Rainers Horen
Sonnabend, den 18.09.2010 [16:14]
„Übel und Gefährlich“ – das ist nicht der Titel eines neuen russischen Romans, sondern eine angesagte Location in Hamburg, die sich im Hochbunker auf St. Pauli befindet und da war gestern und heute noch das ????-Projekt angesagt. In der Reichshauptstadt firmieren solche Veranstaltungen unter Russendisko. Bevor es ab Mitternacht mit wilder Skamusik abging, war erst einmal Hochkultur in Form von zwei Dichterlesungen angesagt. Der zweite war ein sogenannter erfolgreicher Bestsellerautor – schweigen wir darüber, aber der erste war ein echter Knaller. ???????? ?????????? ??????? hat einem staunenden Publikum aus seinem neuesten Roman „Zuckerkreml“ vorgelesen. Es ist eine Fortsetzung seines Werkes „???? ?????????“ von 2005 und deswegen auch wieder eine düstere Antiutopie Russlands Zukunft. Russland hat sich von einer Mauer umgeben und hat im Inneren eine starkes Machtsystem installiert. Die Protagonisten seinens Zuckerkremls sind Helfershelfer der obersten Machtschicht. Ob das nun eine Zukunftsvision oder doch schon die russische Soheit ist – es bleibt ein Rätsel.

Für die gesättigten und freiheitsverwöhnten Leute aus Hamburg ist die Lesung eines russischen Systemkritikers dem Anscheine nach „nur“ ein kulturelles Event in einer langen Folge derartiger Belustigungen und ein wenig gruselt es auch angenehm. Nebenbei kann dazu der Durst mit Bionade gelöscht werden. Im Gegensatz dazu ist das Thema für den Pisatjel Wladmir Sorokin wohl bitterer Ernst. Die Frage der Moderatoren nach der politischen Situation der Schriftsteller in Russland beantwortet er klug mit dem Hinweis, dass es der schreibenden Zunft im Gegensatz zum Fernsehen immer noch gut ginge und das sein Hiersein in Hamburg auch ein gutes Zeichen wäre. Diese ganze Antworten kamen alle sehr zögerlich und (wie es schien) wohldurchdacht. Seltsamerweise kam es vorerst zu keinen Fragen aus der Zuhörerschaft. Und dann doch: wir haben uns erhoben, zwei Fragen angekündigt und alle plötzlich und bescheiden die ganze Aufmerksamkeit des Saales auf uns gelenkt: die erste Frage zielte auf die gefühlte Freiheit im heutigen Russland, sich beziehend auf die Zeit vor Putin und warum sich Russen das gefallen lassen – an den sarazinschen Genen wird es vermutlich wohl nicht liegen …

Letztere Frage konnte Wladimir recht rasch beantworten. Er verwies auf das starke Beharrungsvermögen solcher Mentalitäten und auf die Jugend, von der schon immer ein gewisser Optimismus ausging. Die erste Frage zur gefühlten Freiheit ist natürlich nicht nur für ihn schwierig zu beantworten. Brecht hat das in seinen Flüchtlingsgesprächen so dargestellt:
Ein Ausländer kommt geschäftlich nach Deutschland und fragt nach längerem Kontakt leise: „Wie fühlt man sich hier in dem System?“ Und der Deutsche schnappt sich den neugierigen Fragesteller, läuft mit ihm durch die Großstadt, nutzt U-Bahn und Hinterhöfe um ihm dann in der Wohnung unter der laufenden Dusche zusagen: „Ja, ganz in Ordnung.“

Sorokin konnte keine Dusche einschalten (???? ??????????!) sondern wollte und/oder sollte zu diesem Thema etwas sagen. Die Russen würden entweder in der Vergangenheit leben oder auf eine Zukunft vertrauen. Die Gegenwart kommt oft zu kurz. Er verwies wieder auf die Jugend, die doch schon ein neues Verständnis des Wortes Freiheit hat.

Nach einer offenbar nachdenklichen Pause spricht er uns direkt an. Wir Deutsche hätte nach 45 die Leiche der Nazi-Diktatur mit Hilfe von verschiedenen Freunden recht rasch beseitigt, aber in Russland liegt diese Leiche seit den Neunzigern rum und verwest langsam. Das kann noch lange dauern bis der Gestank verschwunden ist – oder es gibt ein den Leichnam verschlingendes Erdbeben.

