Rainers Horen
Sonntag, den 05.08.2012 [11:09]
Früher hießen die Programmierer Entwickler – heute müsste man Umsetzer sagen. Wie komme ich drauf? Gerade berichtet eine mobilCamperin davon, dass ihre Firma eine GeoApp entwickelt hat. Die Frage, wie das Ding im Store zu finden sei, wurde beantwortet mit: „Sorry, wir haben es entwickelt, muss jetzt nur noch umgesetzt werden.“. So verändern sich Berufsbilder. Welche Blüten das treiben kann, wurde bei einem Vortrag klar, der eine europäische Ausschreibung thematisierte. Das Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt bietet tolle Geodaten an und will sehen was so geht.Wer das beste mobile Konzept vorlegt, bekommt 40 k€ und darf seine Idee verwirklichen. Letztes Jahr gab es auch schon diese Challenge und da hatte beinahe eine Dame aus London gewonnen. Kurz vor der endgültigen Juryentscheidung dämmerte es Selbiger, dass die Projketidee reinste Fiktion ist, die sich überhaupt nicht realisieren lässt, sondern einfach nur sehr phantasievoll daherkommt. Da wurde also eine App entwickelt. Nicht nur in der sogenannten Geldwirtschaft geht es nur noch um Visionen und Hoffnungen. Schlimm ist es, wenn man selber in dem lästigen Vorgang zwischen Auftragserteilung und Rechnungslegung gefangen ist.



Zu den gestrigen Gedanken zu Gegenmustern im Projektmanagment gibt es noch eine weitere Verschärfungen. Der Begriff lautet ¬Vertrauensarbeitszeit. Schon der zwanghaft trübsinnige Kafka „Das Tier entwindet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst um Herr zu werden und weiß nicht dass das nur eine Phantasie ist, erzeugt durch einen neuen Knoten im Peitschenriemen des Herrn.“. Das mit den flachen Hierarchien ist nun wirklich ein alter Hut, aber diese Distanzlosigkeit soll immer wieder als Magnet in Stellenausschreibungen dienen. Auch ohne den entsprechenden ¬WikipediaArtikel sollte jedem Hellkopf klar sein wohin diese Rumduzerei führt: nämlich zu Gruppenzwang (Teamfähigkeit) und erhöhter (flexibler) Arbeitszeit.
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Sonnabend, den 04.08.2012 [10:33]
Erster Tag des mobilCamps: der geht besonders langsam los, weil gestern die proseccogeschwängerte Aufwämparty war –und dann noch auf der Heimfahrt mit dem Rad den Zehnagel gebrochen. Wann und wo? keine Ahnung.


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Freitag, den 03.08.2012 [16:09]
Was macht eigentlich ein Freelancer? Um diese Frage zu beantworten, gibt es natürlicherweise sehr verschiedene Ansätze, weil auch Standpunkte.

Standpunkte entstehen durch Rollen. Klassischerweise gibt es Systeme, die verschiedene Aufgaben zu erledigen haben, dafür Geld bekommen und davon leben. Üblicherweise sind die Systemteilnehmer Angestellte, die bekommen ihr Geld in einer gewissen zeitlichen Mittellung, die werden also nicht direkt nach ihrer erbrachten Leistung (im engeren Sinne) bezahlt. Juristisch unterliegen die nicht einem Werksvertrag, sondern einem Dienstleistungsvertrag. Sie werden also letztlich für den guten Willen, ihren Fleiß, ihre Anwesendheitsdiszipin bezahlt. Und das ist auch gut so – das muss es auch geben und ist Fundament unserer modernen Indstriegesellschaft. Diese „Arbeitsbienen“ sind einer Königin unterworfen, die wiederum durch geschickte Zusammenstellung und Führung nach Außen hin eine positive Bilanz erzeugen muss. Da diese Gruppe recht effizient arbeitet, hat es auch eine lange Lebensdauer.

Nun werden solche Systeme aber leider auch von Partikularinteressen gesteuert, die nicht mit dem Gesamtziel (Budgeteffizienz) übereinstimmen. So ist das Privatleben wie Mittagspause, Wochenende und Urlaub eher störend. Auch neigen Menschen zu Trägheit und möchten gerne ihren Ego füttern. Irgendwelche Hahnenkämpfe oder Zickenalarm stören das Gesamtbild.

