Rainers Horen
Sonnabend, den 06.08.2011 [21:48]
Vor nunmehr zwanzig Jahren – jetzt will ich einmal sprachlich exakt sein – hat Tim Berners-Lee das Web ins Internet geschoben. Das Netzt gibt es wohl schon seit den Zeiten kurz nach dem Mauerbau.

Schon vier Jahre später vermeldete die Ostthüringer Zeitung, dass das Netz (damals noch Datenautobahn) nun auch in Jena angekommen ist. Original hieß es am 28. Juli 1995_ „Blitzschnell und zum Ortstarif ist man per Computer auf der Datenautobahn Internet. Für Anfänger aber ein schwieriges Unterfangen. Der Verein THÜRINGEN NETZ will dabei helfen: Vorstandsmitglieder Lutz Donnerhacke, Winfried Müller (Vorsitzender) und Rainer Schleevoigt demonstrieren, wie sie die Verbindung herstellen.“



Damals hieß das also noch Datenautobahn, heute nach zwanzig Jahren heißt es Internet. Ganz klar: früher stand die Technik im Vordergrund, heute geht es um verknüpfte Inhalte und überhaupt um viel mehr. Und deshalb auch das TYPO3-Camp.

Das Wochenende war in Wahrheit anstrengend und doch sehr erfreulich. Thema war nicht Sommerdom, Alstervergnügen und schon gar nicht das Jahrestreffen der Schwulen, Lesben und anderen Queers, sondern das TYPO3-Barcamp in Hamburg.



Nicht jeder ist wohl so szenig, um zu wissen, was denn das nun wieder ist – ein Barcamp. Das ist im übertragenenen Sinne ein Picknick: nämlich eine Veranstaltung, bei der jeder etwas mitbringt und zum Gelingen beiträgt. Bei einem Barcamp geht es nicht wirklich um Nudelsalat und ähnlichen Gerichten, die man so von Klassenausflügen in Schulllandheime kennt, sondern um Austausch von Wissen und Erfahrungen zu einem Thema – in unserem Falle um das Thema TYPO3. Nach der Aufweckung durch viel Kaffee und festem Frühstück kommt die Sessionplanung. Es gibt einige Räume und Zeitscheiben, in die sich die Erfahrungsträger einbuchen können. Dann stehen sie alle vorne und preisen ihren Vortrag oder einen Workshop an. Dann wird gefragt, wen's interessiert und dann bekommt der Speaker einen Eintrag in die Datenbank. Ab jetzt ist nach jeder Stunde großes Hin- und Herziehen durch die Flure angesagt. Selbstverständlich gibt es WLAN und Beamer und so geht das alles ziemlich zeitgeistig ab. Das mit dem WLAN klappt nicht immer 100%-zig, aber da die meisten UMTS haben, hilft man sich gegenseitig mit dem Personal Hotspot aus. Thematischer Schwerpunkt war heuer eindeutig das neue Programmierparadigma extBase und Fluid. Klingt irgendwie nerdig. Ist es auch. Tatsächlich geht es um eine besonders pfiffige Art und Weise, wie Text- und andere Daten so verknüpft werden, das eine schöne Bildschirmasugabe gebaut wird. Mehr will ich jetzt einaml nicht verraten.

Auch ich durfte drei Sessions halten: Thema war (wie nicht anders zu erwarten) TYPO3 trifft Smartphone. Die Gemeinde war zwar nur klein, aber dafür ehrlich begeistert.

Nicht ganz unwichtig: die Verpflegung. Die war wirklich optimal. Wie sagte so schön einer der Hauptsponsoren Jochen Weiland: „Gewiss könnte man auch billiger bleiben und Schnittchen anbieten – aber so bleibt es letztlich besser im Gedächtnis haften.“
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Donnerstag, den 04.08.2011 [18:04]
Lästling – so das Wort in der Ratgebersendung für neue Kleingärtner des Deutschlandsfunks. Maulwurf ist so ein Kandidat. Man solle sich eine Kindergartengruppe ausleihen und toben lassen. Gute Idee. Dann hat man die lästigen Maulwürfe durch lästige Nachbarn ausgetauscht, die noch unangenehmer sein können. Wie sagt so schön Gerhard Polt: „Ich grüße Herrn Krause obwohl er mein Nachbar ist“.