Russland lebt (so ähnlich wie auch China) im Zwiespalt zwischen Freiheit und nationalem Selbstwert. In dem Moment, in dem in diesen Ländern eine Freiheit im westeuropäischen Sinne herrschen würde, würden diese Länder zerfallen. Gerade im Reich der Mitte ist jede Kritik an China tabuisiert. Der Spruch, dass es dem Arbeitnehmer gutgeht, wenn es dem Chef gutgeht, hat sich dort verselbständigt. Ein wenig ist das auch in Russland so. Der Patriotismus ist stärker als persönliche Wünsche ans Leben.

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Freitag, den 17.09.2010 [16:37]


Heute war wieder so ein sinnentleerender Tag. Es geht um das gutgemeinte Halbwissen über das Web. Es geht um die sogenannten Metatags, das sind Infos, die auf der Webseite nicht lesbar sind, die aber versteckt dazugehören. In der Pionierzeit des Webs konnte der Betreiber Stichwörter hinterlegen, die von den ersten Suchmaschinen ausgewertet wurden. Da die Manipulationsgefahr zu offensichtlich ist, werden diese Wörter schon seit der Jahrtausendwende von Google & Consorten geflissentlich ignoriert. Im nebigen Film erklärt das ein Vertreter der Datengurgel noch einmal „offiziell“. Desungeachtet verwenden in großen und vor allem sehr großen Firmen sehr viel Zeit darauf, sich diese Schlagworte auszudenken und Strategien zu entwickeln, wann und wo welches Wort auf welcher Seite erscheinen soll. Wer also bis hierher mitgelesen hat, weiß von der mangelnden Sinnhaftigkeit solcher Aktionen. Naja, und dann muss das auch noch jemand realisieren.
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Donnerstag, den 16.09.2010 [13:14]
Neues aus der Praktikantenrepublik: so wie die Kunstfigur Heidi Hoh (… arbeitet hier nicht mehr) von René Pollesch braucht der moderne Mensch einen Körperkompjuter, der in seiner Inkarnation als MacBookPro irgendwie immer am Mann parat sein sollte. Es muss ein Rucksack her. Der muss robust wie ein deutsches Mandat in Afghanistan, schön und praktisch sein. Am besten wäre eine Tornisterrucksack – in süddeutsch Affe genannt. Eine Berliner Freundin schenkte uns vor langen Zeiten solch ein Ding, ist aber leider im Rahmen eines Autoaufbruchs in Hamburgs Bahnhofsnähe abhanden gekommen. Bis zum Kauf kann das eine lange Reise sein. LederIsrael, Globetrotter und andere lokale Händler zucken nur mit den Schultern und fragen immerfort nach Marken. Komisch – wäre uns egal. Die Gedanken schwirrten schon in Richtung Sattler oder Täschner. Lothar Müller in Horn und so eine Ledermanufaktur in Ottensen waren im Gespräch. Die schweizer Firma ¬freitag, die in Hamburg ein Tochterhaus unterhält und aus Abfällen in Gutmenschenmanier Taschen baut, scheidet auch aus, weil es keine praktischen (spießigen) Rucksäcke gibt und das Preisniveau einfach für die Qualität zu hoch ist. Dann doch Internet. Die Kölner Rundschau betreibt (warum auch immer) so einen Merchandising.Shop, der einen (chinesischen) ¬Kurierrucksack für unter 25 € anbietet, der dem Zwecke zu genügen scheint. Damit beginnt das Drama. So ein Formular ist schnell ausgefüllt. Versand per Rechnung? Das kann nur einer Zeitung passieren – aber OK. Upps, da kommt eine Mail von einer Frau Doktor aus Köln rein: „Bin im Urlaub, in dringenden Fällen …“. Da hat wohl jemand in das Admintool seine persönliche eMail eingetragen und diese Adresee auf Vacation gesetzt. Naja, kann passieren. Es ist ein dringender Fall. Die angegebene Telefonnummer ist tatsächlich der Redaktionspraktikant und ist sehr bemüht … Stunden später ruft eine Ische mit sehr gebrochenem Akzent an und sagt, ihr liege ein Fax vor und sie könne die Adresse nicht lesen und eine Bestellung läge nicht vor. Mit der Jugend – zumal wenn sie weitgereist ist – muss man achtsam umgehen und so nehmen wir die Daten nochmals auf. Kurz gesagt: heute kam mit Die-Eitsch-Ell ein Paket und darin lag kein Rucksack, sondern eine ¬Umhängetasche. Hätten wir nur die Dienste des Horner Schuhmachers in Anspruch genommen!
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Mittwoch, den 15.09.2010 [23:06]
Das Schleevoigtsche Gesetz der Reziprokität der Merkmalhaftigkeit (anstrengendste Jobs werden an schlechtesten bezahlt, Klamotten und Speisen geringen Materialaufwands sind teurer) hat auch seine Entsprechung in der Onlinewelt erfahren: Webseiten kleinerer Fläche, nämlich mobile Seiten für beispielsweise das iPhone, sind teurer als die großflächigeren für Desktopanwendungen. Leider hat sich diese Weisheit noch nicht in alle Winkel der Welt rumgesprochen. „Naja, ach ja – ich vergaß es bald: die ganze Microsite dann bitte auch noch in Miniausführung für iPhone und Consorten. Das ist doch im verhandelten Preis mit drin?“ Gewiss sind die Daten für den Inhalt der Handschmeichleranwendung größtenteils schon parat, aber die Darstellung muss ja doch gemacht werden und Fleißarbeit ist eben auch zu bezahlende Arbeit. Seltsam, dass das zur Disposition zu stehen scheint. Zusätzlich funktioniert so ein iPhone auch anders. Beispielsweise gibt es kein Flash und die Reaktion auf Nutzereingaben ist völlig anders. So kann es keine Schieberegler geben, da ja Schieben die ganze Fläche bewegt. Es bleibt also nicht dabei, die Bilder zu verkleinern ;-))