Wie heißt es so schön beim NDR: Einzig ist störend, dass wir ein Radioprogramm gestalten müssen. So kommt es auch immer wieder vor, dass Kunde mit Auftrag droht. Es liegt leider in der Natur der Dinge, dass der Angestellte sich eben nicht ständig auf den neuesten Stand der Dinge hält und schaut, was sich am Markt so bewegt – er wird vom Durchlauferhitzer Agenturgeschäft völlig in Beschlag genommen.

Jetzt kommt der Freelancer ins Bild. Er ist zur Stelle, um diese Lücken zu füllen. Bei dem kauft man eben nur die Leistung ein. Leider findet dann kein Lernprozess bei den Internen statt und so hat diese Lösung eine geringe Nachhaltigkeit.

Das war jetzt die wohlwolllende Interpretation des Geschehens. Projekte scheitern nicht nur an mangelnder Qualifiaktion des Personals sondern vor allem am Projektmanagment, das dieses Namen nicht verdient. Es gibt zwei typische Szenarien: der häufigste Fall ist eine gewisse Konzeptarmut, die aus Selbstüberschätzung oder ambitioniertem Dilettantismus entsteht. Die Komplexität eines Problems wird völlig unterschätzt und so wird zum falschen Werkzeug gegriffen.. Dann ist die Zeit und das Geld alle, das Projekt ist fast fertig und soll es der externe Freiberufler richten. es gibt also fast kein Budget (weil verpulfert), aber es wird mit lukrativen Folgeprojekten geworben. Ahnt der Leser etwas?


Richtig, das ist richtig unangenehm. Offiziell heißt das dann: wir haben Expertise im Hause, sind aber zur Zeit wegen der gigantisch guten Auftragslage zeitlich suboptimal aufgestellt und so weiter und so fort. Jeder weiß von dieser Notlüge, der Externe spiegelt die interne Unfähigkeit und es wird alles daran getan, um genau diesen verheerenden Eindruck zu vermeiden, der wie oben angedeutet zu GAME OVER führen kann.

Es gibt für einen Zuarbeiter ein noch beeindruckenderes Thema: es sind die Antipattern des Projektmanagments. Die sind so manifest, dass es sogar eigene Begrifflichkeiten gibt – fast so wie die 36 Strategeme des Essstäbchenkulturkreises. Folgemder Text ist aus Wikipedia, aber trotzdem schön:

Feature creep deutsch: Erschleichung von Funktionalität
Der Umfang der zu entwickelnden Funktionalität wird in einem Projektplan festgehalten. Der Kunde versucht, nach der Erstellung des Projektplanes weitere Funktionalität in die Version mit unterzubringen. Dies führt zu Problemen, wenn die in Arbeit befindliche Version nicht das notwendige Design aufweist, Termine nicht eingehalten werden können oder die Kosten über die planmäßigen wachsen. Bei schwergewichtigen Prozessen sehr gefährlich, bei leichtgewichtigen wie XP müssen bei allen Beteiligten die Konsequenzen klar sein. Ein systematisches Anforderungsmanagement und Änderungsmanagement sind obligatorisch. Extreme, böswillige und grob fahrlässige Anwendung dieses Musters kann dadurch motiviert sein, dass der Auftragsteller, der immer neue Funktionalität fordert, das Produkt boykottieren möchte und dessen Abschluss zu verhindern sucht.

Scope creep deutsch: Erschleichung weiterer Anwendungsbereiche
Wie Erschleichung von Funktionalität, jedoch nicht auf Funktionalität bezogen, sondern auf den Anwendungsbereich. Auch hier zeichnet sich der Auftraggeber dadurch aus, dass er geschickt und versteckt den Umfang der Software nachträglich erweitern möchte, ohne dass er dies explizit zugibt. Beispiel: nicht diskutierte Anwendungsbereiche sind plötzlich sehr wichtig bzw. das Fehlen eines Bereiches wird sogar als Fehler dargestellt, der dringendst behoben werden muss.

Brookssches Gesetzengl. Adding manpower to a late software project makes it later
Mitarbeiter zu einem verspäteten Softwareprojekt hinzuzufügen, verzögert das Projekt nur noch weiter, weil die neuen Mitarbeiter Zeit benötigen, um sich einzuarbeiten.

