werde ich Opfer einer Verwechslung oder eines Befreiungsversuches? Ein mulmiges Gefühl bleibt. Also ein Fengshuiberater war hier nicht am Werke oder vielleicht doch. Kommt ja alles auf Anlass, Anliegen und Zielgruppe drauf an. Der Eindruck ist jedenfalls verheerend. Hinter der Eingangspforte kommt erstmal die DMZ in Form des Besucherempfangs- und -abfertigungsbereiches. Auf der Seite „Besucher“ stehen sie heißen Bräute, die ihre „verbrecherischen“ Liebhaber sehen wollen (ob da auch mehr geht – die Frage drängt sich auf ). Sind übrigens überwiegend Türkentussies oder sehen so aus. Ist das noch politisch korrekt? Auf der Seite „Personal“ komme ich gleich ins Gespräch und darf in den Warteraum, in dem liebevoll gefertigte Grillroste ausgestellt sind. Sind also nur kaufbar, wenn der Griller jemanden im „Knast“ kennt. Ist übrigens bei dem Grillpersonal auf der großen Wiese des Stadtparkes nicht unwahrscheinlich.

Liebhaber von Frauen in Uniformen kommen voll auf ihre Kosten. Ist schon schick diese strengen, praktischen Frauenteile mit der kargen Aufschrift JUSTIZ. Ist aber heute (wie schon erwähnt) nicht das Aufhänger, sonderndie Nutzung von Diensträdern in Hamburger Betrieben. Immhin sind wir hier in einer ambitionierten Radfahrerzeitschrift und nicht beim Bauer Verlag.



Die Anstalt hat zwei Sorten von Rädern: normale Diensträder, die für die Verrichtungen innerhalb der Betriebe gebraucht werden. Diese Teile darf ich anfassen und ablichten und sogenannte „Nacheileräder“, die für eventuelle Ausbrüche vorgesehen sind. Leider bleiben die geheim. Vielleicht sind die 007-mäßig ausgestattet oder haben Atomantrieb oder die gibt es gar nicht und dienen nur als Drohgebärde …



Die Normalo-Räder haben ein schlichtes Äußeres und könnten beinahe schon als Fixies durchgehen. Sie haben kein Licht oder erst recht gar keine Schaltung und sind vor Jahren nach einer Ausschreibung angeschafft worden. Ungefähr zwei bis drei Bedienstete teilen sich ein Rad und eine zentrale Werkstatt sorgt sich für die Instandhaltung. Diese Radwerkstatt hat eine sehr liebevolle Ausstattung und ist auf das perfekteste aufgeräumt und auch sauber. So wünscht man sich das öfters. Hier scheint die Zeit stillzustehen und überhaupt keine Bedeutung zu haben. Das Rad für die Schlosserei, wo die kaufbaren Griller zusammengeschweißt werden, hat einen riesigen Maulschlüssel als Zierde. Im Anschluss der Besichtigung der „Betriebe“ kamen dann noch die „Häuser“, in denen die Insassen leben. Es soll wohl Fenseher und Spielekonsolen geben. Aber dennoch verbreitet die Anlage eine verheerende Stimmung. Ein Kaffee und ein paar Plätzchen aus der Keksdosse im Büro des Betriebsleiters stellen wieder ein bürgerliches und gemütliches Gefühl her. Am Ausgang wieder das Handy aus dem Schließfach genommen bin ich froh, nun wieder draußen zu sein.
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