Novalishörnchen

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Dienstag, den 14.09.2010 [08:30]
Motorene Nussknacker wecken mit ihre prasselndem Geräusch. Es ist die Zeit der Baumhasel, die nun anfängt ihre Früchte abzuwerfen. Ein Schmaus für unser Novalis-Eichörnchen! Der ganze Tag fühlt sich absonderlich an. Gibt es doch so etwas wie Astrologie? Da ist ein Anruf auf dem Händy. Der Rückruf ergibt eine wirre Geschichte. Die Frau am Telefon, die in der Jarrestraße wohnt, ist von einem Taubstummen angesprochen worden. Der hatte angeblich einen Zettel mit der Adresse Novalisweg und meiner Nummer in der Hand und bat die Frau, mich anzurufen. „Der Mann müsste gleich bei Ihnen klingeln.“ – Beunruhigend, besonders wenn man selber am Hafen ist. Abends nahm das Leben wieder eine glückliche Wendung: bei REWE bekam ich einen goldplastenene Einkaufskorb in die Hand.

Das soll Glück bringen. Apropos REWE. Dort gibt es einen eingebettene (Auf-)Bäcker. Nun früher gab es die Auswahl zwischen Brot an sich, Weißbrot und manchmal auch so etwas wie schwerverdauliches Schwarzbrot. Mittlerweile heißen die Brote „Ausgehobenes“, „Holzlucke“ oder „Junggeselle“. Im Wording also echt eine Bereicherung. Knorke ist auch „Kommissbrot“. Also ich verbinde damit das Brot, dass es beim Barras am Komplektetag gab. Das war immer der Tag im Monat, an dem die Heeresvorräte oder Staatsreserve gegessen werden musste. Da gab es also Büchsenwurst, Bohnensuppe und eben das ¬Kommissbrot. In der Erinnerung war das ein Graumischbrot, das völlig geschmackfrei war und beim Essen im Mund immer mehr wurde. Das wird jetzt beworben …

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Montag, den 13.09.2010 [14:22]
Schon ist das Wochenende wieder rum und der Ernst der Woche beginnt. Bei REWE ist dies die Woche der Nachhaltigkeit. Diese Tatsache hat es sogar bis zu einer Meldung in der Tagespresse gebracht. Es geht um sozial und ökologisch verantwortliche Herstelung und selbst die Lieferfahrzeuge vermeiden schlangenlinienfahrend Handysendemasten. Vorbildlich!

Der gestrige Tatort im „Freundlich & Kompetent“ hat sich diemal dem Thema der Emotionen und der wirtschaftlichen Folgen bei Ehescheidungen angenommen. Jeder und jede kann sich dann seine persönlichen Bestätigungen seiner/ihrer Lebensweisheiten und Überzeugungen herausziehen. Leidtragend sind nicht nur die unmittelbar Beteiligten, sondern insbesondere die Kinder, die ja auch (wie wir wissen) im Krieg besonders leiden. Der Grundstein für ein sorgenvollen Erwachsenleben ist gelegt. Wenn es schon dem Vater nicht gelang das Flugzeug langfristig am Himmel zu halten, woher soll dann Sohnemann den Mut zum Flugzeugstart nehmen.

Liegt das Heil vielleicht in den archaischen Familienstrukturen, die uns unsere neuen Mitbürger vorleben? Gewisse Soziologenschulen behaupten das tatsächlich und ein Motiv für solche gemischten Verbindungen sind dem Vernehmen nach auch von dem Wunsch nach dort vermuteten, stabilen Familienbeziehungen gezollt.
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