Rainers Horen
Freitag, den 18.02.2011 [16:43]
Das hier oben ist natürlich ein Scherz. Das ist nicht Hindi oder die Schrift Devanagari, sondern einfach nur Kitsch und bestenfalls als Schriftzug für ein indisches Restaurant (aufgemachte Erbsenkonserven, Lammhack und was noch alles mit scharfer Würze und aufgesetzter Höflichkeit gnädiglich zugedeckt) geeignet.

Wie in vielen Bereichen des Lebens ist alles etwas komplexer, als sich der Laie das so vorstellt. Nach Meinung von linguistischen Pädagogen und Didakten tritt allfällig ein spannendes Phänomen auf: jeder, der noch nie Berührungen mit fremden Sprachen hatte, stellt sich vor, dass in der anderen Sprache nur die Wörter ausgetauscht sind. Das ist mitnichten so. Und wer nur Schulsprachen kennt, kann sich andere Schriftsysteme nicht vorstellen. Oder er denkt vielleicht, da sind eben auch nur Buchstaben ausgetauscht, so wie sich das im Russichen darstellt. Auch das Hebräische ist nur scheinbar exotisch: dort fehlen in der Verschriftung schlichtweg die Vokale. Gut, das spart Platz und Mühe. Dann gibt es reine Silbenschriften. Das bekannteste Beispiel ist das Katakana des Japanischen. Dieses Schriftsystem wird für die Verschriftung von Lehnwörtern verwendet, für die es keine chinesischen Schriftzeichen gibt – beispielsweise für Eigennamen. Da es im Japanischen nur wenig Konsonanten und Vokale und nur offene Silben gibt, entstehen nur ca. 80 Silben und für die gibt es eben 80 Zeichen. Nehmen wir die Folge ki ke ka ko ku ergibt sich daraus ?????. Das sind die schönen Zeichen, die im Film Matrix grün auf schwarz nach unten sinken.

In Hindi ist das mit der Schrift nun tatsächlich ganz anders. Die Silbenstruktur ist ähnlich wie in vielen asiatischen Spachen nicht so kompliziert wie in den europäischen Sprachen. Fast alle Silben sind offen. Das heißt sie bestehen immer aus dem Paar Konsonant mit folgendem Vokal. Da es einen sehr großen Vorrat an Konsonanten gibt, ergeben sich entsprechend viele Silben, die allerdings nicht alle ein eigenes Zeichen haben, sondern sich systematisch aus deer Kombi ergeben. Das ist übrigens ähnlich wie im äthiopischen Amharisch. Für den Deutschen ist das auch schon deshalb schwierig, weil es völlig neue Konsonantenqualitäten gibt, die der Deutsche entweder gar nicht hört oder nicht einordnen kann. Später dazu mehr.

Wie schon erwähnt, kann eine Silbe oder ein Wort nicht mit einem Vokal beginnen. Wenn es dann doch scheinbar auftritt, dann beginnt die Silbe mit einem Laut, der in den Schulsprachen nicht verschriftet wird. Es ist der Knacklaut, der im schönen Wort Beamter die zweite Silbe einleitet. In den semitischen Sprachen gibt es dafür ein Zeichen, das in Ivrith sogar damit beginnt. Es ist das Alef ? bzw. das Hamza ?. Im Devanagari kann es das Zeichen nicht einzeln geben. Es gibt nur Ligaturen mit den 12 Vokalen.

Fangen wir mit dem langen, geschlossenen a wie in Ahnung an. Das sieht in Devanagari so aus:
?
. Das riecht schon ein wenig nach Räucherstäbchen … Weitere lange Vokale sind das i (Biene):
?
, das lange u (Kuh):
?
, das lange e wie in Segen:
?
, das lange ä wie in Ähre:
?
, das lange o wie in Bohne:
?
, das lange, offene ? wie in dem schönen Wort Schorle:
?
.

Wenn wir gerade bei der Aussprache sind: das ist in Lehrbüchern immer ein heikles Problem. Da die fremde Sprache immer ein anderes Lautsystem aufweist, ist es prinzipell nicht möglich, mit gewohnten Buchstaben fremde Sprache darzustellen. In dem Buch ¬Hindi Quick & Easy ist ein noch abartiger Weg gewählt worden: zum einen sind die kleinen, aussprachesteuernden Zusatzzeichen (wie Strich über dem Vokal) in völlig unüblicher Bedeutung eingesetzt, nämlich in der Weise. dass beispielsweise der vorhin genannter Strich nicht wie üblich den Vokal verlängert, sondern verkürzt. Das ist recht verwirrend. Zusätzlich möchte die Autorin dem geneigten Studenten weismachen, dass die Vokale so ausgeprochen werden, wie sie in der englischen Transliteration verschriftet werden. Ist das Zufall? Da kommt ein Rucksacktourist in den Aschram
?????
und möchte das schöne Wort schämen sagen und aus seinem Mund kommt so etwas wie ßtshaimen. Das lässt sich sicher nicht mit Dialekt erklären. Hier nochmal die Vokalübersicht aus dem ¬Omniglot:



In der ersten Zeile steht der Vokal in Devanagari, in der zweite Zeile in einer Transliteration nach ¬IASTund ganz unten in der verbindlichen IPA-Auszeichnung. Jetzt wird auch klar, woher die skurrilen Aussprache im oben genanten Hindi-Buch herstammen: nach der Vorstellung der Autorin spricht man Hindi so aus, wie es in der Transliteration dargestellt wird. Deswegen auch der Satz der Lehrerin: „Man spricht es aus, wie es geschrieben ist“ – na prima. Dieses Hindi ist dann wirklich nur für ambitionierte Yogalehrer gedacht, die ihr exotisches Colorit aufmöbeln wollen.

Genug der Abschweifung. Wenn es diese Vollvokale gibt (die wie wir jetzt wissen doch nicht ganz voll sind, sonder das Hamza oder Aleph vokalisieren), dann gibt es auch Halbvokale. Die hängen sich an die Konsonanten. Im folgenden Tool werden sie automatisch errötet:



Leider klappt das nicht wie erwartet. Im Firefox werden nur die Vokale errötet, die in natürlicher Reihenfolge nach den Konsonanten stehen. Vokale, die über, unter oder gar vor den Konsonanten stehen, bleiben schwarz. Im Safari verhält sich das System so, als ob man Cufón einsetzt. Cufón ersetzt alle Zeichen durch ein SVG-Gemale. Unicodemäßig gibt es für die ganzen Kombinationen kein Extrazeichen (beispielsweise
??
für „ki“, sondern die Zeichen werden dynamisch zusammengebaut, so etwa wie im Hebräischen die Vokalisierungszeichen „??“. Das eingebaute Rendering des Browsers liest die Unicode-Sequenz, weiß dadurch die Stapelreihenfolge der Zeichen und platziert beispielsweise das
?
im schönen Wort Hindi vor das H. Packt man nun (wie in obiger Fingerübung) Kästchen um die einzelnen Elemente, dann gehen diese Informationen verloren. Das gleiche passiert auch beim Einsatz von Cufón, das auch zeichenorientiert arbeitet. Die einzige Möglichkeit der Vokaleinfärbung besteht offenbar darin, direkt im Canvas/SVG-Bereich zu manipulieren. Ziel ist die automatische Vokaleinfärbung, die im nachfolgenden Beispiel einfach mit einem Grafikprogramm realisiert ist.

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Mittwoch, den 16.02.2011 [14:26]
„So kann ich nicht arbeiten!“ – das wäre die angemessene Reaktion, wenn man ein Auto reparieren soll und darf die Motorhaube nicht öffen darf. Als zusätzliches Erschwernis darf das gewohnte Werkzeug nicht verwendet werden, sondern nur ein Nusskasten aus dem Baumarkt. Nun ist das sicherlich nicht böser Wille, sondern vielleicht nur Ahnungslosigkeit oder auch ein wenig ungewollte Respektlosigkeit gegenüber einem Berufsstand, der sich eben nicht über Zunft- oder Ständesysteme selbst schützt. Da nützen im Moment auch Zertifikate nichts. Wenn die Welt doch wenigstens vom Mittelmaß regiert würde … Ich sage jetzt mal nur: Webhosting einer umsatzstarken Firma auf einem Webhostigpaket von 1&1, das ist das, was unter Fachkreisen als die Webhölle belächelt wird. Gut – auch diese Horen laufen aus historischen Gründen hier, das ist aber sicherlich keine unternehmenskritische Anwendung und kann damit leben, dass nicht mehr als zwölf Prozesse laufen dürfen.



Der Rest des Tages war ein arabischspachiges Formular. Naja, auch eine schöne Aufgabe. Das Einpflegen der Texte ist etwas schwieriger als gewohnt, weil eben auch der Kursor andersrum läuft. Nebenbei: die neuen Input-Typen in HTML5 sind erwartungsgemäß wieder sehr eurozentristisch. Sie zerfallen im rechtsläufigen Sprachraum. Es gibt beispelsweise neue Eingabefelder für Datum und Ziffern. Die hat sich offenbar noch niemand in Arabien angeschaut.

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