Rainers Horen
Montag, den 13.12.2010 [10:53]
Da wo früher in Hamburg die Pinkelbuden standen, sind heute kuschelige Cafés in Verpachtung. Die Werktätigen sitzen in ihren Kreativ-Agenturen, rufen sich gegenseitig an und versprechen sich schmissige Lösungen für neue Probeme bei den Medien.

Die Ehefrauen sitzen derweil in solchen und anderen Cafés, nippen am laktosefreien Galão oder grünen Tee und unterhalten sich über ihre luxuriösen Alltagsprobleme. Ein kleiner Kaffee und ein Stück gedecktem Apfelkuchen kosten knapp den Tagessatz eines Stützeempfängers. Wer es also nicht so dicke hat, sollte seinen Sonntagnachmittag nicht an der Strandperle verbringen.



Auch das schreiende, wimmernde Akkordion hat seine Daseinsberechtigung – gerade in U-Bahn-Anlagen.

Da sitzt jeden Tag so ein begnadeter Künstler und kennt ein Lied oder mehr so ein Harmoniekontinuum. Im nebigem Klangschnipsel bekommt der geneigte Horenleser (und jetzt auch Horenzuhörer) einen vagen Eindruck von der Expressivität seiner Musik, einer Musik, die sich dem Alltag entgegenstemmt. Er sitzt tagsein und tagsaus im Schnittpunkt der Ringbahn und der S-Bahn nach Altona und Pinneberg. Nach Einwurf einer Münze erhebt er auch noch seine Stimme und begleitet textlos sein Kunstwerk. Ähnlich wie in der Novelle von Reinhard Lettau, in der der Herrscher musikhörend durch sein Land fährt und jede Kapelle spielt immer nur einige Takte, ist es hier ähnlich und umgekehrt: er sitzt und spielt und die Zuhörer kommen vorbei. Die merken nichts von der ewigen Kontinuität., sondern ergötzen sich an der harmonischen Verschönerung ihres Alltags. ¬Schwarze Augen und ¬Moskauer Nächte kennt er nicht. Das schließt schon einmal eine gewissse Herkunft aus.

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