Rainers Horen
Freitag, den 17.05.2013 [09:52]
Die Freitage haben immer so etwas Besonderes. Formell „arbeitsfrei“ und dennoch muss der Tag gestaltet werden. Um 11 ist Kundentermin auf der Reeperbahn und nun sind noch eine Stunde zu überbrücken. Da das Wetter fabelhaft daherkommt, sitzen wir nun neben dem Astraturm im Verzehrbereich der Schanzenbäckerei. Im Hintergrund sitzen Monteure, die serbisch, kroatisch, bosnisch oder slowenisch schnacken. Da es auschließlich Männer sind, wird es wohl um Angeberei gehen.

Am Dienstag war nun diese Axis-Roadshow. Dieser schwedische Hersteller bedient unsere Ängste und unser Sicherheitsbedürfnis und verkauft professionelle Überwachungskameras. Das sind die Dinger, die uns im Retailbereich (Supermarkt) und in den Öffis beobachten. Durch Vorkommnisse getriggert entstehen ständig neue Einsatzbereiche. Beispielsweise müssen in Übersee ständig gewisse Prozesse videotechnisch protokolliert werden. Der Gesetzgeber verlangt es einfach. Das betrifft gewisse Verpackungsprozesse und Vorgänge in der Lebensmittelindustrie. Es wird nicht lange dauert, bis das auch in DACH-Land angekommen ist.

Diese Kameras sind fast alle vandalenfest. Im Netz gibt es nette Videos, in denen starke Männer mit Vorschlaghämmern auf diese Domkameras einschlagen. Das ist aber nicht ihr wichtigstes Merkmal. Die Kameras haben keinen Videoausgang, sondern werden direkt ans Netz angeschlossen, woraus sie auch dem Strom ziehen. Von der Ferne aus können die Dinger dann konfiguriert und eben auch abgefragt werden.

Spannend und erfrischend an solchen Veranstaltungen ist das Eintauchen in neue Welten. Oder besser gesagt die neue Sicht auf bekannten Welten. In einem Supermarkt war sicher jder schon einmal. Nun aber die Sicherheitssicht dieses banalen Vorgangs: Damit Unregelmäßigkeiten (immerhin wird in Deutschland durchschnittlich im Jahr für 50€ geklaut) gerichtsverwertbar sind, muss der Kunde eindeutig identifiziert werden. Das geht am einfachsten im Eingangsbereich. Dort muss er vorbei und der Korridor ist begrenzt. Jetzt ergeben sich zwei Herausforderungen: Gegenlicht durch die Sonne, die sich fieserweise auch noch bewegt und der Anstellwinkel. Der ist (wie alle Männer wissen) oft entscheidend.

Im Retailing ist aber nicht Glücksmaximierung vorderstes Ziel, sondern die Erkennung. Nach einhelliger Meinung der Experten darf der Winkel der Kamera nicht mehr als 15° betragen, ansonsten sähe die Kamera nur die Stirn oder die Resthaare. Die Kamera sollte aber auch in einer Höhe von über 2,30 Meter angebracht sein. Hockt sie tiefer, dann wird sie vom Kunden manipuliert. Das löst zwar einen Trigger aus und die Kamera versendet sofort eine eMail an den Objektverantwortlichen, aber es entstünde ein Sichherheitsloch. Aus der sich rechnerisch ergebenden Entfernung ergibt sich eine Mindestauflösung der Kamera. Man sagt, dass 500 Pixel/Meter notwendig sind, um ein Gesicht maschinell zu erkennen.

Im Bereich der Regale sind dann 360°-Domkameras angebracht, die erkennen aus begreiflichen Gründen keine Gesichter. Im Falle eines Vorkommnisses weren dann diese Bilder mit den Eingangsbildern abgeglichen. Diese Kugelkameras haben einen rechteckigen Chip, nehmen aber nur eine kreisförmige Fläche auf. Aus diesem Kreis berechnet die Kamera beispielsweise solch ein Panoramabild.


Eine weitere Anschaumöglichkeit ist der sogenannte Quadview. Der wird oftmals als Abschreckung öffentlich gezeigt.


Die höchsten Kosten und auch Verluste entstehen am Point of Sale. Das ist der Kassenbereich. Schon deswegen sind dort immer die meisten und besten Kameras installiert. Obwohl die Kassierinnen sehr gut bezahlt werden, gibt es immer wieder schwarze Schafe. Um das Heil und die Lauterkeit zu erhöhen, muss also der Zahlvorgang beobachtet werden. Dank moderner Technik wird an die Kamera gleich das Kassensystem angekoppelt.Das sieht dann so aus, dass der aktuelle Bon mit eingeblendet wird. Auf diese Weise kann alles nachvollzogen werden.

Das war nun alles das einfache Abfilmen. Nun ist in den Kameras ein Linuxsystem installiert. Das schreit geradezu nach Bildbearbeitung. Alels was jetzt kommt, geht in Richtung Marketing und untersteht nicht dem Datenschutzgesetz §13B. Gleich im Eingangsbereich kann ein PeopleCounter installiert werden. Der zählt schlichtweg die Kunden. Zusätzlich kann solch eine Kamera gleich die Aufgabe des Backpath-Avoidings übernehmen. Läuft also eine dusselige Kundin entgefgen dem vorgedachten Laufstrom, dann könnte gleich eine Stimme aus dem Off erschallen, die die Kundin auf ihr Fehlverhalten hinweist. Selbstverständlich gibt es auch Softwaremodule, die Autokennzeichen auswerten können und so einen zeitlichen Footprint der Kunden eines Großmarktes generieren könnten.

Dank der manipulistischen Kommunikation wird gerade viel in Elektroschrottläden viel geklaut. Und, was fast genau so schlimm ist, es wird der Markt als Schaufenster genutzt und dann zu Hause oder gar gleich mobil im Laden im Netz gekauft. Dieses Phänomen ist längst bekannt und vermietet Saturn und Mediamarkt Regale als Werbefläche. Das dort tatsächlich gekauft wird, ist Nebeneffekt. Solche Märkte lassen sich also von den Herstellern das Betrachten der Waren bezahlen. Auch hier kommen Kameras ins Spiel, die einfach nur statistisch die Clienttouches zählen. Auch liegt Optimierungsarbeit.

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