Wenn wir gerade von Lästlingen reden: oft wird darüber gesprochen, wie vollendete Kundengespräche sein sollte. Ich habe da eine Vision: „Sagen sie mir, wovon Sie träumen, dann fange ich schon mal an. Falls Sie einen Geistesblitz haben, rufen Sie an. Ich brauche immer Inspirationen. Wenn es dann morgen fertig ist un d Sie vorerst keine neuen Ideen haben, dann können Sie entscheiden, ob Sie es Ihnen gefällt und dann können Sie mir Geld geben, was Sie für angemessen halten. Falls Ihnen mein Produkt missfällt, dann können mir auch eine Rechnung stellen – immerhin habe ich ja Ihre Zeit und Aufmerksamkeit gestohlen.“

Das ist natürlich Unsinn. In Wahrheit gibt es immer ein ausführliches Pflichtenheft, in dem präzise das Anforderungsprofil hinterlegt wird. Dann kommt der Kostenvoranschlag. Falls dann die geplante Zeit dann doch wegen unvorhergesehener Dinge nicht ausreichen sollte, wird natürlich nachverhandelt.
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Dienstag, den 02.08.2011 [17:52]
In Hamburg wird viel genetzwerkt. In anderen Metropolen wie Köln würde man das Zusammenhocken als Außenstehender vermutlich als Klüngeln bezeichenen. Die Bewertung solcher Dinge hängt natürlich vom eigenen Standpunkt ab. Eben ob man drin oder draußen ist. Der Hamburger in seiner niederdeutschen Sprechart könnte auch buten und/oder binnen sagen. Für Nichthamburger: das Wort „buten“ ist das Gegenstück zum bekannteren Wort „binnen“. Auch bei den Netzwerktreffen an sich gibt es die beiden Typen. bei der einen Art von Treffen sind die Teilnehmer drinnen. Dann sind die Leute jünger berichten überwiegend von Kampagnen und Projekten. Thema ist dann oftmals das Beraten. In der anderen Gruppe geht es nicht so handfest zu. Die Leute sind meist über 40, draußen und im Bereich Gestalten beziehungsweise Heilen unterwegs. Beim letzten Butentreffen brachte eine Dame ein neues Wort ins Spiel, das Kern ihrer philosophischen, aber auch heilend/helfenden Theorie darstellt.



Um ¬pranzologische Dextralysenzeuse ging es nicht, daran würde ich mich erinnern, es ging um ein kurzeres Wort, das jedenfall eine gewisse innere Unbalance der menschlichen Seele darstellt. Es ist eine Unausgeglichenheit, die einem unaufgeklärt nicht wirklich bewusst ist, die aber nach aufwändiger Behandlung durchaus heilbar ist. Die Hoffnung besteht – so die Referentin. Klingt nach klassischem Marketing und für ca. 7×200.– € kann jederman die Philosophin für einen Fachvortrag vor größerem Publikum buchen – großartig!

Damit man sich die Heilswege besser merken kann, hat sie sieben Säulen definiert, die sie wiederum sieben Körperteilen zuordnet: Kopf, Augen, Mund, Schultern, Herz, Bauch und Beine. Das ist einleuchtend. Bei dieser Phase des Vortrages passierte urplötzlich etwas Unverhergesehenes: eine andere Dame, die auch energetisch unterwegs ist (allerding ein anderes kompliziertes Wort zur ihrem Thema gemacht hat), sprang puterrot auf und lamentierte: „das sei ja wohl unmöglich, hier werden die Leute manipuliert und programmiert. Das ist genau das, wovon ich meine Patienten zu befreien versuche – es ist perfide die sieben Chakren … das höre ich mir nicht an!“ – und weg war sie. Betroffenes Schweigen. Haben sich hier zwei Schamninnen getroffen? Nach ihrem Abgang waren wir sieben Teilnehmer. Das ist natürlich sehr sinnstiftend, wenn man sich im Tierkreiszeichen Löwe befindet. Es ist zu befürchten, dass es nun nicht mit dem Vortrag über Polarity Quintessenz wird. Wäre bestimmt auch unterhaltsam geworden. Leben wir jetzt alle auf dem Thomas Mannschen Zauberberg?