Death Sprint deutsch: überhitzter Projektplan
Software wird iterativ bereitgestellt, allerdings in einer viel zu kurzen Zeitspanne. Nach außen sieht das Projekt zunächst sehr erfolgreich aus: immer wieder neue Versionen mit neuen Eigenschaften werden abgeschlossen. Allerdings leidet die Qualität des Produktes sowohl nach außen sichtbar, wie auch technisch, was allerdings nur der Entwickler erkennt. Die Qualität nimmt ab mit jeder „erfolgreichen“ neuen Iteration. Gegenteil von Death March.

Death March deutsch: Todesmarschprojekt
Das Gegenteil von Death Sprint. Ein Death-March-Projekt zieht sich ewig hin. In einem optimalen Fall werden zwar Vorabversionen bereitgestellt, welche aber von schlechter Qualität sind. Der Misserfolg ist objektiv sichtbar. Es können keine Meilensteine gehalten werden bzw. es existieren gar keine. Schlimmstenfalls kann eine Konsequenz daraus sein, dass das Projekt kein Projekt mehr ist, sondern nur eine zeitlich nicht abgeschlossene Aneinanderreihung von Aktivitäten. Es fehlen konkrete Zusagen für Termine und Lieferung von Eigenschaften. Kann auch bewusst in Kauf genommen werden, um von Defiziten in der Organisation abzulenken und Entwicklungen zu verschleppen (so lange an etwas entwickeln, bis eine nicht genau spezifizierte Eigenschaft in irgendeiner Form subjektiv funktioniert). Wenn sowohl Anforderungsmanagement als auch Änderungsmanagement nicht vorhanden sind und das Projekt kein Projekt mehr ist, so schlenkert das Entwicklungsprodukt orientierungslos umher und dessen Qualität nimmt stetig ab. Kann auch mit Death Sprint kombiniert werden, um nach außen von Planungslosigkeit und Defiziten bei Organisation und Technik abzulenken. Es wird dann Funktionalität als neu bereitgestellt, die bereits lange existiert oder es existiert keine Kontrollinstanz, welche Notwendigkeit, Relevanz, Form, Korrektheit und Wichtigkeit von bereitgestellter Funktionalität bewertet (Beispiel: Neuanforderungen von gestern sind (nicht beinhalten!) die Bugs von morgen). Kommt häufig vor, wenn es keine Stakeholder gibt, die Interesse an dem Produkt haben, oder wenn der in das Produkt einfließende Aufwand oder sogar das ganze Produkt letztendlich keine Bedeutung/Wichtigkeit hat. In diesem Fall beschäftigt sich die Unternehmung oder die Entwicklungsabteilung nicht selten (mit sich) selbst.

Schön ist auch, wenn das vor einem liegende, fast fertige „Projekt“ eiegntlich ein großer Matschklumpen ist. Dann ist guter Rat teuer.

„Ein Big Ball of Mud ist ein planlos strukturierter, weitläufiger, schlampiger, mit Klebeband fixierter und Ballenpressdraht zusammengeschnürter Spaghetti-Code Dschungel. Derartige Systeme tendieren zu ungehemmtem Wachstum und benötigen laufende Betreuung. Die in diesen Systemen enthaltenen Informationen sind wahllos über die entferntesten Elemente verteilt, oft bis zu dem Punkt, wo fast alle wichtigen Informationen global oder dupliziert sind. Die Architektur derartiger Systeme wurde vielleicht nie richtig definiert, und wenn doch ist sie bis zur Unkenntlichkeit erodiert. Programmierer mit einem Fetzen architektonischer Sensibilität meiden derartige Sümpfe. Nur diejenigen, die sich nicht um Architektur scheren und vielleicht sogar gerne Tag für Tag mühsam Löcher in undichten Deichen stopfen, arbeiten gerne mit solchen Systemen.“

Jetzt wird sich der bestürtzte Leser fragen, wie entstehen solche mit Leukoplast zusammengehaltene Drahtverhaue?

Es gibt immer wieder Menschen mit Visionen und guten Ideen. Allerdings mangelt es an Geld oder dem Durchsetzungsvermögen gegenüber Geldhabern. Dann wird solange nach einem Umsetzer gesucht, der vorgibt das hinzukriegen. Meistens gibt es kein Anforderungsmanagment. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf. Irgednwann ist das Projekt fast fertig, aber der Umsetzer ist weg, einfach weil er die Spendierhosen ausgezogen hat.
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