Wer lügt, muss ein gutes Gedächtnis haben. Es ist schwierig in solchen künstlichen Gedankengebilden die Konsistenz zu wahren. Eben weil die Widersprüche zur umgebenden Welt nicht vollständig zu vertuschen sind.

Während des Studiums der Elektroingenieurwissenschaften kam es zu einer spannenden Fragestellung. Ein Bekannter („Locke“) aus Leipzig hat als Diplomaufgabe die Fortführung und Weiterentwicklung der Doktorarbeit seines betreuenden Diplomvaters. Es ging wohl um die Optimierung von ¬Spaltpolmotoren. Locke entdeckte auf Seite 27 einen riesigen Denkfehler, der das ganze Ergebnis der Berechnung ad absurdum führte und er fragte mich nun zwischen zwei YES-Alben, wie er mit der Situation umgehen soll.
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Montag, den 01.08.2011 [16:42]
Sonntags ist Tatortzeit und in einer cineastischen Satire ist das Tatortgucken Einbürgerungsbedingung für türkische Umsiedler. Soweit wollen wir mal nicht gehen. Bislang war ja Deutschland von populistischen Strömungen à la Haider, der Lijst Pim Fortuyn, des Vlaams Blok oder der Front National verschont. Der Sozialdemokrat mit dem sehr deutschen Namen hat eigentlich nur sein Buch beworben. Nun gab es aber dieses schreckliche Ereignis in Norwegen, bei dem der Akteur sehr zielgerichtet die Medien bedient. Er jongliert gewissermaßen mit der Aufmerksamkeit („ … die Regierung soll zurücktreten“). Sein Manifest ist zumindest von den Jounalisten und Feuilletonisten eifrig gelesen worden. Jedenfalls ist zumindest kurzzeitig das Thema der sogenannten „Überfremdung“ wieder im Bewusstsein angekommen.



Und jetzt das Wunder: im sonntäglichen Fernsehtatort („Familienaufstellung“) sind die Bösewichte alle Teil einer eine erfolgreiche türkische Familie. Nun besagt das gar nichts. Meistens sind die Handlungsträger Bürger ohne Migrationshintergrund und niemand würde unterstellen wollen, dass die Filmemacher in solchen Fällen gehen die Deutschen hetzen würden. Nun liegt aber diese Greueltat noch im Betroffenheitsgedächtnis der Deutschdeutschen und Deutschtürken. Wenn es nun mal sein soll mit dem ethnischen Thema, dann gibt es doch zwei Möglichkeiten: der Anfangsverdacht fällt aus Klischéegründen auf die türkischen Bevölkerungsgruppe, aber im Laufe der Handlung war es doch wieder der deutsche Industrielle, der den Rachen nicht voll genug bekommen kann. In diesem Fälle müsste sich das Filmteam des naiven Gutmenschentums bezichtigen lassen. Das entgegengesetzte Libretto ist klischéebestätigend und zeigt voll die Andersartigkeit dieser Kultur vom Bosporus. Leider war das am Sonntag so. Die ganze Zeit war ich immer am Suchen nach der positiven Aussage. Da war nichts. Die zweitjüngste Tochter soll verheiratet werden. Wie das immer so ist, war die ganz anders unterwegs und hatte ihr Herz schon in der neuen Heimat vergeben und wollte nicht eine weitere legale Umsiedlung begünstigen. Es ist nicht bei der Liebe geblieben und so gab es in ihrem Scham schon eine spürbare Veränderung. Am Tage vor der geplanten Hochzeit war sie bei ihrer größeren Schwester, die weil Ärztin, durchaus in Lage gewesen wäre, das „Problem“ zu flicken. Die wollte das nicht und auch ihre lesbische Freundin war dann noch Opfer des übergroßen Gruppendrucks.



Wäre es seitens der ARD nicht schlauer gewesen, diesen ¬TATORT zu schieben?
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